Faber-Castell AG (Ausgabe 2/2008)

Bleistifte und Luxus-Füller für den Weltmarkt

200 Euro sind eine stolze Summe für einen Füllfederhalter. Warum gibt jemand das aus? „Ein Mann hat heute nicht viele Möglichkeiten sich zu schmücken“, sagt Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, 67, Vorstandsvorsitzender der Faber-Castell AG. „Es bleiben die Uhr, Manschettenknöpfe und eben schönes Schreibgerät.“

200 Euro sind eine stolze Summe für einen Füllfederhalter. Warum gibt jemand das aus? „Ein Mann hat heute nicht viele Möglichkeiten sich zu schmücken“, sagt Anton Wolfgang Graf von Faber-Castell, 67, Vorstandsvorsitzender der Faber-Castell AG. „Es bleiben die Uhr, Manschettenknöpfe und eben schönes Schreibgerät.“ In der achten Generation steht er an der Spitze des Familienunternehmens, das heute mit einer Produktion von rund zwei Mrd. Blei- und Farbstiften zu den weltweit führenden Herstellern von Schreibgeräten gehört. Das Erfolgsrezept des Grafen? Gegensätze verbinden: Tradition und Moderne, Strenge und Wohltätigkeit, Luxus und Bodenhaftung.

Toni, der junge Graf

Schon 1761 fertigte der Schreiner Kaspar Faber in Stein bei Nürnberg seine eigenen „Bleyweißsteffte“. Generationen später schwärmt der Maler Max Liebermann: „Die besten Bleistifte macht in Deutschland immer noch Faber-Castell.“ Doch Tradition ist dem jungen Graf Anton Wolfgang von Faber-Castell erstmal schnuppe. Die Geschicke des Familienunternehmens zu lenken, dafür kann sich „Toni“ – wie ihn die Familie nennt – damals nicht erwärmen. Mit 30 Jahren heuert der Jurist als Investmentbanker an und geht für Credit Suisse nach London und New York. „Einblicke in unterschiedliche Unternehmen zu bekommen, das hat mich interessiert“, erzählt er. In dieser Zeit lernt er viel über Zahlen und Strategien, „aber wenig über Menschenführung“, wie er zugibt. Doch das Schicksal will es anders. Der Vater erkrankt plötzlich schwer und stirbt. „Toni“ wird heimbeordert. Kurz zuvor hatte der Vater Anton Wolfgang aus zehn Geschwistern zum alleinigen Nachfolger an der Spitze von Faber-Castell ernannt. Um das Unternehmen weiter nach vorne zu bringen, war es nötig, die Entscheidungskompetenzen in eine Hand zu geben: „Mein Vater wollte ganz klare Verhältnisse schaffen. Wenn nicht am Ende einer deutlich das Sagen hat, ist das Risiko groß, dass ein Unternehmen im Streit zerfällt“, sagt er. Mit viel Innovationsgeist übernimmt der 37-Jährige im Jahr 1978 die Leitung der Bleistiftdynastie. Die Geschwister zahlt er aus.

Wohlwollender Diktator
Von Anfang an setzt er auf Qualität und verkündet: „Wir müssen uns abheben von den Pfennigprodukten.“ Die Verbindung von Tradition und Moderne, das schreibt sich der neue Chef auf seine Fahne. 1993 führt er das Castell’sche Motiv mit den beiden kämpfenden Rittern wieder ein. Seitdem ziert die Turnierszene wieder jeden Stift aus dem Hause Faber-Castell. Er selbst repräsentiert die Marke Faber-Castell auch als Werbeikone. „Seit ich als Vorstandsvorsitzender von Faber-Castell an der Spitze des Unternehmens stehe, habe ich mich bei Fototerminen immer wieder vor dem Schloss fotografieren lassen. Das Faber-Castell’sche Schloss ist einzigartig, visualisiert unsere Marke und symbolisiert eine lange Tradition – ein entscheidender Wettbewerbsvorteil.“ Um an der Spitze zu bleiben, hält er die Hierarchien flach und lässt Freiraum für selbstständiges Handeln. Jüngere, die neue Ideen haben, bekommen Verantwortung. Dennoch beschreibt sich der Firmenchef als eine Art „wohlwollender Diktator in der Markenführung.“ Die halte er weltweit fest in der Hand, weil sie für das langfristige Überleben des Unternehmens von großer Bedeutung sei. Auch Details können wichtig sein, wenn die nicht stimmen, gibt es Druck aus Franken. „Verpackung etwa, das ist bei uns einfach Chefsache.“

Pionier, Weltmarktführer, Stiftekönig
Luxus-Füller sind das eine. Aber der Graf kann auch Massen für den Weltmarkt produzieren. Faber-Castell gehörte zu den Pionieren. Als viele deutsche Mittelständler noch ihr Glück allein im deutschen Markt suchten oder ihre Ware ins nahe Ausland verkauften, bearbeitete der „Stiftekönig aus dem Frankenland“ (Bild Zeitung) längst den Weltmarkt, verkaufte und produzierte in Brasilien. Er meisterte Wirtschaftskrisen, Rohstoffengpässe, die wachsende Billigkonkurrenz aus China – und stieg auf zum Marktführer in dem riesigen Land: mit unternehmerischem Mut, Beharrungsvermögen und großer Anpassungsfähigkeit. Oft jettet er nach Asien und Südamerika. Denn dort sieht er einen großen Wachstumsmarkt. „Es gibt eine starke Polarisierung: Einerseits bedeutet der wachsende Bildungsbedarf in den Schwellen- und Entwicklungsländern eine steigende Nachfrage für Schulprodukte wie den Blei- und Farbstift“, sagt er. In den Industrieländern sei hingegen der Trend zur Aufwertung zu beobachten: Lifestyle-Produkte, die Tradition und eine hohe handwerkliche Verarbeitung erkennen lassen, seien wieder stärker gefragt. Auch europäische Büros mit hochwertigem Schreibgerät auszustatten, werde weiter bedeutend für sein Geschäft bleiben. „Solange der Mensch nicht das handgehaltene Schreiben aufgibt, solange wird es immer einen Markt zu erobern geben.“

Globalisiert mit deutschen Wurzeln
Im brasilianischen São Carlos betreibt der Graf das weltgrößte Werk für Holz-, Blei- und Buntstifte für den globalisierten Markt. Es ist längst nicht die einzige Produktionsstätte der Stifte-Dynastie außerhalb Europas. Blei- und Filzstifte, Tintenroller, Marker und Radiergummis entstehen in Malaysia, Mexiko, Kolumbien, China – dazu kommen jedes Jahr die zwei Mrd. Holzstifte aus den Werken in Brasilien. Inzwischen betreibt Faber-Castell rund um die Erdkugel 16 Fabriken. Für die Manufaktur in Franken bleiben Premiumstifte für Künstler, Füllhalter aus Edelholz und anderes feines Schreibgerät. „Mein Ziel ist, ein internationales Unternehmen mit deutschen Wurzeln zu führen“, verkündet der Firmeninhaber. Das Holz für alle Bleistifte stammt aus eigenen Waldplantagen in Brasilien. Doch auch im Billiglohnland Brasilien wächst der Kostendruck. In Asien erhält ein Arbeiter in der Stifteproduktion nur 50 USD, also ein Vierzehntel seines brasilianischen Kollegen. Wenn Werke unrentabel werden, muss der Graf Konsequenzen ziehen. Die Spritzgussfertigung wurde von São Carlos nach Manaus in den tiefsten Amazonas-Dschungel verlegt, wo schon Konzerne wie Kodak und Nokia äußerst angenehme Steuervergünstigungen der örtlichen Provinzregierung genießen. Hier, nur erreichbar per Flugzeug und Schiff, fertigen 150, demnächst aber mindestens 250 Faber-Arbeiter Faserschreiber und andere Produkte, vorwiegend aus Plastik.

Adel verpflichtet
Entlassen wird nicht. Wer einmal bei Faber-Castell einen Vertrag unterschreibt, bleibt in der Regel bis zur Pensionierung. Die Mitarbeiter schätzen wohl auch die vielen Sozialleistungen, die ihnen das Unternehmen bietet: Das reicht vom kostenlosen Frühstück in der Kantine über Sprachkurse und die Aufbauhilfe für Kinderhorte und Schulen in den Slums am Rande von São Carlos bis hin zum Faber-Castell-Club. Das ist ein parkähnliches Gelände am Stadtrand mit allem, was das Personal zur Erholung braucht. Solche Wohltaten entspringen einer alten sozialen Verantwortung der Familie Faber-Castell. „Wir sind auch als internationaler Betrieb ein echtes Familienunternehmen“, sagt Faber-Castell. „Familienunternehmer messen naturgemäß dem langfristigen Denken, der Kontinuität in der Führung und dem marktnahen Handeln gegenüber einer kurzfristigen Gewinnoptimierung die größere Bedeutung zu“, so der Graf. Gerade in den heutigen Zeiten könnten Familienunternehmen viel zur wirtschaftlichen Modernisierung beitragen, weil sie die Chance hätten, langfristig zu planen und selbst zu entscheiden. Familienunternehmen zeichneten sich außerdem durch ein sozialeres Klima aus. „Hire and fire entspricht nicht unserer Unternehmenskultur.“<
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Thomas Grether

Kurzprofil: Faber-Castell
Gründungsjahr: 1761
Branche: Schreibgeräte
Unternehmenssitz: Stein
Umsatz 2006/2007: 395 Mio. Euro
Internet: www.faber-castell.de

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

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