Mit Vergusstechnik an die Weltspitze

Man muss eine klare Vision für das eigene Unternehmen (Hübers) haben, wenn man sich einen Kapitalpartner wie Hannover Finanz an Bord holt.
Die drei Geschäftsführer mit Joachim Lohr von Hannover Finanz;: v.li.n.re.: Dominik Terhardt, Dr. Markus Kamp, Markus Terhardt, Joachim Lohr; Foto: Hübers Verfahrenstechnik

Man muss ein ausgeprägtes Selbstbewusstsein haben und eine klare Vision für das eigene Unternehmen, wenn man sich einen Kapitalpartner an Bord holt, obwohl die eigene Kriegskasse gut gefüllt ist. Hübers hat das erfolgreich gemacht – zusammen mit Hannover Finanz.

„Als Hidden Champion oder unbekannte Weltmarktführer werden relativ unbekannte, meist mittelständische Unternehmen bezeichnet, die in ihrer Branche Marktführer sind“, schreibt Wikipedia zu „Hidden Champions“. Bei der Hübers GmbH aus dem Westfälischen Bocholt trifft das „hidden“ ganz besonders zu. Der Weg zum Firmensitz in einem Gewerbegebiet führt von der Autobahn knappe 20 Kilometer vorbei an Ackerflächen und großen Bauernhöfen. Hier – in der Straße Schlavenhorst im Bocholter Vorort Mussum – vermutet auch der Experte nicht einen solchen Weltmarktführer. Das futuristische Gebäude des Firmensitzes vermittelt dann aber eine erste Anmutung der technologischen Kompetenz, die sich hinter den verglasten Flächen verbirgt. Hübers ist ein Anbieter von Vergieß- und lnfusionsanlagen hauptsächlich für elektrische beziehungsweise elektronische Bauteile. Die Anlagen kommen bei einer Vielzahl von Anwendungen zum Einsatz. lm Fokus stehen neben der Elektronikindustrie, der Antriebs-, Energie- und Medizintechnik, Automotive und Composites auch E-Mobilität und Windkraft.

Der Gründer war ein Tüftler

Die drei Geschäftsführer v.li.n.re.: Dominik Terhardt, Markus Terhardt, Dr. Markus Kamp; Foto: Hübers Verfahrenstechnik

Begonnen hat der steile Aufstieg des Unternehmens im Jahr 1937 mit der Wartung von Landmaschinen. Ernst Hübers gründete das Unternehmen und beschäftigte sich früh mit dem Bau und der Wartung von Elektromotoren. „Der Mann war ein Erfinder und ein Tüftler − er hat Maschinen selbst entwickelt und dann auch fertiggestellt“, sagt Markus Terhardt, einer der drei Geschäftsführer des Unternehmens. Als wichtigster Schwerpunkt für die weitere Entwicklung von Hübers stellte sich dann das Imprägnieren von Elektromotoren heraus – also der Schutz vor Feuchtigkeit – auch um gefährliche Stromüberschläge zu verhindern. Der Allgemeinheit dürfte diese Imprägnierung bekannt sein, von kleinen Elektromotoren oder Transformatoren – beispielsweise aus dem Modellbau. Bei der durchsichtigen Lackschicht um die Spulen handelt es sich um eine Imprägnierung.

Immer in der Nische unterwegs

Josef Terhardt – Vater der heutigen Geschäftsführer Markus und Dominik Terhardt – war früher Mitarbeiter bei Ernst Hübers. 1983 übernahm er das Unternehmen im Zuge einer Nachfolgeregelung. Damals hatte der Betrieb lediglich 15 Mitarbeiter –  aber nun begann ein steiler Aufstieg. Terhardt beschäftigte sich intensiv mit den Anforderungen der Kunden im Bereich der Motorentechnik. Er entwickelte neue Technologien, um bei der Imprägnierung bessere Ergebnisse zu erzielen und zugleich Kosten zu sparen. „Hübers war immer in einer Nische unterwegs, aber trotzdem gab es einen intensiven Wettbewerb“, erklärt Dominik Terhardt. In den ersten Jahren des Wachstums ging es bei Hübers um das Konstruieren und Bauen von Maschinen für das Imprägnieren von Motoren, Transformatoren und Isolatoren.

Lösungen mit dem Kunden entwickeln

Das Gebäude der Hübers Verfahrenstechnik in Bocholt; Foto: Hübers Verfahrenstechnik

Verwendet wird dafür häufig ein Epoxidharz, das aus zwei Komponenten besteht. Diese werden aufbereitet, kurz vor der Verwendung zu einer reaktiven Masse vermischt, die nach dem Verguss die schützende Schicht um das jeweilige Bauteil bildet. So weit, so einfach – klingt nicht weiter kompliziert. Hübers entwickelte im Laufe der Zeit allerdings eine hohe Kompetenz für die Qualität der Mischung der Harze, Schnelligkeit der eigenen Maschinen sowie die Zuverlässigkeit der Anlagen und die Verarbeitung der Materialen unter Vakuum. „Basis unseres Erfolges war immer, dass wir uns mit den konkreten Bedürfnissen der Kunden auseinandersetzen. Bei uns kommt wenig von der Stange – auch wenn wir natürlich auf bestimmte bewährte Komponenten und Baugruppen setzen. Die Maschinen werden gemeinsam mit den Kunden konzipiert und den individuellen Bedürfnissen angepasst“, sagt Dominik Terhardt. Mit dieser stark kundenorientierten Einstellung stellte sich ein immer größerer Erfolg ein. Hübers hat inzwischen viele Kunden, die über Jahrzehnte treu geblieben sind.

Vergusstechnik für leistungsfähige Motoren

Mit der Weiterentwicklung der Motorentechnik und deren Leistungsstärke wuchsen auch die Anforderungen an die Anlagen von Hübers. Auch bei Magnetspulen nahmen die Leistungswerte immer weiter zu. Man denke beispielsweise nur an die Entwicklung bei der Magnetresonanztomographie für die medizinische Diagnostik. Mit der klassischen Imprägnierung kommt man hier nicht weiter. Diese Spulen und Motoren werden mit der effektiveren Vergusstechnik geschützt. Vor allem für diese Technik bietet Hübers die passenden Anlagen und sicherte sich damit einen ständig weiterwachsenden Markt.

v.li.n.re.: Dominik Terhardt, Dr. Markus Kamp, Markus Terhardt, Joachim von Lohr; Foto: Hübers Verfahrenstechnik

Die Maschinen von Hübers werden kontinuierlich weiter optimiert. Ein wichtiger Schritt war beispielsweise die Einführung einer kontinuierlichen Produktion des Harzgemisches. Vorher mussten immer einzelne Chargen aufbereitet werden. Dank einer neuen, von Hübers entwickelten Technologie kann dieser Aufwand und Zeitverlust nun vermieden werden. Diese Technologie ist eines von rund 100 Patenten, die Hübers bisher erteilt wurden.

Führend ist Hübers auch bei der Verwendung der Vakuumtechnologie beim Mischen der Harzkomponenten, die zu einer noch besseren Verarbeitung führt. „Wir haben in vielen Bereichen der Materialtechnik die Technologieführerschaft und setzen Maßstäbe bei Qualität, Zuverlässigkeit und Ressourcenschonung“, sagt Markus Terhardt. Ein weiteres Spezialgebiet von Hübers ist der Umgang mit sogenannten hoch abrasiven Stoffen, die in industriellen Produktionssystemen für einen hohen Verschleiß sorgen können.

In 60 Ländern weltweit vertreten

Angesichts der Kompetenz der westfälischen Firma war es nur der logische Schritt, auch Märkte im Ausland zu erschließen. Damit begann die Firma bereits in den späten 80er Jahren. Inzwischen ist das Unternehmen in 60 Ländern mit eigenen Niederlassungen oder Vertriebsgesellschaften vertreten. Die Entwicklung, Produktion und der Bau der Maschinen erfolgen aber immer noch im heimischen Werk in Bocholt. Nur so lässt sich nach Meinung der Manager die notwendige Qualität sicherstellen. Hübers liefert unter anderem die Gießanlagen für Magnetspulen des japanischen Magnetschwebebahnsystems Maglev. „Das war bisher unser größter Auftrag. Es werden täglich 19 Tonnen Epoxidharz verarbeitet“, so Markus Terhardt. Er hat in den Jahren 2017 bis 2021 das Geschäft vor Ort aufgebaut und dann auch geleitet. Inzwischen hat er seinen Lebensmittelpunkt aber wieder zum Hauptsitz des Unternehmens verlagert und ist dort als Geschäftsführer für den Vertrieb verantwortlich.

Technologisch immer weit vorne

Gießkammer; Foto: Hübers Verfahrenstechnik

Dominik Terhardt war es immer ein besonderes Anliegen, bei Hübers möglichst viele Prozesse zu digitalisieren. Hier hat das Unternehmen schon vor Jahrzehnten eine Vorreiterrolle übernommen – auch weil die Chefs es vorlebten. Ein ERP-System wurde früh eingeführt, Fernwartung bietet Hübers seinen Kunden schon seit fast 30 Jahren, und eine digitale Verfolgbarkeit aller Teile wurde auch schon vor längerer Zeit eingeführt. Auch mit diesen Anwendungen will Hübers seinen Wettbewerbsvorsprung sichern. Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Anwendungen, bei denen die Technologie von Hübers zum Einsatz kommt: Elektromobilität, erneuerbare Energien, Medizintechnik, Flugzeug- und Kraftwerksbau.

Der nächste Schritt für das Unternehmen

Nachdem Dominik und Markus Terhardt im Jahr 2009 die Geschäftsführung der Hübers GmbH übernommen hatten, zog sich ihr Vater wie geplant mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft zurück. Beiden wurde klar, dass sie für den „nächsten Schritt“ in der Entwicklung des Unternehmens auch auf Sachverstand von außen setzen wollen. Sie entschlossen sich daher vor rund einem Jahr dazu, einen klassischen Investorenprozess aufzusetzen, um vor allem externes Know-how sowie Netzwerkkontakte und auch einen zusätzlichen Manager zu gewinnen.

Kriegskasse gut gefüllt

Kapital war eigentlich genug vorhanden – es ging also nicht um einen klassischen MBO zur Finanzierung und Regelung der Firmennachfolge. Vielmehr stand die Suche nach einem Partner für weiteres Wachstum im Fokus. Das Interesse der Investoren sei sehr groß gewesen – kein Wunder bei den guten Fundamentaldaten von Hübers. Die beiden Söhne machten sich ihre Entscheidung in den Verhandlungen mit den Geldgebern nicht leicht, aber letztendlich entschieden sie sich für das Paket der Hannover Finanz Gruppe. Bestandteil der Transaktion war auch eine erhebliche Rückbeteiligung der Familie, die damit weiter eine wichtige Rolle spielt.

Neuer Geschäftsführer an Bord

Hannover Finanz brachte neben der finanziellen Beteiligung und dem eigenen Expertennetzwerk einen weiteren – dritten – Geschäftsführer mit: Dr. Markus Kamp – ein promovierter Physiker. Auch dieser hat sich mit eigenem Kapital an der Transaktion beteiligt. „Die Technologie ist toll und es gibt eine extrem hohe Kundenorientierung. Zudem sind wir in einer absoluten Zukunftsbranche unterwegs. Zugleich ist Hübers ziemlich unabhängig von Industriezyklen, denn unsere Technologie kommt in vielen Bereichen zum Einsatz“, erklärt Dr. Kamp, der als CEO seit dem 1. Oktober 2021 im Amt ist. Für ihn sei die Entscheidung für eine Zusammenarbeit ein „No-Brainer“ gewesen, zumal die Zusammenarbeit in der Geschäftsführung und mit dem Management sehr gut funktioniere.

Neue Märkte erschließen

Für die nächste Zeit hat sich Kamp vorgenommen, den Vertrieb weiter zu stärken und zudem neue Länder und neue Märkte für die Technologie von Hübers zu erschließen. „Die Zeichen stehen klar auf Wachstum. Bislang haben die Kunden uns gefunden. Nun möchten wir aktiver agieren“, sagt Kamp. Ein zusätzliches Feld sieht Kamp auch im Servicegeschäft, bei dem im Auftrag von Kunden ganze Produktionsstraßen von Hübers selbst betrieben werden. Auch beim Handling und einem verstärkten Einsatz von Robotik sieht er viele Chancen.

Schaut man in die Zukunft, dann ist Hübers auch ganz vorne bei Forschung und Entwicklung mit dabei. Hübers ist Partner des Projekts „AVEL“ des Bundeswirtschaftsministeriums, das eine umweltverträglichere Weltneuheit für elektronische Bauteile entwickelt. Dabei geht es um die Erforschung und Entwicklung eines neuen anorganischen Materialsystems als Vergussmasse für Elektrische Maschinen und Leistungselektronik. Die neu zu entwickelnde Vergussmasse soll zunächst für Leistungselektronik und Antriebssysteme von Elektrofahrzeugen eingesetzt werden. Sie kann aber auch auf weitere Technologien übertragen werden wie Windenergie, Photovoltaik, Wasserkraft oder auf andere Kraftwerke mit elektrischen Generatoren.


„Wir tragen das Familienunternehmergen in uns“

Interview mit Joachim von Lohr, Partner bei der Hannover Finanz Gruppe

Unternehmeredition: Was hat die Hannover Finanz zum Einstieg bei Hübers motiviert?

Joachim von Lohr: Wir sehen uns nicht nur als Finanzinvestor, sondern auch als Wachstumsmotor für den Mittelstand in der DACH-Region. Hübers passt als weiterer klassischer Hidden Champion sehr gut in unser Portfolio. Mit unserem Industrienetzwerk von Experten wollen wir den zukünftigen Erfolg unterstützen.

Wie wählen Sie Unternehmen aus für ein Investment?

Joachim von Lohr; Foto: Hannover Finanz

Hannover Finanz ist selbst ein Familienunternehmen – wir tragen diese Gene in uns und verstehen die Denkweise von Inhabern. Daher liegt unser Fokus auf inhabergeführten Unternehmen – egal ob sie den nächsten Wachstumsschritt machen wollen oder es eine Nachfolgesituation gibt. Unser Vorteil liegt zudem darin, dass wir als Evergreen-Fonds nicht unter einem Exit-Druck stehen. Wir lassen uns Zeit und begleiten die Entwicklung eines Unternehmens, solange wir gebraucht werden. Wichtig ist für uns auch, dass die Firma in ihrem Bereich technologisch führend ist.

Wie sehen Sie die weitere Entwicklung bei Hübners?

Die Zeichen stehen auf Wachstum. Wir konnten mit Markus Kamp einen neuen CEO für das Unternehmen gewinnen, der mit seinen Erfahrungen aus der internationalen Industrie die nächsten Wachstumsschritte begleiten wird.  Wir sind davon überzeugt, dass wir aufgrund unserer langjährigen Erfahrung mit Beteiligungen an Unternehmen aus dem Maschinen- und Anlagenbau auch Hübers beim Ausbau der Marktposition maßgeblich unterstützen können.


Kurzprofil Hübers Verfahrenstechnik Maschinenbau GmbH

Gründungsjahr: 1937

Branche: Maschinenbau

Unternehmenssitz:  Bocholt

Umsatz (2021): 30 Mio. EUR (Schätzung)

Mitarbeiterzahl: ca. 150

www.huebers.de

Autorenprofil
Alexander Görbing

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören dabei Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen sowie Tech-Startups.

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