„Wer zu lange wartet, riskiert, ins Hintertreffen zu geraten“ (Ausgabe 4/2007)

Interview mit Martin Blessing, Vorstand, Commerzbank AG„Mittelstand – Wachstum durch Internationalisierung“ ist der Titel einer Anfang Oktober veröffentlichten Studie der Commerzbank. Dazu hat TNS Infratest 4.000 Unternehmen befragt.
„Mittelstand – Wachstum durch Internationalisierung“ ist der Titel einer Anfang Oktober veröffentlichten Studie der Commerzbank. Dazu hat TNS Infratest 4.000 Unternehmen befragt. Im Interview spricht Commerzbank-Vorstand Martin Blessing über die wichtigsten Chancen und Risiken der Internationalisierung für deutsche Unternehmer
Unternehmeredition: Herr Blessing, aus Ihrer Studie geht hervor, dass der deutsche Mittelstand einerseits zu den Gewinnern der Globalisierung zählt, sich andererseits aber immer noch jedes vierte deutsche Unternehmen mit dem Inlandsmarkt zufrieden gibt. Was sind die Gründe für diese Zurückhaltung und welche Gefahren ergeben sich daraus?
Blessing: Dafür mag es gute Gründe geben: mangelnde Ressourcen, fehlende Vertriebswege oder eine spezielle Nischenstrategie. In den meisten Fällen aber scheinen mir nicht betriebswirtschaftliche Fakten gegen eine Internationalisierung zu sprechen, sondern vor allem das Bauchgefühl – noch nicht optimal für den Gang ins Ausland gerüstet zu sein, sich zu sehr verändern und auf unbekanntem Terrain bewegen zu müssen. Dabei zeigen die Erfahrungen, dass die Umsetzungsprobleme in der Regel geringer sind als erwartet. Die eigentliche Gefahr sehe ich woanders: Selbst Mittelständler, die sich gegen eine Internationalisierung aussprechen, sind letztlich doch davon betroffen. Ausländische Unternehmen attackieren mit wachsendem Erfolg gestandene Anbieter in deren Heimatmärkten. Die jungen Unternehmen in den Wachstumsmärkten sichern sich – oft mit wenig vornehmen Mitteln – eine starke Ausgangsposition. Wer also im Globalisierungswettbewerb auch in Zukunft zu den Gewinnern zählen will, der muss die Konkurrenz schlagen. Wer zu lange wartet oder es sich im Heimatmarkt vermeintlich bequem eingerichtet hat, riskiert, über kurz oder lang ins Hintertreffen zu geraten.

Unternehmeredition: Wie bewerten Sie die Sorge zahlreicher Mittelständler vor Produktpiraterie und Industriespionage bei Kooperationen oder Joint-Ventures mit ausländischen Firmen? Kann man sich überhaupt effektiv davor schützen?
Blessing: Diese Sorgen sind sicherlich berechtigt, zumal gerade Kooperationen eine der häufigsten und erfolgreichsten Markteintrittsstrategien sind. Patente und Markenschutz helfen im Kampf gegen Ideenklau, Imitation oder Produktpiraterie nur bedingt. Man kann sich kaum hundertprozentig davor schützen, aber man kann dem zuvorkommen: durch Innovationskraft, Schnelligkeit in den Marktreifezyklen und Vertriebsstärke. Nur wer schnell ist, kann seinen Wissensvorsprung und damit den eigenen Erfolg absichern. Ich weiß, dass dies leichter gesagt als getan ist – aber genau hier liegt der Schlüssel zum Erfolg.

Unternehmeredition: Wo sehen Sie derzeit global die chancenreichsten Absatzmärkte bzw. Produktionsstandorte für deutsche Unternehmen?
Blessing: Es ist kein Geheimnis, dass das eigentliche Wachstum heute in Volkswirtschaften wie China und Indien stattfindet. Ob das aber auch für ihn die richtigen Märkte sind, muss jeder Unternehmer anhand seiner spezifischen Situation selbst entscheiden. Und man braucht ja am Anfang auch gar nicht so weit in die Ferne zu schweifen: 97% der Unternehmen denken bei der Internationalisierung vor allem europäisch, zum Beispiel an die sich sehr gut entwickelnden Märkte in Mittel- und Osteuropa.

Unternehmeredition: Was sind die wichtigsten Erfolgsfaktoren eines gelungenen Engagements im Ausland? Wo liegen die größten Risiken bei der internationalen Expansion?
Blessing: Die Expansion ins Ausland ist für viele mittelständische Unternehmen zweifellos ein großer Sprung, aber kein Bruch mit Bewährtem. Sie können und sollten sich auf bereits erworbene Kompetenzen, Qualifikationen und Routinen verlassen. Zwar müssen viele Abläufe und Geschäftspraktiken auf ihre Machbarkeit überprüft und angepasst werden, aber bei Weitem muss nicht alles neu erfunden werden. Es gilt vor allem die Devise: die ureigenen Stärken ausspielen. Die Strategie muss stimmen, Ressourcen und Kompetenzen des Unternehmens müssen vorhanden sein. Erfolgsentscheidend ist dabei oft, sich unternehmerischen Durchgriff zu sichern und ein qualifiziertes Führungsteam mit Entscheidungskompetenz vor Ort zu haben. Wir sprachen ja schon über Kooperationen: Sie können eine wesentliche Hilfe im Prozess der Erschließung von Auslandsmärkten darstellen – vorausgesetzt, man findet dafür die richtigen Partner. Die Zügel sollten niemals aus der Hand gegeben werden. Nur wer auch international durchgreifen kann, ist in der Lage, sein Unternehmen wirklich zu führen und Erfolg zu haben.

Unternehmeredition: Welche Unterstützung sollten Unternehmer von ihren Banken bei der Internationalisierung erwarten? Wodurch grenzt sich die Commerzbank in diesem Bereich vom Wettbewerb ab?
Blessing: Auch hier gilt: nicht Wasser predigen und Wein trinken! Wer seinen Kunden als Bank zur Internationalisierung rät, der muss diesen Weg mitgehen, muss auch selbst internationale Präsenz schaffen und als Partner vor Ort zur Verfügung stehen. So ist die Commerzbank in 42 Ländern direkt vertreten, erst kürzlich haben wir Standorte in Dubai, Äthiopien und Aserbaidschan eröffnet. Außerdem unterhalten wir Geschäftsbeziehungen zu weltweit über 6.000 Korrespondenzbanken. Dass darüber hinaus Know-how und entsprechende Lösungen für das internationale Transaktionsmanagement, das dokumentäre Auslandsgeschäft, Finanzierungen, Devisengeschäfte und Garantien bereitstehen, halte ich für eine Selbstverständlichkeit.

Unternehmeredition: Haben die durch die Subprime-Krise ausgelösten Turbulenzen auf den Weltfinanzmärkten indirekt Auswirkungen auf die Kreditvergabe an den deutschen Mittelstand?
Blessing: Was die Commerzbank angeht: nein, überhaupt nicht. Wir sind da, wenn Liquidität fehlt – unser Versprechen einer langfristig angelegten Geschäftspartnerschaft gilt auch in schwierigen Zeiten, gerade jetzt, wo Verlässlichkeit gefragt ist. Bester Beweis ist der Anstieg unseres inländischen Kreditvolumens seit Mitte 2006 um 8%. Allerdings können sich die Preise für Kredite etwas erhöhen.
Unternehmeredition: Herr Blessing, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Markus Hofelich.
Zum Interviewpartner
Martin Blessing ist Vorstand der Commerzbank AG.
www. commerzbank.de

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