Den Mittelstand fit für KI machen

Modellprojekt "KI-Transfer Plus" von appliedAI und dem Bayerischen Staatsministerium für Digitales

Die bayerische Digitalministerin Judith Gerlach und die appliedAI-Initiative von UnternehmerTUM haben das Modellprojekt „KI-Transfer Plus gestartet.
Die neuen regionalen KI-Zentren sollen mittelständische Unternehmen beim Start eigener KI-Aktivitäten unterstützen. © greenbutterfly - stock.adobe.com

Ob automatisierter Wareneingang im Handel oder einfachere Mitarbeitereinsatzplanung − Künstliche Intelligenz (KI) eröffnet mittelständischen Unternehmen unzählige Möglichkeiten, ihre Prozesse zu optimieren und damit wettbewerbsfähig zu bleiben. Doch es bedarf guter Vorbereitung und genauer Kenntnis der möglichen Anwendungsfelder. Genau hier setzt das Modellprojekt „KI-Transfer Plus – Regionalzentren für den Mittelstand“ an, das die bayerische Digitalministerin Judith Gerlach gemeinsam mit der appliedAI-Initiative von UnternehmerTUM ins Leben gerufen hat. Mit dem Aufbau von regionalen KI-Zentren in München und Regensburg wird ab Mai 2021 ganzheitlich evaluiert, wie solche Zentren mittelständische Unternehmen beim Start eigener KI-Aktivitäten unterstützen können.

„Von der Optimierung von Lieferrouten bis zum Vergleich tausender unterschiedlicher Bauteile – viele Unternehmen kämpfen mit hochkomplexen Problemen, für die KI passende Lösungen bieten kann. Gerade kleinere Betriebe tun sich aber oft schwer, einen Zugang zu dieser Zukunftstechnologie zu finden. Mit dem Modellprojekt ´KI-Transfer Plus´ wollen wir untersuchen, wie diese Betriebe auf das große Know-how vieler bayerischer Forschungs- und Wissenschaftseinrichtungen zugreifen können“, erklärte die bayerische Digitalministerin Judith Gerlach.

Ziel: KI nachhaltig im Mittelstand zu verankern

„Mit der appliedAI-Initiative unterstützten wir seit Jahren sehr erfolgreich große und kleine Unternehmen bei der Adoption von KI-Technologien“, sagte appliedAI-Geschäftsführer Dr. Andreas Liebl. „Der Auftrag des Staatsministeriums für Digitales ist ein wichtiger Schritt, die breite und systematische Unterstützung des Mittelstands zu untersuchen und unsere Methoden und Erfahrungen über KI-Regionalzentren noch vielen weiteren Unternehmen zur Verfügung zu stellen. Mit diesem weltweit einzigartigen Konzept können wir es schaffen, KI nachhaltig im Mittelstand zu verankern.“

appliedAI ist eine Initiative von UnternehmerTUM. Sie dient Unternehmen jeder Größenordnung, Start-ups, öffentlichen Einrichtungen und Wissenschaftlern als gemeinnützige, neutrale Plattform, um die Anwendung neuester Methoden und Technologien im Bereich Künstlicher Intelligenz (KI) zu beschleunigen. Mit über 50 Partnern aus der Wissenschaft und Industrie, dem öffentlichen Sektor und ausgewählten Start-ups ist sie die größte Initiative ihrer Art in Europa.

Im Rahmen des Programms betreut appliedAI drei Unternehmen im Raum München: Wanko Informationslogistik, DocuWare und Ifta. Die Wanko Informationslogistik GmbH im oberbayerischen Ainring ist ein Software-Suite-Anbieter, in Sachen Supply-Chain, der ersten Stunde und bietet als eines ihrer Kernprodukte eine Software zur logistischen Tourenplanung an. KI-basierte Ansätze sollen hier eingesetzt werden, um komplexe Routen- und Distributionsplanungsprobleme zu optimieren und durch die dabei realisierten Einsparungen hinsichtlich Zeit und Ressourcen den Kunden von Wanko einen effizienteren Betrieb ihres Fuhrparks zu ermöglichen.
DocuWare, ein mittelständiges Softwarehaus mit dem Hauptsitz in Germering bei München, entwickelt eine Standardplattform für digitale Prozesse und zur strukturierten Archivierung von Dokumenten. Um Dokumente und Daten sowie Informationen in diesen Dokumenten schnell und einfach zu finden, diese auch zu verknüpfen sowie Informationen aus den Dokumenten automatisiert verarbeiten zu können, sollen moderne Ansätze des Natural Language Processing die bisherige Dokumentenverarbeitung erweitern.
Die Ifta GmbH ansässig in Puchheim bei München, stellt technische Komponenten zur Messung akustischer Schwingungen in Gasturbinen her. Basierend auf KI-basierten Ansätzen sollen diese Schwingungen automatisiert analysiert und Anomalien im Schwingungsverhalten erkannt werden. So können potenzielle Ausfälle oder Probleme frühzeitig erkannt und Ausfälle in der Stromversorgung verhindert werden.

Die Unternehmen erhalten mit der Unterstützung durch das Regionalzentrum die Möglichkeit zum Aufbau einer passenden technischen KI-Infrastruktur, der Entwicklung einer langfristigen KI-Vision sowie der Verankerung von KI in den Prozessen und der Organisation des Unternehmens.

„KI-Anwendungen sind in aller Regel keine Software von der Stange. Sie müssen vielmehr anhand eigener Daten ganz spezifisch auf den eigenen Use Case angepasst oder sogar von Grund auf selber entwickelt werden. Daher ist es für Unternehmen wichtig, von Anfang an ein klares Zielbild zu definieren, das umreißt, welche KI-Ansätze und Use Cases für sie relevant sind und dann ganz spezifisch für diese das passende Know-how in der eigenen Organisation aufzubauen. Dabei wollen wir im Rahmen von KI-Transfer Plus unterstützen“, ergänzte der Projektverantwortliche bei appliedAI Dr. Hendrik Brakemeier.

Weiteres KI-Regionalzentrum in Regensburg

Ein weiteres KI-Regionalzentrum entsteht an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg (OTH). Es verfolgt mit den Unternehmen aus der Region genau den gleichen Ansatz wie appliedAI in Oberbayern.

„Angewandte Forschung ist typisch für unsere Hochschulart, die immer auch den Transfer im Blick hat, also den Weg von der Forschung hin zur Applikation, zur Anwendung in der Praxis“, erläuterte Prof. Dr. Wolfgang Baier, der Präsident der OTH Regensburg. „In diesem Sinne verstehen wir uns als Partner für die Region Ostbayern und arbeiten daher mit vielen Firmen und Unternehmen in ganz Ostbayern zusammen. Gerade im Bereich der KI können wir mit unserem Regensburg Center for Artificial Intelligence, in dem wir alle Forschungsaktivitäten der OTH Regensburg im Bereich der KI bündeln, die beteiligten Unternehmen mit unseren Kompetenzen effektiv unterstützen.“

„Das RCAI adressiert Fragestellungen zur KI aus einer diversen Sichtweise, die um unterschiedliche Kompetenzen, Fähigkeiten und Interessen zentriert sind und auf dem wesentlichen Fortschritt in Informatik und Mathematik des vergangenen Jahrzehnts basieren“, betonte Prof. Dr. Wolfgang Mauerer, Vorsitzender Direktor des Regensburg Center for Artificial Intelligence (RCAI). „Es bearbeitet Fragestellungen von hoher akademischer Relevanz. Das vorhandene hohe Domänen- und Anwendungswissen ist eine hervorragende Voraussetzung für die Zusammenarbeit mit den am Projekt beteiligten Firmen, die ja konkrete, reale Probleme lösen müssen.“

Zu den Firmen, die das RCAI betreut, zählen die Horsch Maschinen GmbH, FIT AG und emz-Hanauer GmbH & Co KGaA. Die Horsch Maschinen GmbH in Schwandorf produziert Maschinen für die Landwirtschaft. Das Unternehmen muss mit einer großen Heterogenität in den Materialstammdaten und vielen ähnlichen Bauteilen umgehen. KI-gestützt sollen hier Konsolidierungs- und Einsparpotenziale identifiziert werden. Die FIT AG in Lupburg ist in der Additiven Fertigung tätig. Hier wird das KI-Potenzial in der Produktionsplanung im Fokus stehen. Intelligente Algorithmen können beispielsweise bei der optimalen Planung von 3D-Druckvorgängen helfen und so die Abschätzung der Produktionskosten erleichtern. Die emz – Hanauer GmbH & Co KGaA in Nabburg produziert im Bereich Environmental Technology unter anderem Abfallbehälter mit automatischer Füllstanderkennung. Die erzeugten Daten dienen der Routenplanung von Abfallunternehmen. KI-Technologien erlauben dabei eine besonders genaue Detektion durch die verbaute Sensorik und können so die Tourenoptimierung verbessern.

Der Aufbau des Netzwerks aus KI-Regionalzentren, die vor Ort Unternehmen durch das Programm begleiten, erlaubt es regionale Anlaufstellen für KI-Expertise für mittelständische Unternehmen zu schaffen und die gesammelte Expertise beider KI-Regionalzentren in der Breite zugänglich zu machen.

Die Erfahrungen des Modellprojekts werden wissenschaftlich begleitet vom Lehrstuhl für Strategic Entrepreneurship der Technischen Universität München. Besonders im Fokus steht dabei die Untersuchung organisatorischer Veränderungen in den teilnehmenden Unternehmen. Aufgrund der Erfahrungen soll dann über eine mögliche Ausweitung des Programms und den Aufbau weiterer KI-Regionalzentren entschieden werden, um künftig noch mehr Unternehmen den Einstieg in die Welt der KI zu vereinfachen.