U(h)rtümliche Familientradition währt am längsten

Serie Unternehmerdynastien: Gerhard D. Wempe KG

Erst spät übernahm Kim-Eva Wempe das operative Geschäft von ihrem Vater Hellmut Wempe. Die gründliche Einarbeitung hat dem Familienunternehmen nicht geschadet. In der internationalen Schmuckbranche zählt Wempe heute zu den ersten Adressen und den zehn größten Juwelieren der Welt. Selbst Uhren für mehr als 1 Mio. EUR gehen über die Ladentheke.
Auf eigenen Wegen zurück ins Familienunternehmen
Den Pelzmantel gab sie zurück. Nein, so ein Abiturgeschenk wollte Kim-Eva Wempe nicht. Längst schon war die Juwelierkette Wempe einer der größten Schmuck- und Uhrenhändler Deutschlands. Doch mit einem goldenen Löffel im Mund aufzuwachsen, das war der Hamburger Abiturientin zuwider. Sie wollte sich nicht ins gemachte Nest setzen und lieber Balletttänzerin werden. Aber Primaballerina werden nur die wenigsten, auch eine Kim-Eva Wempe nicht unbedingt. Und so heuerte sie nach dem Besuch einer Fremdsprachenschule bei einer Gärtnerei an. Ein halbes Jahr pflanzte sie Salat an – in einem Familienunternehmen. Dort wurde ihr bewusst, wie erfüllend es sein kann, selbst Verantwortung für ein Familienunternehmen zu tragen. Doch dem Vater gestand sie das nicht ein – noch nicht. Sie suchte sich Praktika bei Schmuckfabrikanten und Uhrenmanufakturen in der Schweiz, Italien, den USA und Asien, saugte dort Wissen in sich auf. Sie war 21, als sie ihrem Vater im Flug nach New York sagte: „Ich möchte bei dir in der Firma eine Ausbildung machen.“ Der reagierte zwar nach außen eher nüchtern, aber innerlich jubelte er. Langsam führte er die Tochter an ihre Aufgabe für die Firmennachfolge in vierter Generation heran.
Grundsteinlegung für das Familienimperium vor 130 Jahren
Der erste Unternehmer der Familie Wempe war der gelernte Uhrmacher Gerhard Diedrich Wilhelm Wempe, der die Firma am 5. Mai 1878 gründete. Mit 21 Jahren und einem Startkapital von 80 Mark machte sich der Firmengründer selbstständig. Noch „ahnt niemand, dass damit der Grundstein für ein international operierendes Familienunternehmen gelegt wird“, heißt es in der Firmenhistorie. In wenigen Jahren baute der Juwelier sein Geschäft aus. Noch vor dem Ersten Weltkrieg eröffnete er in Hamburg fünf Filialen. Der Firmengründer starb 1921, doch die Nachkommen führten das Geschäft fort. Unter der Ägide von Hellmut Wempe, dem Vater von Kim-Eva Wempe, expandierte die Firma stark. 1984 startete Kim-Eva ein Betriebswirtschaftsstudium an der Hamburger Wirtschaftsakademie, das sie 1987 abschloss. Parallel arbeitete sie sich in die Aufgabenbereiche des Unternehmens ein: Einkauf, Disposition, Personal und Marketing. Mit dem Diplom wurde sie Gesellschafterin des Unternehmens. Doch noch 16 Jahre sollte es dauern, bis sie ganz übernehmen durfte. Zu sehr hing ihr Vater noch am Geschäft.
Einzige Tochter tritt die Nachfolge an
Das 125. Firmenjubiläum näherte sich. Ein guter Zeitpunkt zum Generationswechsel, und der Vater willigte – endlich – ein. Im Jahr 2003 wechselte Hellmuth Wempe in den Aufsichtsrat, wo er auch noch heute wacht. Jeder erwartete zum Jubiläum ein großes Rabattfestival. Doch statt Nachlässe auf das Sortiment zu gewähren, ließ Kim-Eva Wempe bei Luxus-Uhrenherstellern wie Cartier, IWC, Lange oder Patek Philippe Sondermodelle fertigen. Die wurden nicht billiger verkauft und gingen dennoch weg wie frisch geschnittenes Brot. Der Umsatz schoss 2003 wegen der Sondermodelle um fast 40% nach oben, Wirtschafts- und Branchenflaute hin oder her. Da wusste Juwelen-Patriarch Hellmut Wempe: Seine einzige Tochter ist die richtige Nachfolgerin. Die neue Chefin lässt auch Uhren unter der Marke Wempe erfolgreich verkaufen. Sie entwickelte eine eigene Schmuckkollektion „By Kim“. Gleich die erste Frühjahrskollektion wurde ein Riesenerfolg. 2004 zeichnete der weltweite De Beers Wettbewerb „Diamanten – Wunder der Natur“ Kim-Eva Wempe und ihr Team mit einem Preis für die Entwicklung der Colliers Chronos und Cosmos aus. Wempe beschäftigt heute rund 500 Mitarbeiter und unterhält 26 Niederlassungen, fünf davon in den Metropolen Paris, London, Madrid, Wien und New York. In der internationalen Schmuckbranche zählt Wempe zu den ersten Adressen und den zehn größten Juwelieren der Welt.
„Unternehmerin des Jahres“
Richtig auf die Palme bringt es die Firmenchefin, wenn ihre Waren als „sündhaft teuer“ beschrieben werden. Dabei gingen pro Kunden doch nur 3.000 bis 5.000 EUR über die Ladentheke, beteuert sie. 730.000 EUR kostet eine Uhr von Patek Philippe. Wempe verkauft aber auch ein mit Brillanten besetztes Modell des gleichen Herstellers für mehr als 1 Mio. EUR. Die Firmenchefin bedauert, nicht viel mehr solcher teurer Stücke absetzen zu können, denn es gibt diese langen Wartezeiten von bis zu sieben Jahren. Die Nachfrage jedenfalls sei da. Ebenso lange leitet die heute 47-Jährige das operative Geschäft. Der stolze Vater erzählt, dass Kim-Eva im Jahr 2007 von der Arbeitsgemeinschaft Selbstständiger Unternehmer (ASU) und dem Bundesverband Junger Unternehmer (BJU) mit dem Titel „Unternehmerin des Jahres“ ausgezeichnet wurde. Ihr Wissen über die Arbeit in einem Familienunternehmen ist gefragt. Kim-Eva Wempe hat einen Sitz im Institutsrat der Fakultät für Familienunternehmen an Deutschlands ältester Privatuniversität Witten-Herdecke, doziert dort in Vorlesungen für junge BWL-Studenten über ihre Erfahrungen in der Generationsübergabe.
Blick auf die Zukunft
Die Wempe-Chefin ist mit dem Lederdesigner Fritz Ahrens verheiratet. Täglich fährt sie ihre Kinder Scott und Chiara in die Schule; nur wenn sie auf Auslandsbesuch in einer der Filialen weilt, übernimmt der Ehemann. Und wie hält es die Tochter mit dem Generationswechsel? Sie will es so machen wie ihr Vater. „Bis zum 32. Lebensjahr lasse ich meinen Kindern Zeit, sich zu entscheiden.“ Sollten Tochter und Sohn andere Pläne haben, hat sie vorgesorgt. „Dann übertrage ich das Firmenvermögen auf eine Stiftung.“ So hatte es der Vater auch geplant – für den Fall, die Tochter hätte nicht gewollt.

Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Gerhard D. Wempe KG
Gründungsjahr: 1878
Branche: Uhrenhersteller und Luxusuhren- und Schmuckhändler
Unternehmenssitz: Hamburg
Mitarbeiter: 520
Umsatz 2009: 180 Mio. EUR
Internet: www.wempe.de

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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