„Das sind hier völlig neue Dimensionen“

Die Nacht vom 2. auf den 3. Juni 2012 leitet in der Hauptstadtregion ein neues Zeitalter ein. Dann setzt sich ein gewaltiger Tross in Bewegung. Allein in dieser Nacht stehen rund 600 Fahrten mit LKWs, Tiefladern und Spezialfahrzeugen an. Das Gesamtvolumen des Umzugs entspricht rund 647.000 Umzugskartons, mit einer Länge von über 230 Kilometern. Fünf Tunnel und 29 Autobahnbrücken müssen innerhalb von sechs Stunden passiert werden. Im Interview spricht Prof. Dr. Rainer Schwarz, Sprecher der Geschäftsführung des Flughafens Berlin Brandenburg, über die Herausforderung eines Flughafenumzugs, die nationale und internationale Positionierung des neuen Flughafens und die Einbeziehung der Anrainer bei Halbmarathon-Läufen auf den Start- und Landebahnen des Flughafens.

Unternehmeredition: Herr Prof. Schwarz, mit dem Umzug eines Flughafens kennen Sie sich aus: Sie haben in Ihrer Münchner Zeit den Umzug von München-Riem zum Flughafen Franz-Josef Strauß mitgemacht. Was unterscheidet die Berliner von der Münchner Flughafenverlagerung?

Schwarz: Das sind hier völlig neue Dimensionen. Damals hatte München ein Aufkommen von rund 12 Millionen Passagieren im Jahr, heute sind es in Berlin bereits 24 Millionen. In München ging es um den Umzug eines Flughafens, hier sind es mit Tegel und dem alten Flughafen Schönefeld zwei Flughäfen, die am nächsten Morgen an einem neuen Standort konzentriert sind. Das ist weltweit einmalig. Da gehen wir mit einer gehörigen Portion Respekt heran.

Unternehmeredition: Das bayerische Unternehmen, welches seinerzeit den Umzug in München nahezu ohne Pannen bewerkstelligte, hat die Ausschreibung in Berlin gewonnen. Falls der Umzug in Berlin nicht ganz pannenfrei funktioniert, zeigen wir mit den Fingern nach München?
Schwarz: Der Flughafen München hat nach dem Umzug ins Erdinger Moos ein professionelles Umzugsteam für Flughäfen gegründet, das mittlerweile weltweit 30 Flughafenumzüge erfolgreich gemanagt hat und mit diesem Know-how auch die Ausschreibung in Berlin gewonnen hat. Aber es ist wie im richtigen Leben. Erst am Ende eines Umzugstages weiß man, was gut lief oder eben nicht. Immerhin ziehen hier 190 Unternehmen mit mehr als 17.000 Arbeitsplätzen auf einmal um.

Unternehmeredition: Der neue Flughafen kostet fast 3 Mrd. EUR. Als Flughafenchef sind Sie auch für den Return-of-Investment (ROI) verantwortlich. Wie gestaltet sich die Umsatzentwicklung des neuen Flughafens?

Schwarz: Wir werden hier in Berlin ein deutschlandweit einmaliges Modell umsetzen, um unsere ehrgeizigen Umsatzziele zu erreichen. Knapp die Hälfte der Umsätze soll zukünftig aus dem Non-Aviation-Geschäft kommen, das heißt zu jedem im Fluggeschäft erwirtschafteten Euro etwa durch Landegebühren soll ein Euro durch den Flugpassagier kommen. Dazu haben wir die Verkaufsfläche auf 20.000 q² gegenüber den beiden bisherigen Flughäfen verdoppelt. Die Mieteinnahmen sind an die Umsätze gekoppelt. So wollen wir 2013 – im ersten vollständigen Geschäftsjahr des neuen Flughafens – auf einen Jahresumsatz von 400 Mio. EUR kommen, dabei erwarten wir rund 60% aus dem reinen Flugbetrieb und 40% aus dem Non-Aviation-Geschäft. 2011 war bereits ein weiteres Rekordjahr, da haben wir mit beiden Flughäfen zusammen 250 Mio. EUR umgelöst.

Unternehmeredition: Nun ist Ihnen ja eine gewisse Affinität zur Börse nicht abzusprechen. Das Thema Ihrer Dissertation an der Uni Bayreuth hieß immerhin „Die Börseneinführungspublizität neuemittierender Unternehmen“. Die Betreiber des Frankfurter Flughafens, die Fraport AG, sind an die Börse gegangen. Ist so etwas auch für den Hauptstadtflughafen denkbar, schließlich sind das Land Brandenburg und der Stadtstaat Berlin bekannt für gute Slogans, aber nicht für reichliche Geldsegnungen?

Schwarz: Ein Börsengang ist angesichts der politischen Konstellation hier in der Region relativ unwahrscheinlich. Die drei Gesellschafter der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH, Berlin, Brandenburg und der Bund, haben zunächst eine Beständigkeitserklärung für die nächsten drei Jahre abgegeben. Diese drei Gesellschafter genießen danach Vorkaufsrechte. Was mich persönlich betrifft, ich bin für alles offen. Zu meiner Düsseldorfer Flughafenzeit fand ich beispielsweise die Konstellation eines Public-Private-Partnerships, der Flughafen gehört je zur Hälfte der Stadt Düsseldorf und einem Konsortium um den Baukonzern Hochtief, sehr anregend.

Unternehmeredition: Baustress, Umzugsplanung, protestierende Flughafengegner, Flughafenchef in einer pulsierenden Metropole, in der in den letzten zehn Jahren ein Drittel der Einwohner fluktuiert hat, wie hat man dann noch Zeit, dieses Projekt einerseits emotional zu vermarkten und sich andererseits dabei selbst zu erholen?
Schwarz: Durch Sport. Sowohl bei der Vermarktung als auch als persönlicher Ausgleich.

Unternehmeredition: Im neuen Tower ist ein Fitnessraum eingerichtet, damit sich die Fluglotsen in den Pausen vom Stress erholen können. Dort gehen Sie dann hin?

Schwarz: Anders, wenn auch eine schöne Idee. Ich laufe gern. Und das nicht allein. Wir positionieren uns als gute Nachbarn und haben dazu unter anderem den Airport-Run ins Leben gerufen, verschiedene Distanzen über das Flughafengelände. Immerhin ist unsere Start- und Landebahn 4 Kilometer lang. Und einmal ums Flughafengelände ist ein Halbmarathon. Im vergangenen Jahr hatten wir 2.000 Läufer am Start. So emotionalisierend kann also das Geschehen an einem Flughafen sein.

Unternehmeredition: Klingt gut. Und das Rennen auf den Start- und Landebahnen geht auch zukünftig?

Schwarz: Warum sollte es nicht? Der Luftverkehr am neuen Flughafen Berlin Brandenburg wird kontinuierlich und nachhaltig wachsen – da finden wir sicherlich anfangs zwischen den Starts und Landungen auch noch ein Fenster für einen Airport-Run.

Unternehmedition: Herr Prof. Schwarz, vielen herzlichen Dank für das Interview.

Das Interview führten Solvig Wehsener und Torsten Holler.
redaktion@unternehmeredition.de

Zur Person: Prof. Dr. Rainer Schwarz
Rainer Schwarz ist seit 2006 Sprecher der Geschäftsführung der Flughafen Berlin Brandenburg GmbH. Nach seiner ersten Station als Bereichsleiter Marketing und Vertrieb am Flughafen München wechselte 1996 als Geschäftsführer zum Flughafen Nürnberg. 2002 wurde er Geschäftsführer des Flughafens Düsseldorf, bevor er nach Berlin wechselte. www.berlin-airport.de

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