„Schrauben-König“ mit Verbindungen zu Kunst und Kultur

Serie Unternehmerdynastien: Würth-Gruppe

Aus einer Zwei-Mann-Schraubenhandlung formte der Unternehmer Prof. Dr. h.c. mult. Reinhold Würth den Weltmarktführer für Befestigungstechnik. In 86 Ländern ist das weit verzweigte Unternehmen mit zwei Firmensitzen aktiv. Die wichtigsten Mitarbeiter sind den Würths ihre 28.000 Außendienstmitarbeiter, die mit einem ausgeklügelten Belohnungssystem zu Höchstleistungen angespornt werden.
Weltmarktführer aus der Provinz
Grüne Wiesen, saftige Flussauen, Wälder: Künzelsau – das Hohenloher Land nordöstlich von Heilbronn wirkt ländlich. Aber der Eindruck täuscht. Hier ist die deutsche Firmenzentrale von Würth, dem Weltmarktführer für Schrauben. Dem Montageprofi kann keiner das Wasser reichen, wenn es darum geht, Verbindungen zu schaffen. Mehr als 100.000 Artikel beherbergt Würths Sortiment – Schrauben, Muttern, Splinte, Dübel, Handwerks- und Elektrowerkzeuge, Möbelbeschläge, Klebstoffe. Mit ihren rund 400 Gesellschaften in 86 Ländern erzielten die etwa 60.000 Beschäftigten der Würth-Gruppe im ersten Halbjahr 2010 einen Umsatz von 4,2 Mrd. EUR.
Das Krisenjahr gut gemeistert
Das vergangene Krisenjahr konnte gut gemeistert werden – dank solider Kapitalausstattung und hoher Liquidität. Reinhold Würth ist stolz, ein Familienimperium aufgebaut zu haben. „Deutschland ohne Familienunternehmer wäre wie ein Auto ohne Lenkrad“, sagt er gegenüber der Unternehmeredition. Zwar hat sich Würth, 76, aus der operativen Führung seines Firmenimperiums zurückgezogen. Im Hintergrund jedoch zieht er immer noch die Fäden. Ihn nennen alle nur respektvoll den „Schraubenkönig“, denn er hat mit Schrauben sein Geld gemacht: viel Geld. Auf der Liste der reichsten Deutschen ist er regelmäßig auf den ersten Plätzen zu finden. Er wohnt in einem Schloss, besitzt vier Flugzeuge, die er auch selbst fliegt, und ein geschätztes Vermögen von 7 Mrd. EUR. Außerdem hat er Museen, eine beispiellose Kunstsammlung und eine wohl geordnete Familie. Der Vater, Adolf Würth, hatte nach dem Krieg einen kleinen Laden gegründet, Reinhold Würth machte daraus einen Weltkonzern und sich selbst zum Milliardär.
Im VW-Käfer die ersten Würth-Schrauben
Es ist Juni 1948, Ludwig Erhard versorgt Westdeutschland erstmals mit der D-Mark: Reinhold muss weg von der Schulbank – und ist froh darüber. „Schule, das war die schlimmste Zeit in meinem Leben“, sagt Würth. Als „sehr rudimentär“ bezeichnet er seine Schulbildung: „Ich habe nie eine Stunde Chemie oder Physik bekommen“, sagt der Mann, der heute einen Professorentitel und den Dr. h.c. mult. trägt. Drei Jahre geht Reinhold bei seinem Vater in die Lehre. Der Vater ist sehr streng, schenkt seinem Sohn nichts. Das härtet ab für das, was noch kommt. 1954 erleidet Adolf Würth einen Herzinfarkt und stirbt. Reinhold muss ran. Zwei Mitarbeiter hat er noch – und den unbändigen Willen, aufzubrechen. Früh entdeckt er die Autobranche als Absatzmarkt. Schon bald steigt Würth auch in die Schraubenproduktion ein, als er den Produzenten Arnold übernimmt. 1962 eröffnet er in den Niederlanden die erste Auslandstochter. Zudem beliefert er den VW-Konzern mit Schrauben und Unterlegscheiben für die Innenverkleidung des VW Käfers.
Top-Verkäufer mit Edel-Limousinen und Luxusreisen mit Ehefrau
Es gibt nur wenige Firmen in Deutschland, die eine derart eigene „Kultur“ besitzen wie das Reich des Reinhold Würth. Einen Betriebsrat gibt es nicht. Der Haustarif orientiert sich am IG-Metall-Tarif, hinzu kommen Sonderleistungen und Provisionen. Für Konfliktfälle und Tarifverhandlungen hat Würth einen „Vertrauensrat“ geschaffen, den die Mitarbeiter wählen. Die Verkäufer sind die Pfeiler des Unternehmens. Sie hegen und pflegen das Unternehmen, sie bekommen Misserfolg aber auch unmittelbar zu spüren. Stimmen die Zahlen nicht, wird aus dem BMW-Dienstwagen schon mal ein VW. So sehen auch die Kunden auf den ersten Blick, wie die Geschäfte bei ihrem Vertreter laufen. Verkäufer bei Würth, das ist alles andere als Zuckerschlecken, die Herren sind angehalten, die auf Würth-Produkte normierten Schraubenregale beim Kunden sogar zu putzen. Wer dem Druck der permanenten Erfolgskontrollen standhält, hat dafür die Chance, von der untersten Charge, den C-Verkäufern, über B- und A-Klasse bis in den Erfolgsclub oder gar ganz nach oben in den Topclub aufzusteigen. Dort winken ein 5er BMW als Dienstwagen und die legendären Würth-Incentives – Flugreisen und Kreuzfahrten mitsamt Ehefrauen durch die ganze Welt.
Heute lenkt „Fröschle“ Bettina Würth den Beiratsvorsitz
Offiziell hat sich Reinhold Würth bereits zum 1. Januar 1994 zum Beiratsvorsitzenden ernannt und damit aus dem operativen Geschäft zurückgezogen. Der ist dem Aufsichtsratsvorsitzenden in einer AG gleich, bestimmt aber maßgeblich die Strategie. Heute führt eine achtköpfige Geschäftsleitung den Betrieb operativ, Sprecher der Geschäftsleitung der Adolf Würth GmbH & Co. KG ist Norbert Friedmann. Vor fünf Jahren übernahm die Tochter den Beiratsvorsitz. Sie ist heute 50 Jahre alt, vierfache Mutter und für die strategischen Geschicke des Familienunternehmens verantwortlich. Bettina Würth weiß genau, dass ihr Vater sie keineswegs als natürliche Nachfolgerin gesehen hat. Die Realschülerin und gelernte Industriekauffrau musste die Bau-Division aufbauen, bevor der Vater ihr sein Vertrauen schenkte. Heute verstehen sie sich Vater und Tochter geschäftlich wie privat gut, wie Reinhold Würth gegenüber der Unternehmeredition beteuert: „Richtig stolz bin ich auf mein Töchterle ob ihrer beruflichen Konsequenz und professionellen Durchsetzungsfähigkeit, privat bleibt sie auch im fünften Lebensjahrzehnt das geliebte Fröschle.“ Reinhold Würth beschränkt sich heute darauf, Vorsitzender des Stiftungsrats zu sein – offiziell. 1987 hatte er seine Unternehmensanteile in eine Stiftung eingebracht.
Kleinliche Steuerprüfer? Vorstrafe für den Patriarchen
Doch es läuft nicht immer rosig im Hause Würth. Noch immer ist der Patriarch tief enttäuscht vor allem über den Stil der Steuerfahndung. Ohne Vorwarnung, so klagt er, sei ihm vor zweieinhalb Jahren ein Rollkommando von Ermittlern ins Haus geschickt worden. Gefunden wurde eigentlich nichts, was nicht durch eine vertiefte Prüfung und vernünftige Verhandlungen mit dem Finanzamt hätte aus der Welt geschafft werden können. Würth gehört zu der Sorte schwäbischer Unternehmer, die ihre Unternehmen in viele Einzelgesellschaften verschachteln und sehr kreativ im Vermeiden von Steuern sind. Aber Würth war am Anfang nicht kooperativ genug, vielleicht zu selbstherrlich, und traf dann auf in ihrer Berufsehre gekränkte Steuerfahnder, die ihre Arbeit umso penibler nahmen. Um weiteren Schaden für den Ruf der Firma durch einen jahrelangen Gerichtsprozess abzuwenden, akzeptierte der als sehr sparsam geltende Firmeneigner zähneknirschend den mindestens 3,5 Mio. EUR schweren Strafbefehl und ist deshalb vorbestraft. Die Staatsanwaltschaft stellte zur Entlastung Würths fest, dass der Unternehmensgründer „keine eigenen Vorteile erlangt hat“.
Legendäre Kunstsammlung, eigene Hochschule
Dennoch bleibt ihm der Ruhm sicher, als Unternehmer, Sammler, Mäzen und Stifter. Seine Kunstsammlung, inzwischen mehr als 8.000 Werke, ist legendär, die Firmenzentrale ist zugleich ein Museum, ein weiteres Haus hat er in Schwäbisch-Hall auf eigene Kosten gebaut – die dortige Kunsthalle, die auch seinen Namen trägt. „Hauptziel der Stiftung ist, gemeinnützig zu helfen. Wenn als Nebenprodukt dadurch Wohlwollen in der Öffentlichkeit erzeugt wird, schadet dies dem Unternehmen nicht“, sagt Würth. Die Reinhold-Würth-Hochschule in Künzelsau, eine Dependance der Hochschule Heilbronn, stellt aus dem Stiftungsvermögen jährlich etwa 300.000 EUR für neue Studiengänge dort zur Verfügung. Als nachträgliches Geburtstagsgeschenk darf der Steuersünder jetzt sogar sein Großes Bundesverdienstkreuz trotz der Vorstrafe behalten, verfügte der Bundespräsident.

Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Würth-Gruppe
Gründungsjahr: 1945
Branche: Befestigungs- und Montagetechnik
Unternehmenssitze: Künzelsau (Adolf Würth GmbH & Co KG) sowie Rohrschach, Schweiz (Würth Management AG)
Mitarbeiter: 59.577
Umsatz 2009: 7,522 Mrd. EUR
Internet: www.wuerth.de

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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