Eine Industrieanlage für Elektrofilter in Polen: Balcke-Dürr entwickelt Kraftwerkskomponenten.
Eine Industrieanlage für Elektrofilter in Polen: Balcke-Dürr entwickelt Kraftwerkskomponenten.

Das Traditionsunternehmen Balcke-Dürr hat sich als Servicespezialist und Zulieferer für Kraftwerke einen Namen gemacht. Doch mit der Energiewende kam die Krise. Jetzt steht das Unternehmen unter dem Dach der Mittelstands-Holding Mutares nach erfolgreichem Turnaround vor einem Neuanfang.

Bis ins 19. Jahrhundert reichen die Wurzeln der Balcke-Dürr-Gruppe. Schon damals unterstützte eines der Vorgängerunternehmen die Kühlung von Dampfprozessen in Kraftwerken. Die Erfahrung aus Jahrzehnten schlägt sich heute noch im Kerngeschäft nieder, bei dem es von Wärmetauschern und Filtern bis zu Kühlsystemen um die Herstellung wichtiger Komponenten sowie vor allem um Serviceleistungen für die energieerzeugende und chemische Industrie geht. Zur Firmenhistorie gehören aber auch wirtschaftliche und technologische Umbrüche. Zuletzt wurde das Unternehmen von der Energiewende so schwer getroffen, dass Margen und Märkte dramatisch einbrachen. Mit den Beteiligungsunternehmern der Mutares AG als neuem Eigentümer hat sich die Firmengruppe nun aus der Schieflage befreit. „Balcke-Dürr wird in 2018 erstmals seit vielen Jahren ein positives Gesamtergebnis erzielen und auf Basis der Neuausrichtung wieder Wachstumschancen nutzen können“, sagt Geschäftsführer Dr. Wolf Cornelius.


Geschäftseinbruch nach der Energiewende

Balcke-Dürr war früher Teil des Anlagen- und Maschinenbaukonzerns Deutsche Babcock und wurde nach dessen Insolvenz vom US-amerikanischen Technologiespezialisten SPX Corporation übernommen. Mit der vor sieben Jahren vom Bundestag beschlossenen Energiewende veränderte sich dann das Marktumfeld in Deutschland. Betreiber nahmen Kraftwerke vom Netz und reduzierten signifikant Investitionen in Neu- und Bestandsanlagen. Die Nachfrage nach Service und Modulen brach ein, und mit den Preisen fielen die Margen bei den verbliebenen Großprojekten. Konsequenz: Die SPX entschied sich, aus dem Europageschäft für Kraftwerkskomponenten und -service und damit auch aus der Balcke-Dürr-Gruppe auszusteigen.

Branchenexpertise und Turnaroundkompetenz

Die mit dem Verkaufsprozess beauftragte Investmentbank sprach Käufer mit Interesse an Restrukturierungen an. Gesucht war ein starker Eigentümer, der die strategische Neuausrichtung entwickeln und die Sanierungsmaßnahmen einleiten würde. Durchgesetzt hat sich das von Mutares entwickelte Konzept, dessen Umsetzung die börsennotierte Holding aktiv mit ihren operativen Teams unterstützt. Sie legt Wert darauf, dass ein Mitglied ihres Vorstands über Branchenexpertise verfügt und – wie Dr. Wolf Cornelius jetzt bei Balcke-Dürr – in der Phase des Turnarounds eine Führungsfunktion im Zielunternehmen übernimmt. „Weil wir das Geschäft kennen, können wir vom ersten Tag an Mehrwert bieten“, sagt Johannes Laumann, Principal und Branchenexperte von Mutares. Das habe auch bei den lokalen Managementteams Vertrauen und den Wunsch geschaffen, Mutares als neuen Eigentümer zu gewinnen. „Das Mutares-Team konnte während der Due Diligence ein ganzheitliches Turnaroundkonzept erarbeiten, auf dessen Basis mit Versicherern Avalrahmen diskutiert werden konnten“, sagt Christoph Großekämper, Direktor M&A Mutares.

Projektgarantien als Risikofaktor

Aus Sicht des Alteigentümers war zudem die Erfahrung mit Bürgschaften und Garantien wichtig, da SPX auch nach dem Verkauf für die bei Projektgeschäften gegebenen Garantien bürgt. „Wir konnten mit Blick auf den Avalrahmen konstruktive Lösungsmöglichkeiten aufzeigen“, sagt Laumann. Nicht minder wichtig ist die Turnaroundkompetenz. Denn solange die SPX noch für Projektgarantien bürgen muss, hat sie allein schon wegen dieser Risiken ein starkes Interesse am Fortbestand des Unternehmens.

Zurück in die schwarzen Zahlen

Erstes Ziel der Restrukturierung war es, das Insolvenzrisiko auszuschalten und wieder profitabel zu werden. Vieles von dem hat Mutares schon 2017 direkt nach dem Einstieg umgesetzt. Nach dem Motto „Qualität vor Quantität“ wurden Standorte zusammengelegt oder geschlossen, das Produktportfolio bereinigt und das Personal angepasst. Gleichzeitig ist es durch ein optimiertes Einkaufsmanagement gelungen, Sachkosten zu senken. In einem zweiten Schritt soll die Basis für künftiges Wachstum geschaffen werden. Bereits im Herbst 2017 hat Balcke-Dürr von Mitsubishi Hitachi Power Systems Europa das in Darmstadt ansässige Stahlbauunternehmen Donges SteelTec übernommen. Als weiteres strategisches Add-on folgte Mitte 2018 die Übernahme des Geschäftsbereichs Heat Transfer Products vom italienischen Technologiekonzern STF. Hinzu kommen Maßnahmen, um das organische Wachstum zu forcieren. Dazu gehören erste Schritte in den Markt für Müllverbrennungsanlagen sowie der Ausbau der Leistungen für die Chemiebranche. Darüber hinaus hat Balcke-Dürr in diesem Jahr eine neue Gesellschaft gegründet, die sich mit dem Rückbau von Kraftwerken beschäftigt. Da winkt noch über Jahrzehnte gutes Geschäft.