„Nachfrage privater Haushalte nach Porzellan ist gestiegen“

Interview mit der Geschäftsführung der Rosenthal GmbH, Tanja-Simone Pigorsch und Carsten W. Hense

In der kleinen Stadt Selb im bayerischen Fichtelgebirge befindet sich die Porzellanfabrik der Rosenthal GmbH. © Rosenthal

Rosenthal, seit 2009 Teil der italienischen Arcturus Group, gehört mit den Marken Rosenthal, Rosenthal meets Versace, Hutschenreuther, Thomas und Arzberg zu den modernsten Porzellanherstellern weltweit. Das 1879 als Familienbetrieb gegründete Unternehmen mit Sitz im oberfränkischen Selb hat rund 700 Mitarbeiter und produziert in zwei Werken in Selb und Speichersdorf hochwertiges Porzellan, exklusive Designobjekte sowie stilvolle Accessoires für Endverbraucher und die anspruchsvolle Gastronomie. Die Unternehmeredition sprach mit den beiden neuen Geschäftsführern Tanja-Simone Pigorsch (Marketing und Vertrieb) und Carsten W. Hense (Produktion, Logistik, Finanzen, Administration) über die aktuelle Geschäftsentwicklung und die zukünftige Ausrichtung. INTERVIEW EVA RATHGEBER UND TORSTEN HOLLER

Unternehmeredition: Frau Pigorsch, Herr Hense. Sie führen die Rosenthal GmbH seit vergangenem Jahr als Doppelspitze. Mit welchen Zielen haben Sie die Geschäftsführung jeweils angetreten?

Thomas Trend weiß ist eine der meistverkauften Porzellanserien weltweit. © Rosenthal GmbH

Tanja-Simone Pigorsch: Mein Ziel ist es, ein geschichtsträchtiges Unternehmen wie Rosenthal im 21. Jahrhundert in aller Welt klar und zeitgemäß zu positionieren. Ganz praktisch gesagt: ich möchte den gedeckten Tisch wieder in den Mittelpunkt der Familien bringen und somit die Kinder, the next generation, mit Rosenthal vertraut machen. Tradition und Marke müssen nicht immer teuer sein. Die Rosenthal GmbH fertigt unter den Marken Rosenthal, Rosenthal meets Versace, Arzberg, Thomas und Hutschenreuther Porzellan für jeden Haushalt und jeden Anlass. Vom Kindergeschirr über das Starter Set im Studium bis hin zum kompletten Service. Beim Essen geht es um den Austausch miteinander, ob mit den Kindern nach der Schule, beim großen Familienessen oder bei geschäftlichen Events.
Carsten W. Hense: Rosenthal ist DER Porzellanhersteller in Deutschland mit Strahlkraft in die ganze Welt. Das Geschäft war in den vergangenen Jahren von Konsolidierung und internationalem Wettbewerbsdruck geprägt und stellte auch Rosenthal vor Herausforderungen. Um das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen, ist ein konsequenter Innenblick notwendig: Strukturen, Prozesse, Automatisierung, Digitalisierung, Effizienz. Zum anderen gilt es, Rosenthal als design- und trendorientierte Marke wieder einer jüngeren Kundschaft nahezubringen.

Unternehmeredition: Herr Hense, Sie hatten zuvor leitende Positionen beim Luxusunternehmen Montblanc und bei Europas größtem Hersteller von Blasinstrumenten Buffet Crampon inne. Sie, Frau Pigorsch, bringen Führungserfahrung aus Markenunternehmen wie Douglas, Beiersdorf und Porsche Design mit. Inwieweit können Sie diese Erfahrungen jetzt bei Rosenthal einbringen?

Designikone: Die schwarze Teekanne aus der Kollektion TAC von Walter Gropius. © Rosenthal

Hense: Einerseits kann ich meine Erfahrungen im Zusammenspiel von technischer Expertise und aus dem Supply Chain Management mit den Themen der Optimierung von Produktionsprozessen, der Planung und der Bestände bei gleichzeitiger Erhöhung des Servicelevels hervorragend einbringen. Andererseits kenne ich die Herausforderungen, die ein Unternehmen hat, das einen hochtechnisierten Produktionsprozess in das Zusammenspiel mit wirklicher Handarbeit bringen muss. Wenn Sie die Leidenschaft unserer Malerinnen und Maler bei hochpreisigen Golddekors sehen oder die Präzision unserer Formenbauer für Vasenmodelle, dann erkennen Sie den Spagat, den wir managen müssen.
Pigorsch: Ich habe immer Marken aufgebaut oder umstrukturiert – wundervolle, hochwertige Prestige-Marken. Somit verfüge ich über ein globales Netzwerk und die weitumspannenden Erfahrungen im Lebensmitteleinzelhandel/Drugstore bis hin zum High-End Department Store. Immer im globalen Kontext und für alle Arten des Vertriebes, vom eigenen Sales Team bis hin zu Distributionspartnern oder auch Auslandsgesellschaften. Stets ging es darum, Markensteuerung, Internationalisierung, Verknüpfung zwischen Produktion, Sales und Marketing in einen gewinnbringenden Prozess zu führen. All dies kann ich gut bei Rosenthal einbringen – es sind alles consumer goods.

Unternehmeredition: Wie ist das Unternehmen bislang durch die Coronapandemie gekommen? Wie gestaltete sich die Ertragssituation 2020, mit welchem Ergebnis rechnen sie 2021?
Pigorsch: Die Nachfrage nach Porzellan im Haushaltsbereich, das bestätigen auch unsere Händler, hat in Deutschland im Corona-Jahr 2020 unsere Erwartungen übertroffen und wir konnten hier den Umsatz sogar steigern. Auch im Bereich E-Commerce, sowohl im eigenen Onlineshop als auch mit unseren Online-Partnern, sind wir überdurchschnittlich gewachsen. Insbesondere in den Bereichen Hotel, Restaurant und Catering mussten wir jedoch durch den Lockdown Einschnitte hinnehmen.

Unternehmeredition: Hat sich im Zuge der Pandemie die Digitalisierung bei Ihnen beschleunigt? Welche Rolle spielt für Sie der Onlinehandel? Und wie präsentieren Sie trotz Messeausfall Ihre Produktneuheiten?

Kunstwerke: Vasen entworfen von der Star-Architektin Zaha Hadid. © Rosenthal

Pigorsch: Wir sind in der glücklichen Lage, dass wir bereits seit Jahren einen guten Onlineauftritt haben, den wir fortlaufend optimieren. Unser Onlineshop konnte während des Lockdowns nochmal deutlich zulegen und wir haben hier 2020 unseren Umsatz vom Vorjahr signifikant steigern können. Wir versenden international, sind also auch unabhängig von Schließungen in anderen Ländern. Marketing- und Vertriebsveranstaltungen fanden ebenfalls online statt. Wir hatten im Dezember eine digitale Neuheiten-Präsentation für unsere internationalen und nationalen Sales-Teams, die so gut angenommen wurde, dass wir uns vorstellen können, dies so fortzuführen. Für unsere Händler werden alle Themen für 2021 online auf einer geschützten B2B-Plattform zusammengefasst.

Unternehmeredition: Seit 2009 ist das Unternehmen ein Teil der inhabergeführten italienischen Arcturus Group. Welche Vorteile bietet eine solche Integration – etwa durch Synergien in der Produktpalette oder in Marketing und Vertrieb?
Hense: Wir sind Teil eines international marktführenden Unternehmens im Bereich der exklusiven Tischkultur. Als Arcturus Group sind wir in der Lage, Komplettanbieter zu sein: Vom Kochen bis zum gedeckten Tisch. Das Portfolio umfasst die Premium-Marke Rosenthal, die Luxusmarke Rosenthal meets Versace, die Traditionsmarke Hutschenreuther und die jungen Designmarken Thomas und Arzberg. Für Bestecke, Edelstahl-Accessoires, exzellentes Tafelsilber sowie professionelle Kochutensilien umfasst der Konzern die italienischen Marken Sambonet, Paderno und Arthur Krupp. Wir haben als Gruppe eine größere Kraft im internationalen Markt: Mit mehr als 1.300 Mitarbeitern weltweit und Niederlassungen in Italien, Deutschland, USA und China.

Unternehmeredition: Sie punkten in Kundenumfragen. Jüngst haben Sie beim Life&Living Award 2021 in der Kategorie Porzellanwaren als eine von „Deutschlands beliebtesten Marken mit dem Qualitätsurteil „Sehr gut“ abgeschnitten. Wie erklären Sie sich diese Beliebtheit?
Hense: Neben der Ästhetik und Qualität unserer Produkte sind es immer die Menschen, die den Unterschied machen. Sei es bei der Designentwicklung im Creative Center, den preisgekrönten Marketingkampagnen, den Mitarbeitern in der Produktion und dem Qualitätswesen, unserem Customer Service, unserem Vertrieb und schließlich in der Logistik, die den letzten Kontakt mit unserem Produkt hat, bevor es zum Kunden geht − das gute Zusammenarbeiten unserer Mitarbeiter und die Leidenschaft für unsere Produkte ermöglichen solch einen Publikumspreis.
Pigorsch: Wir sind authentisch und glaubwürdig. Gerade im digitalen Zeitalter kommt Marken mit Werten und Traditionen eine größere Bedeutung zu, denn sie bieten Orientierung − sofern sie transparent und auf Augenhöhe mit den Verbrauchern kommunizieren. Die Bereitschaft für Wohnaccessoires, Geschirr und Kochutensilien Geld auszugeben, ist gestiegen. Diese Renaissance der Tischkultur begrüßen wir natürlich sehr.

Unternehmeredition: Wie hart umkämpft ist der Porzellanmarkt und wie behauptet sich Rosenthal im Wettbewerb mit anderen erfolgreichen Porzellanmarken wie etwa Villeroy & Boch oder Kahla?

Das Highlight in diesem Jahr ist die Jubiläumsedition „Sixty&Twelve“. © Rosenthal

Pigorsch: Jeder Markt ist umkämpft und jede Marke hat ihre USPs. Mich freut es, dass Kahla wieder einen neuen Eigentümer hat und die Marke fortbestehen kann. Ein fairer Wettbewerb ist doch für den gesamten Markt positiv, denn so ist immer ein gesunder Antrieb gegeben, ganz vorne dabei zu sein und nicht „me too“. Natürlich beobachten wir den Markt, aber vor allem fokussieren wir uns auf unsere Stärke und die liegt in der Entwicklung von preisgekröntem und einzigartigem Design, wie unsere aktuelle Rosenthal Kollektion Sixty&Twelve eindrucksvoll beweist.
Hense: Ein weiterer USP der Rosenthal GmbH ist, dass wir für unsere Kunden ein ‚lifelong companion‘ sind, weil unsere Produkte Begleiter in allen Lebensphasen sind. Von den ersten Erfahrungen mit Arzberg Kindergeschirr, bis zur Studentenbude mit Thomas Trend oder Sunny Day, dem stilvollen Essen mit Rosenthal, der luxuriösen Inszenierung mit Rosenthal meets Versace und den Sammeleditionen von Hutschenreuther.

Unternehmeredition: Rosenthal arbeitete und arbeitet für seine Porzellankollektionen mit renommierten internationalen Designern, Künstlern und Architekten wie Walter Gropius, Raymond Loewy, Patricia Urquiola oder Christophe de la Fontaine zusammen. Im Laufe der Jahre wurden über 500 Design-Preise gewonnen. Sehen Sie darin eines Ihrer besonderen Erfolgsrezepte?
Pigorsch: Herausragendes Design und avantgardistische Kollektionen liegen in der DNA von Rosenthal und sind der Schlüssel zu unserem Erfolg. Das unterscheidet uns von jedem anderen Geschirrhersteller der Welt. Lange bevor Design in aller Munde war, haben wir mit zeitgenössischen Designern zusammengearbeitet und junge Talente gefördert.

Unternehmeredition: Wie entwickeln sich ihre Hauptabsatzkanäle und Märkte?  Zeichnen sich hier Veränderungen ab und mit welcher Strategie reagieren Sie darauf?

Die Porzellanfabrik der Rosenthal GmbH ist eines der wichtigsten Spätwerke des Bauhaus-Begründers Walter Gropius. © Rosenthal

Hense: Das Schlagwort „Multichannel“ trifft es ganz gut. Der stationäre Fachhandel kombiniert seine Ladenangebote mit einer digitalen Einkaufsmöglichkeit. Diesen Weg gehen wir auch bei Rosenthal und wir stärken das digitale Einkaufserlebnis, ohne jedoch das haptische Erlebnis in unseren Shops und bei unseren Fachhändlern zu vernachlässigen. Das hat auch Auswirkungen auf die Logistik, die wir auf die kleineren aber vermehrten Abnahmemengen ausrichten.
Pigorsch: Die Märkte verändern sich aktuell automatisch, aufgrund der Pandemie. Doch Corona hat diese Veränderungen nur beschleunigt. Der Trend hin zu mehr Onlineshopping, zu digitalisierten Prozessen, zu Lieferservices war schon vorher da, nun jedoch ist die schnelle und flächendeckende Umsetzung überlebensnotwendig geworden. Natürlich stärken auch wir den Bereich E-Commerce und entwickeln digitale Services für unsere Händler, aber nicht ausschließlich, denn Marken brauchen Schaukästen, um erlebbar zu sein. Somit ist der stationäre Handel für uns nach wie vor wichtig. Ebenso wie Restaurants und Hotels als Bühne für unsere Produkte.

Unternehmeredition: Warum haben Sie ihr Produktsortiment von Geschirr auf weitere Designartikel und -accessoires, wie zum Beispiel Armbanduhren, Lampen oder Lautsprecher aus Porzellan erweitert? Und wie lukrativ ist dieses Geschäft?Pigorsch: Porzellankollektionen, Möbel, Architektur − die kreative Vision von Rosenthal reichte schon immer über den gedeckten Tisch hinaus. Rosenthal versteht sich als „factory of living spaces“ − eine Vision, die sich in zeitgemäßen Interior- und Lifestyle-Kollektionen niederschlägt. Es ist faszinierend, welche Möglichkeiten das Material Porzellan zu bieten hat.

Unternehmeredition: Früher galt Porzellan als eine Investition fürs Leben, sogar als Kapitalanlage. Heute sind auf Auktionen allerhöchstens noch Meißner Porzellan oder KPM gefragt sind. Glauben Sie, dass sich dieser rückläufige Trend in Zukunft noch einmal umkehren wird? Und wollen Sie hier auch partizipieren?
Pigorsch: Vor der Pandemie war alles schnell, vielleicht auch zu schnell. Werte, Traditionen und Tischkultur wurden in vielen Lebensbereichen nur mäßig und nicht wahrhaftig gelebt. Vieles war oberflächlich und nicht nachhaltig. Hier hat sich in den vergangenen zwölf Monaten ein Wandel vollzogen. Es wurde wieder mehr in der Familie und zu Hause gefeiert, das Geld für Reisen in Wohnaccessoires und Porzellan investiert. Diese Veränderung wird uns gesamthaft durch 2021 begleiten und ich bin der Überzeugung, dass diese Entwicklung sich auch 2022 noch fortsetzen wird.

Unternehmeredition: Was sind die Hauptthemen von Rosenthal in diesem Jahr? Wie soll das Unternehmen in der Zukunft positioniert sein? Und wie soll sich die Umsatzentwicklung bei Rosenthal in den nächsten fünf Jahren gestalten?
Pigorsch:
Das Highlight in diesem Jahr ist unsere Jubiläumsedition „Sixty&Twelve“ – eine Kollektion von 60 Vasen aus 60 Jahren studio-line in zwölf verschiedenen Farben. Jeder Artikel ist auf 60 Stück limitiert und spiegelt die Design-Leidenschaft und die Porzellan-Expertise Rosenthals wider. Nachhaltigkeit ist für mich ein sehr großes Thema, das uns sicherlich die nächsten Jahre noch intensiv begleiten wird. Bewährtes und Innovationen ebenso wie Marken-Kooperationen werden in unserem Fünfjahresplan eine wichtige Rolle einnehmen.
Hense: Als Doppelspitze mit Erfahrungsschwerpunkten in den wichtigen Bereichen, Marketing/Sales und Operations haben wir ambitionierte Ziele in den nächsten Jahren. Für eine wirtschaftliche Fertigung nachhaltiger Produkte in Deutschland, die durch ständige Prozessverbesserung begleitet werden muss, spielt die Digitalisierung für Rosenthal intern eine wichtige Rolle. Auch das veränderte Kaufverhalten hat das Thema E-Commerce für uns noch stärker in den Fokus gerückt, was sich in neuen, eigenen Logistik-Projekten widerspiegeln wird.


ZU DEN PERSONEN

Tanja-Simone Pigorsch und Carsten W. Hense leiten die Rosenthal GmbH als Doppelspitze.

Tanja-Simone Pigorsch
Carsten W. Hense

 

 

 

 

 

 

 

Tanja Simone Pigorsch verantwortet als Geschäftsführerin die Bereiche Marketing und Vertrieb (CSMO). Carsten W. Hense ist Geschäftsführer und verantwortet als Chief Operating Officer (COO) die Bereiche Produktion, Logistik, Finanzen und Administration.


ZUM UNTERNEHMEN

Rosenthal GmbH
Sitz des Unternehmens
: Selb in Oberfranken
Gründungsjahr: 1879
Branche: Porzellanherstellung
Produktionsstandorte: Deutschland
Mitarbeiter: 700
www.rosenthal.de/de/