„Beteiligungskapital ist längst kein Tabuthema mehr“

Familienunternehmen seien risikoscheu – Finanzinvestoren dagegen suchten nur das schnelle Geld, lauten gängige Vorurteile. Tatsächlich gibt es deutlich mehr Berührungspunkte, als vielfach angenommen, geht aus einer im Herbst 2007 veröffentlichten Studie „Beteiligungsgesellschaften und Familienunternehmen“ der Intes Akademie für Familienunternehmen, der Beteiligungsfirma Hannover Finanz Gruppe und der Unternehmensberatung Munich Strategy Group (MSG) hervor. Albrecht Hertz-Eichenrode, Vorstandsvorsitzender, Hannover Finanz Gruppe, spricht im Interview über überraschende Ergebnisse und das veränderte Verhältnis beider Gruppen.

Unternehmeredition: Herr Hertz-Eichenrode, das Verhältnis zwischen Familienunternehmen und Private Equity-Gesellschaften galt in Deutschland lange Zeit als gespalten: Hat sich das inzwischen geändert – nach den Ergebnissen Ihrer Studie?
Hertz-Eichenrode: Beteiligungskapital ist längst kein Tabuthema mehr. Ich glaube, die Emotionen, die früher das Verhältnis bestimmten, sind inzwischen einer realistischen Betrachtung gewichen. Es wird immer mehr erkannt, dass die Ziele des Unternehmers als Gesellschafter sich nicht sehr stark von denen der Private Equity-Geber unterscheiden: Beide Gesellschafter-Klassen sind naturgemäß am Wohl des Unternehmens interessiert und wünschen sich eine ertragreiche Entwicklung. Unterschiede gibt es bei der zeitlichen Betrachtung: Der Unternehmer hat üblicherweise einen größeren zeitlichen Horizont als der Private Equity-Geber. Bei den klassischen angelsächsischen Fonds liegt der Zeithorizont zwischen Investition und Exit meist nur bei drei bis fünf Jahren. Das ist häufig nicht vereinbar mit der Sicht eines Familienunternehmens. Einen wesentlich längeren Zeithorizont haben Investoren wie Hannover Finanz, die sogenannte Evergreen-Fonds mit unbegrenzter Laufzeit auflegen. Das ist jedoch eher die Ausnahme als die Regel. Wir waren etwa bei der Drogeriemarktkette Rossmann 22 Jahre lang engagiert, unsere durchschnittliche Investitionsdauer liegt bei acht Jahren. In dieser Größenordnung nähern sich die zeitlichen Horizonte von Unternehmer und dem Private Equity-Investor wieder an.

Unternehmeredition: In welchen Situationen macht Ihrer Meinung nach der Einsatz von Private Equity bei Familienunternehmen Sinn?
Hertz-Eichenrode: In Zeiten der Globalisierung spielt auch für Familienunternehmen das Wachstum eine entscheidende Rolle. Nachhaltiges Wachstum ist nur mit einer starken Eigenkapitalposition möglich. Wer das nicht aus eigener Kraft schafft, braucht einen Private Equity-Investor, der ihm hilft, diese Ziele zu erreichen. Das erkennen immer mehr Familienunternehmen. Auch bei der Nachfolge kommt Private Equity immer mehr zum Einsatz, etwa in Form von Management Buyouts, also dem Verkauf an das Management und einen Private Equity-Investor. Das sichert im Regelfall das Unternehmen sehr viel langfristiger ab als die Übernahme durch einen Konzern, der meist nur an Marke, Kunden oder Know-how interessiert ist und nicht am Standort. Geschlossene Werkstore können dazu führen, dass sich der Mittelständler im Ruhestand in seiner Heimatstadt nicht mehr wohl fühlt.

Unternehmeredition: Welche Ergebnisse der Studie haben Sie am meisten überrascht?
Hertz-Eichenrode: Mich hat überrascht, dass die befragten Unternehmen – es handelt sich dabei im Wesentlichen um gut laufende Unternehmen, die derzeit keine Finanzierung brauchen – sehr positiv gegenüber Private Equity eingestellt sind und sich offensichtlich bereits mit diesem Thema auseinandergesetzt haben. Das war vor zehn Jahren sicher nicht der Fall. Da wusste der durchschnittliche Mittelständler kaum, was Private Equity ist. Es ist wichtig, dass man weiterhin versucht, die Thematik zu versachlichen und aufzuklären, welche Funktionen Private Equity in Familienunternehmen übernehmen kann. Dann erkennen die Unternehmer rasch, dass es doch viele Gemeinsamkeiten gibt.

Unternehmeredition: Was raten Sie Unternehmern bei der Auswahl der richtigen Beteiligungsgesellschaft?
Hertz-Eichenrode: Hier kann man Unternehmern nur raten, sich eine Anzahl von Private Equity-Gesellschaften genau anzusehen. Wichtige Punkte sind: Welche Erfahrungen hat diese Gesellschaft? Wie lange ist sie schon am Markt? Über welche Finanzkraft verfügt sie? Kann der Fonds noch zusätzliches Private Equity zur Verfügung stellen, wenn das Wachstum weitergeht? Welche Erfahrung haben die handelnden Personen? Sind diejenigen, die akquirieren, auch wirklich später die Betreuer? Gab es häufig einen Wechsel im Management? Wie geht die Gesellschaft mit Unternehmen im Krisenfall um? Wichtig ist auch der Austausch mit anderen Unternehmern, die bereits Erfahrungen mit Private Equity gemacht haben.

Unternehmeredition: Nach wie vor fürchten die Familienunternehmer einen Machtverlust, wenn sie Private Equity-Investoren mit an Bord nehmen. Was führen Sie diesem Argument entgegen?
Hertz-Eichenrode: In manchen Fällen ist diese Befürchtung durchaus berechtigt. Bei typischen angelsächsischen Private Equity-Investoren mit kurzem Zeithorizont etwa, die fast ausschließlich Mehrheitsbeteiligungen eingehen, sehr stark ins operative Geschäft eingreifen und sich selbst mehr zutrauen als dem Unternehmer. Bei unseren Mehrheitsbeteiligungen kommt es auf den konkreten Fall an. Solange es keine großen Probleme gibt, stehen wir zwar als treibende und kontrollierende Kraft hinter der Unternehmensentwicklung und Strategie, aber das Management handelt in seinem operativen Geschäft völlig autark. Es gibt natürlich auch Fälle, die uns zum Eingreifen zwingen und etwa Manager ausgetauscht werden müssen. Bei Minderheitsbeteiligungen bleibt die Macht klar beim Unternehmer.

Unternehmeredition: Wie ist in Ihrem eigenen Portfolio das Verhältnis von Minderheits- und Mehrheitsbeteiligungen?
Hertz-Eichenrode: Etwa Hälfte – Hälfte. In den letzten Jahren haben die Mehrheitsbeteiligungen zugenommen, weil es vermehrt Spin-offs und Nachfolgeregelungen gab. Die Wachstumsfinanzierungen, also die klassischen Minderheitsbeteiligungen, sind sehr stark durch den Mezzanine-Boom verdrängt worden. Inzwischen hat sich das wieder geändert. Die Standard-Mezzanine-Programme sind derzeit „tot“, da sie aufgrund der Subprimekrise und interner Probleme nicht mehr am Kapitalmarkt verbrieft werden können. Das führt derzeit zu einer stärkeren Nachfrage nach Minderheitsbeteiligungen.

Unternehmeredition: Welche Strategie verfolgt Hannover Finanz dieses Jahr?
Hertz-Eichenrode: Wir werden einige Unternehmen veräußern, aber voraussichtlich wieder deutlich mehr kaufen können, auch zu unseren Preisvorstellungen. Wir rechnen damit, uns noch im ersten Halbjahr an vier bis fünf Unternehmen zu beteiligen. Zumindest aus heutiger Sicht wird 2008 ein ziemlich starkes Investitionsjahr werden. Außerdem sind wir gerade dabei, Gelder für einen neuen Evergreen-Fonds einzusammeln, und stellen fest, dass reife Investoren inzwischen auch die Vorteile dieser Fondsart mit unbegrenzter Laufzeit erkennen. Bisher war das – zumindest im internationalen Bereich – nur in Ausnahmen der Fall. Das gestiegene Interesse an dieser Anlageform resultiert auch aus den Renditen, die die Hannover Finanz in der Vergangenheit erzielen konnte. Wir liegen über alle Investitionen der letzten 30 Jahre bei 15% Ausschüttung an die Investoren. So sehen wir uns auch als Eisbrecher für Evergreen-Fonds.

Unternehmeredition: Herr Hertz-Eichenrode, vielen Dank für das Gespräch.


Zur Person: Albrecht Hertz-EichenrodeAlbrecht Hertz-Eichenrode (hertz-eichenrode@hannoverfinanz.de) ist seit 1979 Vorstandsvorsitzender der Hannover Finanz Gruppe und zählt zu den am meisten erfahrenen Private Equity-Investoren in Deutschland. Hannover Finanz beteiligt sich seit 30 Jahren an gesunden, mittelständischen Unternehmen aller Branchen mit einem Jahresumsatz von mindestens 20 Mio. Euro. Die Gesellschaft bietet sowohl Minderheitsbeteiligungen (Wachstumsfinanzierungen) als auch Mehrheitsbeteiligungen (Management Buyouts bzw. Nachfolgeregelungen) an und verfolgt einen langfristigen Anlagehorizont. www.hannoverfinanz.de

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