„Die Wertschöpfung, die wir erzielen, wiegt Standortnachteile auf“

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Die steuerlichen Rahmenbedingungen für Private-Equity-Fonds sind in Deutschland weniger vorteilhaft als in anderen Ländern. Trotzdem gelingt es deutschen Private-Equity-Gesellschaften, hierzulande erfolgreich zu sein und sich im internationalen Wettbewerb zu behaupten. Wir sprachen mit Marc Thiery, geschäftsführender Gesellschafter und Mitgründer von DPE, über seine Erfahrungen und Einschätzungen. 

Unternehmeredition: Sind die steuerlichen Rahmenbedingungen für Private-Equity-Fonds hierzulande tatsächlich so schwierig?

Marc Thiery: Aus meiner Sicht garantiert, weil ich auch immer wieder höre, dass die deutschen Fonds Probleme mit den Steuerbehörden haben. Ich höre es auch von den Investoren, die dieses Thema auch sehr kritisch beleuchten, wenn sie über Investitionen in deutsche Fonds nachdenken.

Eines dieser Hindernisse ist die unklare Rechtslage; insbesondere geht es hier um das Thema Umsatzsteuer, also um die Frage, ob die Vergütungen, die deutsche Private-Equity-Firmen ihren Fonds in Rechnung stellen, mit Umsatzsteuer belastet sind. Die Branche hat diesbezüglich lange auf eine Klarstellung gewartet. Gemäß europäischem Recht unterliegen Verwaltungsgebühren für Fonds nicht der Mehrwertsteuer. Der deutsche Gesetzgeber hat sich hier jedoch ziemlich vage ausgedrückt – im schlechtesten Fall drohen dadurch Nachzahlungen für viele Jahre. Venture-Capital-Fonds hingegen sind per se freigestellt.

Die Androhung der Gewerblichkeit ist ein anderes Risiko, dem deutsche Fonds immer wieder ausgesetzt sind. Gewerblichkeitsrisiko und Fondsstandortförderung passen nicht zusammen. Auch deutsche Fonds brauchen internationale Investoren. Diese beanspruchen aber Rechtssicherheit. Wenn die maßgebliche Grenze beim operativen Geschäft der Portfoliogesellschaften liegen soll, können wir damit umgehen. Wir greifen nicht in das Geschäft ein, wir stellen keine Managementkapazitäten – wir beraten nur und treffen keine Entscheidungen. An diese Regeln haben wir uns auch immer stringent gehalten.

Es sind noch ein paar mehr Aspekte beim Deal-Doing zu beachten, also in der Strukturierung von Transaktionen. Hier geht es um die Abzugsfähigkeit von Fremdkapital und um die Verlustnutzung, die beide stark eingeschränkt sind. Uns trifft das zwar weniger, aber andere Fonds sind davon durchaus betroffen.

Gibt es Bereiche, in denen Sie eine starke Regulierung als nachvollziehbar und vernünftig empfinden?

Es gibt Vulture Fonds, zu Deutsch Geierfonds: Das sind Fonds, die Firmen nicht weiterentwickeln, sondern versuchen diese zu melken. Die gibt es nach wie vor und die bringen die ganze Branche in Verruf.

Bei einigen Finanzinnovationen, wie zum Beispiel SPACs, wird relativ schnell überzogen und dann verlieren die Leute sehr viel Geld. Für bestimmte Kapitalgeber mag das Sinn machen. Aber am Ende fließt da oft nur noch das Geld von Privathaushalten rein, und das zu einer Zeit, wenn nur sowieso noch Scharlatane unterwegs sind.

Schneidet Deutschland hier wirklich so viel schlechter ab als andere Länder? Welches sind die Gründe dafür?

Ich glaube, das hat direkt etwas mit der Wertschätzung der Branche in anderen Ländern zu tun. Gerade im angloamerikanischen Raum, in den Beneluxstaaten und in Skandinavien ist man viel positiver eingestellt, sowohl aufseiten der Regierungen als auch aufseiten der Medien.

Es gibt auch Studien, die beweisen, dass Private Equity ein Wachstums- und Jobmotor ist und Unternehmen, die anders nicht wettbewerbsfähig wären, dabei unterstützt, sich strukturell zu verbessern. Ein konkretes Beispiel: wir haben in unserer relativ kurzen Unternehmensgeschichte bereits über 3.500 zukunftsfähige Arbeitsplätze geschaffen.

Aus dieser positiven Grundeinstellung gegenüber der Branche resultiert dann auch, dass man politisch besser gesinnt ist und Rahmenbedingungen zu schaffen versucht, in denen die Private-Equity-Branche die positiven Aspekte ihrer Arbeit auch umsetzen kann. USA und China haben beispielsweise eine extreme Förderung für Jungunternehmen. Deutsche sind tendenziell etwas gründlicher und langsamer. Hier und da setzen sich dann Firmen im Ausland durch, die zwei Jahre später gestartet sind.

Lässt sich das noch konkreter verdeutlichen?

Andere Länder haben klare regulatorische und steuerliche Rahmenbedingungen. Allein darin liegt ein entscheidender Vorteil!

Beim Einsammeln von Geld haben deutsche Fonds eindeutige Nachteile gegenüber ihren internationalen Pendants. Investoren haben eine Riesenauswahl. Es existieren mittlerweile rund 7.000 professionelle, institutionelle Private-Equity-Fonds in der Welt. Und die großen Investoren kennen sich aus: Die schauen global nach den besten Fonds, in die sie investieren können, und überlegen, ob sie in China, Frankreich, Deutschland oder in Portland, USA, anlegen. Wenn dann ein Markt wie Deutschland die Reputation hat, regulatorisch und steuerlich schwierig zu sein, und die Möglichkeit im Raum steht, hier plötzlich steuerpflichtig zu werden, dann ist das zum Beispiel für eine amerikanische Lebensversicherung ein komplettes No-Go. Die gehen dann lieber nach Frankreich oder in ein anderes Land.

Wir haben auch beim Investieren einen Riesennachteil: Wir können einfach nicht so viel zahlen wie ein ausländischer Fonds, der bessere steuerliche Rahmenbedingungen hat. Ein Fonds, der in Deutschland unterwegs ist, sogar hier ein Büro, aber eine Struktur in England hat, kann mehr bieten, um deutsche Firmen zu kaufen, womit wir eigentlich einen Ausverkauf des deutschen Mittelstands an ausländische Fonds beschleunigen. Weil die Rahmenbedingungen so sind, dass wir einen schlechteren Preis bieten können.

Heißt das, dass Sie demnächst ins Ausland gehen werden?

Das prüfen wir bereits. Es könnte tatsächlich sein, dass wir den nächsten Fonds, den wir in etwa drei bis vier Jahren auflegen werden, im Ausland starten. Wir sind eine urdeutsche Firma. Aber diesbezügliche Überlegungen finden statt.

Wie schaffen Sie es, trotzdem erfolgreich zu sein und Ihre Rendite zu erwirtschaften?

Die Wertschöpfung, die wir mit unseren Firmen erzielen, liegt ja deutlich höher, sodass wir steuerliche Nachteile verkraften können. Auch wenn wir gegenüber einem englischen Fonds nicht so wettbewerbsfähig im Bieten für eine deutsche Firma sind, schaffen wir es trotzdem, durch die Zusammenarbeit mit unseren Portfoliofirmen deutliche Werte zu schaffen. Und das – wieder sehr wichtig – nur als Investor mit Fachwissen und einem großen Netzwerk. Wir entscheiden da gar nichts, aber im Großen und Ganzen beschleunigen wir das Wachstum deutlich, indem wir die Unternehmen mit unserem Know-how darin unterstützen, zum Beispiel Vertriebsmannschaften aufzubauen, ihre Vertriebseffizienz zu erhöhen, sich die Preise genau anzuschauen und in internationale Märkte reinzugehen oder neue Produkte zu entwickeln und zu lancieren.

Bei Unternehmen, die 20% bis 25% wachsen, das organisatorische Wachstum, die Strukturen und Prozesse so nachzuziehen, dass man das Wachstum auch vernünftig verkraftet, ist nicht einfach – da haben Firmen mit uns einen Partner, mit dem sie sehr wahrscheinlich erfolgreicher sind. Wir sind auch sehr gut darin, Zukäufe zu tätigen, die strategisch wertvoll sind, um sich neue Märkte zu erschließen. Sehr oft investieren wir in Familienunternehmen, wo es bisher den Patriarchen gegeben hat. Um solche Personen herum fördern wir dann beispielsweise den Aufbau eines Teams, damit das Unternehmen weniger abhängig vom Gründer ist. Dazu gehört auch, einen Beirat zusammenzustellen, der das Management in kritischen Fragen unterstützen kann.

Im September 2020 hat die DPE Deutsche Private Equity in München trotz der angespannten Lage ihren vierten Fonds bei der Rekordsumme von 1 Mrd. EUR geschlossen. Wie hat sich der Fonds seitdem entwickelt?

Im Mai dieses Jahres haben wir den Viererfonds freigeschaltet. Bisher haben wir zwei Investitionen getätigt, eine in Company Bike. Das Unternehmen bietet Arbeitgebern die Möglichkeit ihren Mitarbeitern via Lohnumwandlung steuerlich vergünstigt E-Bikes zur Verfügung zu stellen. Es ist einer der führenden Anbieter, insbesondere für große Arbeitgeber. Das zweite Investment, das wir getätigt haben, ist Engelmann Sensor. Das ist auch ein spannendes Unternehmen. Engelmann ist Spezialist für die Messung, Erfassung und Übertragung von Wärme- und Wassermengendaten. Es trägt damit auch wesentlich zur Reduktion des CO2-Ausstoßes bei indem es den Haushalten den Energieverbrauch transparent macht und damit zum Heizkostensparen anregt.

Welche Zusammensetzung ist für den Fonds geplant?

Geplant sind zirka zwölf Investitionen. Wir bevorzugen Branchen wie den Gesundheitssektor, IT und Software, Business Services, Industrietechnologie und ESG. Auf letzteres haben wir zuletzt einen verstärkten Fokus gelegt. Grundsätzlich geht es uns immer um Wachstumsunternehmen in unseren Kerngebieten Deutschland, Schweiz und Österreich.

Welche Strategie verfolgen Sie mit der Auswahl Ihrer Portfoliounternehmen?

Ein großer Teil ist Buy and Build. Wir haben umfangreiche Erfahrung in der Integration von Zukäufen und in unserer Unternehmensgeschichte bereits über 100 Zukäufe begleitet. Die letzte schiefgelaufene Integration liegt sehr lange zurück.

Das andere Thema sind stark wachsende Technologiesegmente, wo es darum geht, schnell zu skalieren. Hier finanzieren wir ein 20%- bis 25%iges Wachstum oft rein mit Eigenkapital, um sehr flexibel im weiteren Wachstum zu sein. Es gibt tolle Technologieunternehmen in Deutschland. Da tut sich wahnsinnig viel. Es ist wirklich toll zu sehen, was sich da entwickelt.

Welche Auswirkungen hatte die Coronakrise auf Ihre Unternehmen?

Unsere Firmen sind insgesamt super durch die Krise gekommen. Es gab aber auch einige Unternehmen, die stärker betroffen waren. Dennoch mussten wir bei keinem einzigen Eigenkapital nachschießen. Das zeigt auch, dass wir relativ konservativ finanzieren, mit wenig Fremdkapital und einer geringen Schuldenlast.

Unser Erfolgsrezept war, dass wir sehr früh angefangen haben, uns auf die Krise einzustellen. So haben wir bereits im Februar letzten Jahres unseren Beitrag geleistet, neue Business- und Contingency-Pläne zu erstellen. Diese wurden dann je nach Entwicklung konsequent vom Management umgesetzt. Am Ende haben viele Firmen ihre Budgets trotz Corona immer noch geschafft. Und andere haben jetzt einen Rebound. Allerdings leiden viele inzwischen unter den Lieferengpässen. Ein anderes Thema ist die Personalverfügbarkeit. Der Arbeitsmarkt für qualifizierte Fachkräfte ist aktuell komplett leergefegt.

Wie sehen Ihre Zukunftsprognosen aus?

Ich glaube, das Problem mit den Lieferengpässen wird uns bestimmt noch zwölf Monate beschäftigen. Die Angebotsseite wird zwar reagieren und ihre Kapazitäten ausweiten, aber wir werden noch lange damit zu kämpfen haben. Irgendwann löst es sich dann sicher auf.

Was erwarten Sie vom Private-Equity-Markt?

Der Private-Equity-Markt boomt, weil die Zentralbanken extrem viel Geld in Umlauf gebracht haben. Es ist enorm viel Geld in Umlauf. Private Equity hat historisch großartige Renditen erwirtschaftet und erfreut sich deshalb einer ungebremsten Nachfrage. Ich glaube aber, dass diese Entwicklung früher oder später abflauen wird. Die Renditen werden abschmelzen, weil die Preise zu stark steigen. Es gibt aber zahlreiche neue Geldtöpfe, unter anderem in Schwellen- und Entwicklungsländern, die ihre Rentensysteme aufbauen und die auch in Private-Equity-Fonds investieren.

Ein großes Thema ist ESG und der Klimawandel. Solange es hier keine global koordinierte Kooperation gibt, wird man das Problem nicht in den Griff bekommen. Private Equity kann hier auf Unternehmensebene wahnsinnig viel bewegen. Das geht mit unseren Investoren los: Wenn die sagen, ihr kriegt das Geld nicht mehr, wenn ihr in punkto ESG nicht mehr für eure Portfoliofirmen tut, dann kann das sehr viel bewirken. Und wenn dann Firmen wie unsere sich konsequent dafür einsetzten, dass der CO2-Ausstoß bei allen Portfoliofirmen reduziert wird und auch andere ESG-Ziele verfolgt werden, dann wirkt das sehr schnell. Mehr als Politiker auf globaler Ebene bewirken können.

ZUR PERSON

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Marc Thiery ist geschäftsführender Gesellschafter und Mitgründer der DPE Deutsche Private Equity. Die DPE ist eine unabhängige deutsche Beteiligungsgesellschaft, die in mittelständische Unternehmen in Deutschland, Österreich und der Schweiz investiert. Seit der Gründung im Jahr 2007 in München hat die DPE erfolgreich vier Fonds aufgelegt. Damit verwaltet sie ein Gesamtvermögen von 2,2 Mrd. EUR.

Autorenprofil

Als Redaktionsleitung der Unternehmeredition berichtet Eva Rathgeber regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen Wirtschaftsjournalismus und PR.

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