Dr. August Oetker KG (Ausgabe 5/2008)

Mit Backpulver, verpackt in kleinen Tütchen, wurde die Apotheke von August Oetker zur Fabrik. Heute leitet der Urenkel gleichen Namens die Oetker KG. Dazu gehören Schöfferhofer Weißbier genauso wie Nobel-Hotels oder die Reederei Hamburg-Süd.

Mit Backpulver, verpackt in kleinen Tütchen, wurde die Apotheke von August Oetker zur Fabrik. Heute leitet der Urenkel gleichen Namens die Oetker KG. Dazu gehören Schöfferhofer Weißbier genauso wie Nobel-Hotels oder die Reederei Hamburg-Süd. Als Nachfolger von August Oetker steht schon Richard Oetker (56) in den Startlöchern. Bekannt wurde sein Name durch eine der brutalsten Gewalttaten der vergangenen Jahrzehnte.

Der ehrgeiziger Tüftler
Wenn Marketingprofessoren über sensationell hohe Markenbekanntheit referieren, dann fällt immer der Name Oetker. Gestützten Umfragen des Unternehmens zufolge kennen 98% aller Deutschen den Konzern und bringen ihn mit „Pudding und Backpulver“ in Verbindung. Das ist zwar nur ein sehr kleiner Teil des Bielefelder Mischkonzerns. Mit Backpulver schlug aber die Geburtsstunde des Familienunternehmens Dr. Oetker. Der gelernte Apotheker und ehrgeizige Tüftler August Oetker strebte zeitlebens nach Höherem als nur nach einer einfachen Apotheke, die er 1891 im Alter von 29 Jahren in Bielefeld erwarb: Nebenbei bastelte er an einem Teigtriebmittel, und das „bis spät in die Nacht“, wie die Firmenchronik zu berichten weiß. Heraus kam „Backin“. Oetker packte das Pulver in kleine Tütchen – exakt die Menge für ein Pfund Mehl. Zwar sagte August Oetker das Wort Marketing nichts – das Handwerk dazu beherrschte er aber genial. So suggeriert die Firmenmarke „Dr. Oetker“ akademische Qualität – dass Oetker als Botaniker promovierte, war da unwichtig.

Der clanfremde an der Spitze
Aus der Apotheke August Oetkers wurde bald eine Fabrik. Anfang der 1920er Jahre produzierte Oetker bereits 40 Mio. Päckchen Backin monatlich. Oetker war damit praktisch Monopolist und erreichte einen Marktanteil von 95%. Das Produkt wird noch heute in unveränderter Form hergestellt. Auch das Oetker-Warenzeichen – ein heller Frauenkopf auf schwarzem Grund – verwendet das Unternehmen noch heute. Der Nachfolger von Firmengründer August Oetker, Richard Kaselowsky, hatte in die Familie eingeheiratet und blieb bis heute der einzige Clanfremde an der Spitze. Er forcierte die Werbeanstrengungen. Kaselowsky war jedoch umstritten angesichts seiner Freundschaft zu Heinrich Himmler. Er kam bei einem Luftangriff der Alliierten ums Leben. Die Führung des Konzerns übernahm 1944 Stiefsohn Rudolf-August Oetker, der im Januar vergangenen Jahres im Alter von 90 Jahren verstorben ist. Der Enkel des Firmengründers prägte maßgeblich die Richtung des Konzerns nach dem Krieg: Rudolf-August kaufte hinzu und diversifizierte den großväterlichen Betrieb. Ihm ist die Größe und wirtschaftliche Stärke des Familienimperiums zu verdanken.

Der Konglomeratlenker
Seit 1981 steht Rudolf-August Oetkers Sohn August an der Spitze des Familienclans. Unter seiner Führung entwickelte sich ein Firmenkonglomerat mit einem Umsatz von mehr als 7 Mrd. Euro und fast 23 000 Beschäftigten. Zwar ist die Lebensmittelsparte das Aushängeschild, doch der größte Geschäftszweig des Konzerns ist die Reederei Hamburg-Süd. Mit 3,2 Mrd. Euro trägt sie rund 45% zum Umsatz der gesamten Gruppe bei. Die Oetker-Gruppe konnte im Jahre 2007 den Umsatz um 8,4% auf 7,75 Mrd. Euro steigern. Dazu trugen auch die Geschäftsbereiche Sekt, Wein & Spirituosen (Henkell Trocken, Söhnlein Brillant, Wodka Gorbatschow) bei. Das Geschäftsfeld Nahrungsmittel mit seinen Marken Vitalis, Onken und Dr. Oetker bereitete den Oetkers ebenso Freude wie die Geschäftssparte „Weitere Interessen“ (Chemiefabrik Budenheim und Oetker Hotel Collection, beispielsweise Brenner´s Park in Baden-Baden und das Le Bristol in Paris). Das Biergeschäft mit den Marken Radeberger, Jever, Tucher Bräu und Schöfferhofer Weizen lief zufrieden stellend. Schließlich ist das Bankhaus Lampe ebenfalls Teil des Familienunternehmens Oetker. In diesen Tagen plant die Oetker-Gruppe nach Angaben des Bundeskartellamts, ihren Anteil an dem Parfümeriekonzern Douglas auf über 25% auszubauen.

Der künftige Clanchef
Rudolf-August Oetkers jüngerer Bruder Richard wird die Geschäfte vom Januar 2010 an führen. Lange einarbeiten muss er sich nicht. „Durch meine langjährigen Tätigkeiten in der Dr. Oetker Geschäftsführung und in Gremien der zur Oetker-Gruppe gehörenden Unternehmen bin ich bestens mit den Themen und Aufgaben vertraut“, sagt er. Auch Richard Oetker hält den Familiennamen hoch. Befragt, wofür der Name Oetker steht, antwortet er: „Verlässlichkeit, Solidität, Kontinuität und natürlich für beste Produktqualität.“ Das seien auch Eigenschaften, mit denen Firmen im Privatbesitz in Deutschland punkten könnten. „Familienunternehmen sind wichtig für den Wirtschaftsstandort Deutschland, weil sie auf langfristig stabile Erträge setzen, sehr zahlreiche Ausbildungs- und Arbeitsplätze schaffen und Innovationen vorantreiben“, sagt der designierte Konzernlenker. Dass Richards Namen auch mit einem der spektakulärsten Gewaltverbrechen der Nachkriegsgeschichte in Zusammenhang steht, wissen viele Deutsche.

Die Entführung
Am 14. Dezember 1976 wird der damals 25-jährige Student der Brau- und Agrarwissenschaften auf dem Parkplatz der Universität Weihenstephan in Freising entführt. Er muss sich in eine enge Kiste zwängen; der Täter droht ihm, er werde an Stromschlägen sterben, sobald er schreit. Eine perfide ausgeklügelte Schaltung mit Mikrophon löse diese Schläge aus, sobald er Hilfeschreie von sich gibt. Der Familie gelingt es tatsächlich, die geforderte Summe von 21 Mio. DM (10,7 Mio. Euro) rechtzeitig zu beschaffen. Dennoch löst die elektrische Foltermaschine wegen eines Defektes Stromstöße aus. Der Entführer entlässt Richard Oetker gerade noch rechtzeitig in die Freiheit, dass seine Verletzungen behandelt werden können – er überlebt. Aber der einst lebenslustige Student kann sich fortan nur noch eingeschränkt bewegen. Der Täter, der 34-jährige Gebrauchtwagenhändler Dieter Zlof, wird gefasst und zu 15 Jahren Haft verurteilt. Es zeugt von ungeheurer Disziplin, dass Richard Oetker sein schweres Ingenieursstudium als Diplom-Braumeister noch im Jahr der Entführung abschließt und vier Jahre später als Trainee bei einer Firmentochter seine berufliche Laufbahn beginnt. Er arbeitet sich bienenfleißig durch die Hierarchie nach oben. Seit 1996 ist Richard als Geschäftsführer der Tochterfirma Dr. Oetker GmbH nicht nur verantwortlich für 7.000 Mitarbeiter, sondern auch für die Auslandsmärkte in Italien, der Schweiz und Österreich. Auf die Frage, wie er sein Schicksal als Behinderter meisterte, antwortete das Vorstandsmitglied der Opferschutzorganisation „Weißer Ring“ in einem Interview: „Ich bin ein gläubiger Mensch und von Natur aus Optimist.“

Thomas Grether
redaktion@unternehmeredition.de


Kurzprofil Dr. August Oetker KG

Gründungsjahr: 1891
Branche: Lebensmittel, Reederei, Mineralwasser, Bier, Sekt, Spirituosen, Chemie, Hotellerie, Bank, Parfümerie
Unternehmenssitz: Bielefeld
Mitarbeiterzahl 2007: 22.680
Umsatz 2007: 7,75 Mrd. Euro
Internet: www.oetker-gruppe.de

Dr. August Oetker KG versus Dr. Arend Oetker HoldingNeben dem Bielefelder Oetker-Stammhaus existiert – davon unabhängig – noch eine zweite Oetker-Firmengruppe. An ihrer Spitze steht Arend Oetker, ein Cousin von August Oetker. Er ist Chef einer Holding, die seinen Namen trägt und vor allem durch das Geschäft mit Schwartau-Marmelade bekannt ist. Arend Oetker engagiert sich in zahlreichen Vereinigungen und Organisationen, auch als Vizepräsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI).

Autorenprofil

Thomas Grether ist Gastautor.

Vorheriger ArtikelDer Schuster, der nicht bei seinen Leisten blieb
Nächster ArtikelFreizeit- und Familienpark Mack KG (Ausgabe 1/2009)