„Der Kapitalmarkt besitzt eine wichtige Allokationsfunktion“

© bakhtiarzein - stock.adobe.com

Generali dürfte zahlreichen Menschen im deutschsprachigen Raum ein Begriff sein, nicht zuletzt aufgrund der Werbung mit Tennis-Ass Angelique Kerber – doch kaum jemand kennt das genaue Tätigkeitsspektrum. Die Unternehmeredition im Gespräch mit Stephan Bannier über aktuelle und knifflige Herausforderungen in der Vermögensanlage. INTERVIEW FALKO BOZICEVIC

Unternehmeredition: Herr Bannier, vielleicht zum Auftakt kurz Ihre Funk­tion bei Generali Investments in eigenen Worten?

Stephan Bannier: Die Einheit, bei der ich zu Beginn des Jahres angefangen habe, heißt Generali Investments Partners. Meine Verantwortung liegt im Geschäft für das deutschsprachige Europa, und es ist aktuell durchaus eine spannende Zeit. Generali – ein Unternehmen, das im Übrigen rund 200 Jahre Historie mitbringt – hat ihr Kapitalmarktgeschäft 2018 neu aufgestellt. Seither wurden passende Investmentboutiquen entweder akquiriert oder zusammen mit guten Portfoliomanagern, die sich in neuer Funktion verwirklichen wollten, neu gegründet.

Unternehmeredition: Was ist in diesen Zeiten die Haupt­herausforderung in der Vermögensanlage und -beratung?

Bannier: Wir haben eine Entwicklung, die sich in den letzten Jahren abzeichnete. Bei Pen­sionsrückstellungen et cetera geht es um Abzinsungen zu ihrer Bewertung – doch womit abzinsen, wenn der Zins null ist oder sogar negativ? Früher wurde einfach ein Anleiheportfolio hinterlegt, das für die notwendigen Cashflows sorgt. Das funktioniert heute nicht mehr. Neue Wege zu gehen, um überhaupt noch Rendite zu finden, ist also obligato­risch. Anlageklassen sind heute viel gra­nularer geworden; man denke etwa an Micro Caps oder Schwellenländeranleihen. Multiboutiquen sind prädestiniert für das Aufspüren profitabler Nischen, die man mit einem grobmaschigen Netz wie „Aktien“ oder „Anleihen“ nicht mehr erwischt. Diese Bausteine werden für Anleger professionell erschlossen und aus ihnen eine Portfoliokonstellation konstruiert. Das Stichwort ist natürlich auch Diversifikation.

Unternehmeredition: Ein Fondsmanager sagte mir vor weni­gen Tagen im Interview: „Keine Asset­klasse ist noch in ganzer Breite günstig.“ Wie geht man bei Generali Invest­ments mit dieser Herausforderung um?

Bannier: Der Aussage pflichte ich größtenteils bei. Die Risiken, die man derzeit zwangsläufig nehmen muss, um noch Rendite zu erzielen, sollten deswegen möglichst breit gestreut werden: erwähnte Diversi­fikation. Dazu kommt, dass man nicht nur über steigende Kurse nachdenken, sondern zunehmend auch Long-/Short-­Ansätze oder marktneutrale Positionierungen in Erwägung ziehen sollte, bei denen man quasi für sein Ausharren eine Rendite erzielt. Selektion ist eine weitere wichtige Komponente. Und nicht zu ver­gessen: Aufklärung tut not, und zwar fort­während. Einen „risikolosen“ Zins gibt es derzeit nicht mehr – das muss jeder Anleger verinnerlichen. Selbst für 0,5% oder 1% jährliche Rendite ist dieser Tage eine gewisse Risikoübernahme erforderlich. Überspitzt ausgedrückt heißt das, dass eine sichere Geldanlage heutzutage einen sicheren Verlust bedeutet.

Unternehmeredition: Klingt nach einer guten Zeit für „Finanzinnovationen“ – gibt es die überhaupt noch oder sollte man diesen Be­griff aus seinem Vokabular streichen?

­Bannier: Auf keinen Fall – das wäre eine Kapitulation vor jeder Entwicklung. Neue Ideen wird es auch in unserem Sektor immer geben, wenn auch nicht jede als Inno­vation durchgeht. Derivate mögen stets kontrovers diskutiert worden sein, aber was wäre die Finanzbranche ohne sie. Das Gleiche gilt für Verbriefungen, die Risiken transferierbar machen, aber durch falsche Nutzung die Lehman-Krise auslösten. Digitalisierung oder Blockchain sind neuzeitliche Begriffe, die auch nicht mehr verschwinden werden. Wie jede Branche braucht auch die Finanz­industrie stets neue Denk­ansätze, die irgendwann möglicherweise zu neuen Produkten oder gar Assetklassen führen. Und manchmal verdienen sie sich gar den Begriff Innovationen.

Unternehmeredition: Nicht ganz einfach in Deutschlands Anlagekultur – uns wird einhellig Nachholbedarf bescheinigt. Wie beurteilen Sie den Status quo?

Bannier: Ein erster Schritt wäre, dass nicht gleich jeder Begriff aus dem Bereich Finan­zen mit einer negativen Konnotation versehen wäre. Wir sind zumindest auf dem Weg der Besserung in Deutschland, wenn man sich die Entwicklung des letzten Jahres ansieht. Es waren vor ­allem Privatanleger, die im ver­gangenen Jahr den Einbruch im März genutzt ­haben, um am Kapitalmarkt ­aktiv zu wer­den. Das gab es meines Wissens so vorher nicht, im Gegenteil: Privatanleger zogen sich früher in Schwä­chephasen meist zurück, und das für lange Zeit.

Unternehmeredition: „Börse“ ist weiterhin ein Wort, das viel­fach zwiespältige Gefühle hervorruft.

Bannier: Das ist leider richtig – und es ist nicht einmal so abwegig. Einerseits ermöglichen die Kapitalmärkte, mithin: die Börse, dass ein jeder unkompliziert in Unternehmen investieren kann. Andererseits ist es auch eine Art Fluch, denn wir alle sehen täglich in Millisekunden einen Preis für unsere eingegangenen Investitionen. Das gibt es bei Immobilien so nicht, sonst wären diese nämlich auch erheblich volatiler in ihren Wertstellungen – und damit würden sie ebenfalls ganz anders wahrgenommen werden, ähnlich wie Aktien. Ich würde mir wünschen, dass Anleger unter ihren Aktienpositionen Beteiligungen an erfolgreichen Unternehmen verstehen und nicht ein Mittel für Kursspekulationen.

Unternehmeredition: Der Kapitalmarkt stand im Zuge der Coronakrise offen für Emissionen oder Kapitalerhöhungen, die Nachfrage war gegeben. Eine späte Erkenntnis für hiesige Mittelständler?

Bannier: Ich würde das nicht so negativ unterlegen. Klar ist, dass viele Mittelständler den Kapitalmarkt für sich auch vorher schon hätten entdecken können, nicht erst jetzt, wo es möglicherweise bei dem einen oder anderen pressiert. Wenn die Coronakrise gelehrt hat, dass sich Unternehmer alternative Finanzierungsmöglichkeiten offenhalten sollten, dann hat sie bereits etwas Positives ­bewirkt. Schade fände ich hingegen, wenn der Kapitalmarkt seine Allokations­funktion für Investitionen verlöre.

Unternehmeredition: Was heißt das genau?

Bannier: Der Kapitalmarkt entscheidet über zukunftsfähig oder weniger zukunftsfähig, über aussichtsreiche geschäftliche Inves­titionen und weniger aussichtsreiche. Wenn aber alle Aktien oder gar alle Asset­klassen gleichermaßen steigen und kein Unterschied mehr zwischen guten und weniger guten Geschäftsmodellen gemacht wird, da alle Investoren in ihrer Suche nach Rendite in dieselbe Richtung rennen, dann würde die Börse, also der Marktplatz für Unternehmensanteile, einen ganz wichtigen Part ihrer Aufgaben einbüßen. Diese Gefahr ist natürlich nicht neu. Noch ist sie auch nicht akut – aber man sollte diesen Punkt hin und wieder kritisch hinterfragen.

Herr Bannier, ganz herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihre überaus spannenden Erläuterungen.


ZUR PERSON

Stephan Bannier ist Head of DACH Sales bei Generali Investments Partners und in dieser Funktion seit Anfang 2021 für den Ausbau der Vertriebskapazitäten auf dem deutschen, österreichischen und schweizerischen Markt verantwortlich. Generali Investments Partners fungiert als Multi-Channel- und Multi-Client-­Hub, der als Lead Client Relationship Manager für Investmentboutiquen auftritt. Die Gruppe verfügt über eigene Anlageexpertise und verwaltet Fixed Income, Thematic Equity sowie Multi-­Asset-/Balanced-Portfolios wie auch alternative Assetklassen. Das verwaltete Anlagevermögen belief sich zuletzt auf rund 575 Mrd. EUR.

Autorenprofil

Falko Bozicevic ist Chefredakteur des GoingPublic Magazins sowie des Anleihe-Portals BondGuide. Seine Schwerpunkte liegen vor allem auf makroökonomischen Themen sowie Investment-Fragen rund um IPOs, Anleihen und Fonds.

ÜBERdem
Vorheriger ArtikelVereinigte Volksbank Raiffeisenbank und creditshelf starten Kooperation
Nächster ArtikelDistressed M&A – Unternehmenskauf in der Krise