Unternehmer haben oft keine Zeit, lange über Entscheidungen nachzudenken – genau wie Schiedsrichter beim Fußball. Nach Beendigung seiner aktiven Karriere hat sich Deutschlands Lieblings-Ex-Schiri Markus Merk daher zum gefragten Ratgeber zum Thema Entscheidungen gemausert. Auch unseren Lesern gibt er Tipps.

In Ihrer früheren Funktion als Schiedsrichter waren Sie der Entscheider schlechthin. Muss man dafür eine starke Führungspersönlichkeit sein?
Absolut, und je höher man kommt, ähnlich wie ein Unternehmer, desto stärker muss diese ausgeprägt sein, sonst könnte man gar nicht richtig agieren.

Wie wichtig ist es denn, schnelle Entscheidungen zu treffen als Schiedsrichter und als Unternehmer?
Extrem wichtig, ich musste in Bruchteilen von Sekunden handeln. Der Unternehmer hat etwas länger Zeit. Entscheidend ist jedoch der Zeitpunkt. Schneller entscheiden heißt für das Umfeld, überraschender entscheiden. Beim Schiedsrichter wirkt das immer überzeugender. Schnell heißt aber nie übereilt, das gilt auch für Unternehmer. Langsam entscheiden nährt das Gefühl, dass jemand nicht entscheiden kann.

Kann es eine Taktik sein, Entscheidungen auszusitzen?
Unser Altbundeskanzler Helmut Kohl konnte sich das ab und an erlauben. Doch eigentlich kann es nicht die Strategie und nicht das Führungsverhalten eines Unternehmers sein. Es macht ihn unglaubwürdig.

Gibt es einen Mittelweg? Entscheidungen sind ja, außer auf dem Fußballplatz, nicht immer schwarz oder weiß.
Natürlich gibt es Grauzonen. Der bessere Entscheider, Führungsspieler oder Schiedsrichter schafft es, die Situation richtig einzuschätzen und die Räume zum Wohle des Spiels und zum Wohle des Unternehmens zu nutzen.

Wie wichtig ist die Beobachtungsgabe?
Tendenzen zu spüren ist ganz entscheidend. Deswegen muss man Erwartungshaltungen registrieren, um sie dann in Entscheidungen einzubinden.

Braucht es Glück, um richtige Entscheidungen zu treffen?
Glück braucht es auf jeden Fall. Es gibt Knackpunkte in der Entwicklung eines Entscheiderlebens. Zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle gewesen zu sein, gehört sicherlich dazu. Das zählt im Sport und meistens auch im Leben.

Wie lernt man Entscheidungen zu treffen?
Das Entscheidungsgen trägt man in sich oder nicht. Man kann es zwar trainieren. Es gelingt allerdings nur bis zu einem bestimmten Maß. An der Spitze wird es eng. Je belastbarer jemand ist, desto mehr Verantwortung und Führung kann jemand vertragen.

Wer keinen Spaß daran hat, Entscheidungen zu treffen…
… der macht es nicht, da man sich aufarbeitet. Ich habe immer gern entschieden und gemerkt, dass es ein Privileg ist, entscheiden zu dürfen.

Was war Ihre schwierigste Entscheidung?
Eine knackige Entscheidung war es, meine Zahnarztpraxis aufzugeben.

Die letzte unternehmerische Entscheidung?
Ich habe die kleinste Brauerei Deutschlands gegründet und braue in unserem Kultprojekt der Alten Apotheke in Otterberg 20 Liter die Woche. Das ist eine der Unternehmungen, die ich immer tun wollte und dann auch umsetze.
Markus Merk ist heute gefragter Referent zum Thema Mittelstand und Entscheidungen. Bild: BayBG
Wie wichtig ist Selbstbestimmung?
Ganz wichtig, mit ihr erhält man sich die positive Energie. Den Zeitpunkt meines Karriereendes als Schiedsrichter habe ich selbst festgelegt. Es braucht jedoch neue Ziele. Hat man die nicht, wird es schwierig.

Selbstbestimmung ist allerdings auch Luxus.
Es ist Freiheit. Ich verkaufte meine Praxis und wusste zu diesem Zeitpunkt nicht, was ich danach mache. Man muss Dinge beenden, bevor man neue anfängt. Der Luxus liegt auch im persönlichen Anspruch. Ist der nicht zu hoch und lebt man etwas demütiger, erhöhen sich die Chancen, frei zu agieren.

Manche haben aber bessere Voraussetzungen.
Das stimmt. Der Wille muss jedoch da sein. Bewegt man sich nicht, kommt man auch nicht ans Ziel.

Die Pfeife liegt in der Ecke, was machen Sie künftig?
Neben der Unternehmensarbeit werde ich weiterhin bei Sky das Samstagabend-Spiel und wie bereits seit drei Jahren jeden Sonntag und Montag in der größten Fußballsendung in Istanbul die Spiele der türkischen SüperLig kommentieren. Außerdem plane ich gerade einige Projekte für Kinder und möchte noch einige Ausdauerwettkämpfe im Ultrabereich bestreiten … und mehr!

Markus Merk ist einer der bekanntesten Schiedsrichter-Persönlichkeiten in Deutschland. Der Zahnmediziner war seit 1988 Schiedsrichter in der Bundesliga und hält mit insgesamt 339 gepfiffenen Spielen bis heute den absoluten Rekord. Ab 1992 pfiff er auch FIFA-Spiele und wurde dreimal von Experten aus über 100 Ländern zum Weltschiedsrichter gewählt. In Deutschland wurde er sieben Mal Schiedsrichter des Jahres. Heute ist Markus Merk gefragter Referent zum Thema „Die sichere Entscheidung“ und hält Vorträge und Management-Seminare. www.merk-es-dir.de