„Mir war wichtig, ein Statement abzugeben“

Als Rentner hat sich Horst Rohde im Alter von 66 Jahren noch lange nicht gesehen. Nach dem Teilverkauf seines Vertriebsunternehmens für Kosmetika und Parfum war für ihn schnell klar, was er mit der neu erhaltenen Freiheit anfangen würde.

Die Stiftung: Wie wurde aus dem Unternehmer Horst Rohde ein Stifter?

Horst Rohde: Es brauchte etwas, bis mir klar geworden war, dass mein geplantes Engagement am besten über eine Stiftung zu verwirklichen war. Mein Unternehmen, dem ich 40 Jahre vorstand, hat unter anderem Kosmetika aus dem Ausland importiert und hierzulande verkauft und mich letztlich vollends ausgefüllt. Ich hatte richtig Spaß an dem, was ich tat. Dann kam im Alter von 66 Jahren der Schritt, Teile der Firma zu veräußern, und mit diesen neuen Freiheiten, auch finanzieller Art, muss nun auch etwas angefangen werden.

Mit 66 Jahren, da fängt ja bekanntlich das Leben erst so richtig an.

Sicherlich (lacht). Aber der Übergang vom Unternehmer zum Rentner, das war für mich schon eine Umstellung, und als Rentner habe ich mich damals, also im Jahr 1991, noch nicht gesehen. Schnell kam mir in den Sinn, aus meiner Leidenschaft fürs Reiten etwas zu „machen“. Schon als Unternehmer war ich Vorstand eines der größten Reitvereine Münchens und habe in dieser Zeit erfahren, wie Kinder ganz schnell ein besonderes Verhältnis zu Pferden aufbauen, gerade weil sie so unbedarft an die Tiere herantreten und mit diesen umgehen. Daraus, und das war mir schnell klar, wollte ich dann etwas machen, denn das Verhältnis zwischen Tier und Mensch ist immer weniger stark ausgeprägt. Wer kennt denn heute noch die Basisausstattung eines Bauernhofs außerhalb von Kuh und Schwein? An diesem Punkt wollte ich ansetzen.

Weil zum Beispiel Reitstunden heute für viele Familien nicht mehr zu bezahlen sind?

Genau, das ist ein Anliegen gewesen, dass Reitsport nicht mehr nur einer – wohlgemerkt finanziellen – Elite vorbehalten bleiben darf. Oder welche Möglichkeiten das therapeutische Reiten bietet, insofern die finanziellen Mittel hierfür vorhanden sind. Die Pferde müssen im Stall, Mitarbeiter und Pferdeführer vor Ort sein, und das kostet richtig Geld. Für viele Kinder ohne genügend ausstaffierte Eltern ist derlei einfach nicht machbar, und das finde ich richtig schade. Also musste hier eine Lösung her. Aber auch Stiften muss gelernt sein, obwohl es bei mir fast schon übergangslos vom Unternehmer zum Stifter ging.

Und Sie engagieren sich vor allem im Münchner Raum?

Ich finde es einfach gut, wenn ich mir die Projekte, die ich unterstütze, auch von Zeit zu Zeit anschauen kann. Das kann ich hier in der Stadt sehr gut, und ich habe andere Einwirkungsmöglichkeiten.

Da kommt der Unternehmer durch.

Schon richtig, aber solch ein Projekt ist nicht nur erfolgreich, wenn es viel Geld erhält, sondern genau dann, wenn ich als Stifter auch persönlich involviert bin. Mein Lebenswerk für meine Kinder zu erhalten, das war mir nicht möglich, weil ich keine Kinder habe. Stattdessen hatte ich den Antrieb, in einer Region eine ganz bestimmte Problemlage zu beheben. Ich hätte auch umfangreich spenden und mich anderweitig engagieren können, aber mit einer Stiftung gibt man ja auch ein Statement ab, und das war mir wichtig. Außerdem wollte ich noch erleben, was die Stiftung alles anstellt, mich da, wie schon erwähnt, noch persönlich einbringen.

Also sind Sie allein der Macher in der Stiftung?

Nein, das war auch eine Lektion, die ich rasch lernte. Eine Stiftung braucht Über das therapeutische Reiten möchte die Horst Rohde Stiftung kranken Kindern eine Chance auf Heilung geben. Bild: Horst Rohde Stiftungneben dem Stifter auch einen Vorstand, der zwar ähnlich denkt und gemäß meiner Prämissen handelt, der aber vor allem mit den Regularien stifterischen Engagements besser vertraut ist und hier die Vorgaben adäquat umsetzt. So jemanden zu finden ist aber nicht einfach, und meine Sorge gilt auch jenen Stiftungen, die das vermutlich in den nächsten Jahren nicht mehr schaffen. Denn nicht nur Unternehmer gehen in Rente, auch bei vielen Stiftungen steht ein Generationswechsel an.

Einen Vorstand zu finden war also anfangs eine große Aufgabe, was waren denn weitere Hürden?

Naja, die Regularien, in die so eine gemeinnützige Stiftung gepresst ist, die waren für mich schon in gewisser Weise Neuland. Als Unternehmer ist man es gewohnt, Geld so ausgeben zu können, wie man es für richtig hält. In einer Stiftung ist das nicht ganz so einfach, es müssen Rücklagen gebildet, der jährliche Ertrag zumindest in einer bestimmten Zeit ausgegeben werden. Dies gebietet der sogenannte Grundsatz der zeitnahen Mittelverwendung. Das wird genau geprüft, von Finanzamt und Stiftungsaufsicht. Als Unternehmer fühlt man sich da schon mal gegängelt, wenn plötzlich Fremde darüber bestimmen, was mit eigentlich meinem Geld passiert. Und derlei war schon neu für mich.

Aber dafür kann ein Unternehmer ja auch zum Steuerberater gehen und sich hier unter die Arme greifen lassen.

Der Steuerberater war für uns gar nicht so wichtig, vielmehr kann ich empfehlen, sich an die örtlichen Stiftungszentren zu wenden. Wichtig ist auch, dass das Stiftungsvermögen richtig angelegt wird, und da beneide ich Neustifter heute überhaupt nicht um ihre Aufgabe. Denn wenn ich als Stifter langfristige Zusagen für Projekte gebe, dann muss ich dieses aufzuwendende Geld ja auch Jahr für Jahr verdienen können, und genau das gestaltet sich im aktuellen Niedrigzinsumfeld äußerst schwierig. Wir selbst waren seit Gründung der Stiftung im Jahr 1996 sehr konservativ „unterwegs“, haben Aktien und ähnlich spekulative Investments weitestgehend gemieden und sind damit gut gefahren. Heute jedoch machen auch wir uns Sorgen, denn auch Anleihen sind nicht mehr nur sichere Anlagen. Inzwischen freuen wir uns über Spenden mindestens genauso wie über Erträge.
Auch andere tiergestützte Therapien sind Programmbestandteil der Horst Rohde Stiftung, u.a. die Arbeit mit Hunden bei traumatisierten Kindern. Bild: Horst Rohde Stiftung

Stichwort Spende, wie kommen Sie an neue Unterstützer?

Da muss ich etwas weiter ausholen. Zu Anfang haben wir, wenn ich ehrlich bin, gar nicht recht gewusst, wo wir unser Geld hingeben sollen. Geld ausgeben ist nicht leichter als Geld verdienen, das kann ich Ihnen sagen. Wenn ich das aber als Stiftung kommuniziere, wird es schwierig in der Außendarstellung, insbesondere dann, wenn die Erträge zurückgehen. Genau das erleben wir aber nun, und jetzt sind wir gefordert, stärker und offener darüber zu sprechen, was wir eigentlich mit der Stiftung alles machen, wo wir unterstützen.
Ich selbst war früher viel zurückhaltender, wenn es um die Stiftung ging, heute bin ich stolz darauf, was in der Stiftung alles passiert. Am einfachsten wäre es, wir hätten einen prominenten Schirmherrn. Da wir diesen aber nicht haben, müssen wir Spenden auf anderem Wege einwerben. Mittlerweile zeigen wir uns stärker in der Öffentlichkeit, nehmen an Veranstaltungen wie dem MünchnerStiftungsFrühling aktiv teil, aber es ist verdammt schwer, neue Unterstützer und Partner zu finden. Wir haben eine Website lanciert, einen Flyer in Eigenproduktion gestaltet, aber der Effekt war bislang relativ gering. Dabei wollen Spender ja wissen, wem sie ihr Geld anvertrauen. Das aktive Bitten um Spenden ist eine Herkulesaufgabe, das kann ich Ihnen sagen. Aber wir kommen daran nicht vorbei, wenn wir unsere Sache wie das therapeutische Reiten weiter voranbringen wollen. Auch das ist neu für mich als früheren Unternehmer.

Womit wir bei der Frage wären, wie Ihre Stiftung Ihr Profil ausgebildet hat, wie das Projektprogramm zustande gekommen ist?

Uns geht es zunächst nicht nur um den Reitsport, wie ihn viele kennen, der dafür bekannt ist, ein Sport für die oberen 10.000 zu sein, und dem es eigentlich nie an Geld mangelt. Wir wollen über das therapeutische Reiten kranken Kindern eine Chance auf Heilung geben, eine Möglichkeit zur Besserung ihres Gesundheitszustandes verschaffen. Wenn Sie einmal sehen, wie ein Kind im Rollstuhl auf so ein Pferd reagiert, dann ist das phänomenal. Pferde haben eine enorme Ausstrahlung. Eine Kuh ist auch schön, aber die Ausstrahlung eines Pferdes hat sie nicht. Unser Programm hat sich über die Zeit entwickelt, und wir haben auch davon profitiert, dass wir unseren Zweck relativ breit gefasst haben. Meine eingangs geschilderte Leidenschaft für den Reitsport war aber ein Ausgangspunkt, war ein Hobby, dem ich eine für mich spannende Facette abringen konnte für mein gemeinnütziges Engagement. Dann kamen nach und nach der Umweltschutz und mildtätige Projekte für Menschen hinzu. Alles Stück für Stück also.

Können Sie angesichts dieser vielen Aufgaben verstehen, wenn eine Stiftung immer noch häufig als Steuersparmodell diskreditiert wird?

Es fällt mir schwer, dieser neidgetriebenen Diskussion etwas Positives abzugewinnen. Die Möglichkeiten einer Stiftung sind doch enorm. Allein des Steuernsparens wegen würde ich keine Stiftung gründen und würde das auch niemandem empfehlen. Wer aus seinem Beruf aussteigt, der kann etwas zurückgeben, kann sich ein neues Betätigungsfeld suchen und einer Sache Nachdruck verleihen, die parallel zum Berufsleben nicht umsetzbar war. Das Motiv hierfür kann nicht das Steuernsparen sein, sondern es muss einen größeren Antrieb geben, damit das Ganze auch Sinn hat.

In meinen Augen würden wir uns als Stiftung viel leichter in der Spenderakquise tun, wenn der Staat ebenfalls etwas weniger raffgierig wäre und dem Bürger etwas mehr Luft zum Atmen ließe. Wenn ich eines als Unternehmer gelernt habe, dann dass der Staat der weniger mobile, weniger innovative Akteur im Vergleich zum Unternehmer ist. Insofern sind Stiftungen, wenn sie denn von Unternehmern gegründet werden, innovative und aktive Kleinode, die gesellschaftliche Prozesse voranbringen. Und davon brauchen wir mehr und nicht weniger.

Herr Rohde, damit rennen Sie bei uns offene Türen ein. Haben Sie herzlichen Dank für das Gespräch, und natürlich wünschen wir Ihnen weiterhin viel Erfolg mit Ihrer Stiftung.

Das Interview führten Jennifer E. Muhr und Tobias M. Karow.

Zur Person:
Horst Rohde gründete 1966 ein Vertriebsunternehmen für Kosmetik und Parfum. Nach dem Verkauf der Firma an die Mitarbeiter errichtete der in München lebende Berliner im Jahr 1996 die Horst Rohde Stiftung.
Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der Sonderausgabe „Familienunternehmen & Stiftung“ des Magazins Die Stiftung, einer Schwesterpublikation der Unternehmeredition.

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