Mit Smart Home und New Growth in die Zukunft

Miele setzt auf vernetztes Waschen. © Miele & Cie. KG

Jeder kennt Miele. Ob Staubsauger, Geschirrspüler, Kühlschrank oder Waschmaschine − in nahezu jedem Haushalt findet sich eine der hochwertigen Gerätschaften des weltweit ­führenden Anbieters von Premium-Hausgeräten. Das 1899 gegründete traditionsreiche deutsche Familienunternehmen setzt konsequent auf den Ausbau neuer Geschäftsfelder und Themen wie Digitalisierung, Innovation, Internationalisierung und Nachhaltigkeit. Die Unternehmeredition hat sich mit Finanzgeschäftsführer Olaf Bartsch über aktuelle ­Herausforderungen unterhalten. INTERVIEW EVA RATHGEBER

Unternehmeredition: Wie ging Miele durch die Coronakrise?
Olaf Bartsch:Um das Geschäft aufrecht­zuerhalten, haben wir große Teile des Bürobetriebs ins Homeoffice verlegt, den Kontakt zum Handel auf digitale For­mate umgestellt und unsere klassischen Messeauftritte durch virtuelle Events ersetzt. Vieles von dem, was sich in der Krise bewährt hat, wird auf Dauer bleiben, darunter eine verstärkte Nutzung von Homeoffice.

Unternehmeredition: Und wie lief es geschäftlich?
Bartsch:Da haben wir eine beispiellose Aneinanderreihung von Auftragsspitzen, -einbrüchen und Nachholeffekten erlebt – und schließlich eine branchenweite Sonderkonjunktur dadurch, dass die Men­schen verstärkt in ihr Zuhause investieren. Im Ergebnis konnten wir den Vorjahresumsatz um 6,5% übertreffen, was auch für ein „normales“ Jahr eine sehr gute Entwicklung gewesen wäre.

Unternehmeredition: Miele hat gerade ein neues Produkt, den Luftreiniger Miele AirControl, auf den Markt gebracht. Wie kam es dazu?
Bartsch: Natürlich haben wir intensiv überlegt, welchen zusätzlichen Beitrag Miele für den Kampf gegen Corona leisten kann. Außerdem sind wir davon überzeugt, dass die Luftqualität über Corona hinaus ein wichtiges Thema bleiben wird. Seit vielen Jahren stehen wir für verlässliche Hygienekonzepte in medizinischen Einrichtungen, Hotels und Gastronomie, und auch mit Filtertechnik kennen wir uns aus. Wir haben das Produkt dann in sehr kurzer Zeit auf den Markt gebracht. Die Auslieferung hat Mitte Februar begonnen.

Unternehmeredition: Wie hält sich Miele im Preiskampf mit der asiatischen Konkurrenz fit?
Bartsch: Wer sich für Miele entscheidet, gibt sich als anspruchsvoller und verantwortlich handelnder Konsument mit Stil zu erken­nen, der weiß, dass Qualität nicht nur ihren Wert hat, sondern auch ihren Preis. Um unsere Marktposition weiter auszubauen, haben wir vor zwei Jahren ein umfassendes Wachstums- und Effizienz­programm gestartet, das wir Design2­Excellence nennen. Indem wir dauerhafte jährliche Kostensenkungen von mehr als 190 Mio. EUR erreichen, sichern wir den nötigen Spielraum für Investitionen in Zukunftsthemen. Zugleich schaffen wir auch organisatorisch die Vorausset­zungen für mehr Wachstum – etwa mit einem neuen Standort für digitales Marke­ting in Amsterdam, Miele X, oder unserer „New Growth Factory“.

Unternehmeredition: Wieso stellen Sie sich dafür gerade jetzt neu auf?
Bartsch: Wie eben schon beschrieben, ist das Thema Digitalisierung für Miele alles andere als neu. Zum Beispiel haben wir schon seit Längerem am Standort Güters­loh unseren Kompetenzbereich Smart Home/Electronics, der das Thema digitale Gerätevernetzung verantwortet ­sowie die Bedienelektroniken unserer Geräte entwickelt und produziert. Dabei geht es um smarte Features wie die Kopplung unserer Backöfen mit Rezeptdatenbanken oder die automatische Erken­nung von Lebensmitteln durch künstliche Intelligenz. Dagegen bündeln wir die globale digitale Vermarktung unserer Produkte bei Miele X in Amsterdam, von der Kundenansprache bis hin zum klassischen E-Commerce über Webshops für die gesamte Miele Gruppe. Die Bedeutung des digitalen Touchpoints zum Endkunden nimmt weiter massiv zu und hat gerade erst durch Corona einen weiteren Schub erhalten. Aktuell sind bei Miele X bereits 40 Top-­Expertinnen und -Experten aus 17 Ländern im Team, das im laufenden Jahr weiter ausgebaut werden soll. Um die notwendigen IT-Plattformen zu bauen und zu betreiben, stocken wir auch unse­re IT-Abteilung massiv auf.

Unternehmeredition: Und welche Ziele verfolgen Sie mit Ihrer ebenfalls neu formierten „New Growth Factory“?

Mit den vollautomatischen Plantcubes von Agrilution lassen sich Salate und Kräuter daheim selbst züchten. © Miele & Cie. KG

Bartsch: Die New Growth Factory ist als zusätzliche Business Unit konzipiert und daraus geboren, dass wir für neue Geschäftsfelder eine „Landebahn“ benötigen; gemeint sind Aktivitäten außerhalb unserer angestammten Bereiche wie der Wäsche­pflege oder den Kochgeräten. Schon heute haben wir Miele-Töchter wie den Gourmet-Lieferservice MChef oder den Vertical-Farming-Spezialisten Agrilution hier angesiedelt. Bei MChef geht es da­rum, hochwertig angerichtete Gour­met­gerichte ins Büro oder nach Hause geliefert zu bekommen und mit Miele-­Geräten selbst fertigzustellen. Mit den vollautomatisierten Plantcubes von Agri­lution lassen sich zudem etwa Salate und Kräuter daheim selbst züchten und erntefrisch auf den Tisch bringen. Solche neuen Themen werden künftig von unserer New Growth Factory zentral gemanagt.

Unternehmeredition: Innovations- und Wachstumspoten­ziale will der Konzern auch durch ­Beteiligungen an digitalen Start-ups erschließen, darunter die Rezepte-­App KptnCook. Worum geht es hier?

Miele hat gerade die mehrheit an der Rezepte-App KptnCook übernommen. Ziel ist es, die Kunden über die Kochgeräte hinaus beim Kochen und Genießen zu unterstützen. © Miele & Cie. KG

Bartsch: Diese Aktivitäten, die wir in unserer Miele Venture Capital GmbH bündeln, dienen der Unterstützung des Stammgeschäfts, etwa mit Blick auf smarte Services rund um unser Geräteprogramm oder zur Unterstützung der digitalen Vermarktung. Ein aktuelles und hervorragendes Beispiel hierfür ist in der Tat die innovative Rezepte-App KptnCook, an der wir uns gerade mehrheitlich beteiligt haben. Ziel ist es, unsere Kundinnen und Kunden über die Kochgeräte hinaus beim Kochen und Genießen zu unterstützen. KptnCook ist im deutschsprachigen Raum schon heute eines der wachstumsstärksten Angebote seiner Art – das wollen wir international gemeinsam weiter ausbauen.

Unternehmeredition: Welche Rolle spielt das Auslands­geschäft für die Wettbewerbsfähigkeit von Miele?
Bartsch: Miele erzielt 70% seines Umsatzes außer­halb Deutschlands. Dieser Anteil wird sich weiter erhöhen – auch wenn wir in Deutschland weiterhin starke Zuwächse auf sehr hohem Niveau erzielen. Produk­tionsseitig unterhalten wir heute fünf der 14 Miele-Werke in Österreich, Tsche­chien, Polen, Rumänien und China, wo nach denselben strengen Qualitätsmaßstäben gefertigt wird wie an unseren deutschen Standorten, einschließlich etwa der Belieferung unserer chinesischen Staubsaugerproduktion mit Moto­ren aus dem Miele-Werk Euskirchen bei Köln. Der Anspruch an „Made by Miele“ ist unteilbar. Aufgrund der günstigeren Kostenstrukturen leisten die Auslandswerke aber einen wichtigen Beitrag dazu, dass Miele seinen Kundinnen und Kunden überall auf der Welt attraktive Preise anbieten kann. Zugleich steht Miele wie kein zweiter Hausgerätehersteller für deutsche Ingenieurskunst – mit weiterhin neun Werken in Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen.

Unternehmeredition: Seit seiner Gründung vor 120 Jahren gehört Miele zu 100% den ­Familien Miele und Zinkann. Sind ­Anteilsverkäufe oder ein Börsengang kategorisch ausgeschlossen?
Bartsch: Ja, beides kommt nicht in Betracht. Die Unabhängigkeit von Miele als Familienunternehmen auch in die nächsten Generationen zu tragen ist ein wichtiger Aufsatzpunkt für unser Handeln. Miele finanziert sein Wachstum aus eigenen Mitteln und hat auch keine nennenswerten Bankkredite.

Unternehmeredition: Dr. Markus Miele ist über 50, Dr. Reinhard Zinkann über 60 Jahre alt. Gibt es bereits Überlegungen für die Unternehmensnachfolge?
Bartsch: Nein, das Thema steht derzeit nicht auf der Agenda. Die Miele Gruppe wird von fünf gleichberechtigten Geschäftsführern geleitet, darunter Dr. Markus Miele und Dr. Reinhard Zinkann als Vertreter der Inhaberfamilien. Alle fünf sind zwischen 50 und 61 Jahre alt, sodass auch bei alters­bedingten Wechseln die Konti­nuität gewährleistet bleibt.

Unternehmeredition: Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in Ihrem Portfolio?
Bartsch: Aktuell bauen wir unsere Nachhaltigkeits­strategie ambitioniert weiter aus, zum Beispiel mit klimaneutralem Energiever­brauch über alle Standorte hinweg ab 2021. Wir sind der festen Überzeugung, dass Unternehmenserfolg und Nachhaltigkeit untrennbar miteinander verbunden sind – deshalb ist Nachhaltigkeit Bestandteil unserer Unternehmens-­DNA. Unsere Geräte zeichnen sich durch eine besonders lange Lebensdauer aus, verbinden eine ausgezeichnete Energieeffizienz mit hoher Performance und sind – etwa mit bis zu 90% Metallanteil bei den Waschmaschinen – auch beim Recycling Best in Class.

Unternehmeredition: Wie sieht Ihre Vision für die Zukunft des Konzerns aus?
Bartsch: Als führende Premiummarke und nachhaltiges Unternehmen wollen wir weiter wachsen. Das überführen wir auch in ­eine Welt, die anders und bedeutend di­­gi­taler sein wird. Dabei bleibt unser obers­tes Ziel die Sicherung der Unabhängigkeit des Familienunternehmens Miele.

Unternehmeredition:Wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.


ZUR PERSON

Olaf Bartsch ist Geschäftsführer Finanzen und Hauptverwaltung der Miele Gruppe. Der Diplom-Wirtschaftsinge­nieur kam im Sommer 1991 als Trainee zu Miele. Nach verschiedenen Stationen im zentralen Unternehmenscontrolling wurde er 2004 Leiter Finanzen und Controlling und im Sommer 2008 ­Geschäftsführer der Miele & Cie. KG.

 

 


ZUM UNTERNEHMEN

Miele & Cie. KG
Gründungsjahr: 1899
Branche: Elektrotechnik
Unternehmenssitz: Gütersloh (Nordrhein-Westfalen)
Produktionsstandorte: Deutschland, Österreich, Tschechien, China, Rumänien, Polen und Italien
Umsatz 2020: 4,5 Mrd. EUR
Mitarbeiterzahl: 20.950
Ranking der Top-Familienunternehmen: Rang 59
Inhaberfamilien: Miele und Zinkann
Geschäftsführer: Olaf Bartsch (Finanzen/Hauptverwaltung), Dr. Stefan Breit (Technik), Dr. Axel Kniehl (Marketing/Vertrieb) sowie als geschäftsführende Gesellschafter Dr. Markus Miele und Dr. Reinhard Zinkann