Interview mit Dr. Karl Pilny, Buchautor und WirtschaftsjuristDer Schwerpunkt der Weltwirtschaft verschiebt sich immer mehr nach Asien, vor allem nach Indien und China. „Wenn die beiden Riesen zusammen tanzen, wird dies die Welt erschüttern“, so lautet das Credo von Wirtschaftsjurist und Buchautor Dr. Karl Pilny. Im Interview spricht der Asien-Experte über das Potenzial von „ChinIndia“, das Problem der Produktpiraterie sowie das Bild der Deutschen in Asien.
Der Schwerpunkt der Weltwirtschaft verschiebt sich immer mehr nach Asien, vor allem nach Indien und China. „Wenn die beiden Riesen zusammen tanzen, wird dies die Welt erschüttern“, so lautet das Credo von Wirtschaftsjurist und Buchautor Dr. Karl Pilny. Im Interview spricht der Asien-Experte über das Potenzial von „ChinIndia“, das Problem der Produktpiraterie sowie das Bild der Deutschen in Asien.
Unternehmeredition: Herr Dr. Pilny, welche Ziele verfolgen deutsche Unternehmer primär mit ihrem Engagement in China und Indien: Geht es eher um günstige Produktionsstätten oder um die Erschließung neuer Absatzmärkte?
Pilny: Sicher spielt beides eine Rolle. Nach meiner Erfahrung standen früher eher die kostengünstigen Produktionsmöglichkeiten im Vordergrund. Das hat sich jedoch geändert, denn in den vergangenen zwei Jahren hat insbesondere bei qualifizierten Arbeitskräften ein erheblicher Lohnanstieg stattgefunden. Deswegen ist China heute kein klassisches Billiglohnland mehr – Indien übrigens auch nicht. Für Unternehmer wird es immer wichtiger, eine Basis in den potenziell riesigen Absatzmärkten China und Indien zu haben und gleichzeitig von diesem Standort nach Europa oder in andere asiatische Länder weiter zu exportieren. Der Schlüssel zum Erfolg liegt in der Kombination aus deutschem Know-how mit günstiger Fertigung, wettbewerbsfähigen Preisen und guter Qualität.
Unternehmeredition: Welche Vorteile haben Indien und China als Produktionsstandorte gegenüber den kulturell und räumlich näheren Staaten Osteuropas?
Pilny:
Natürlich zeigen die mittel- und osteuropäischen Länder ein beeindruckendes Wachstum, weisen durch den EU-Beitritt auch ein stabiles Umfeld auf und haben relativ günstige Kostenstrukturen. Aber was sie nicht bieten können, ist ein potenziell riesiger Absatzmarkt. Es fehlt die zukunftsweisende Komponente, in einer der großen globalen Regionen etabliert zu sein. Meine Hauptthese lautet: Wir werden auf ein asiatisches Jahrhundert hinauslaufen, mit China und Indien als neue, dominierende Epizentren der Weltwirtschaft. Bereits heute leben in Indien und China ein Drittel der Weltbevölkerung, die wirtschaftlichen und technologischen Fortschritte sind enorm. Deswegen wird man an Asien in keinster Weise mehr vorbeikommen. Je früher man sich dort eine Basis schafft und Markterfahrung sammelt, desto besser. Nach dem Motto „go where your customer is“, ist es für die Produktentwicklung wichtig, vor Ort präsent zu sein, um die Märkte und die Konsumentenwünsche zu kennen.
Unternehmeredition: Wie bewerten Sie das Problem der Plagiate bzw. Produktpiraterie?
Pilny:
Das ist ganz klar ein heißes Eisen. Es wird kopiert, egal ob es Gesetze gibt oder nicht. Versuche dagegen vorzugehen scheitern häufig an unterbesetzten Gerichten, dem Mangel an qualifizierten Juristen oder schlicht am Durchsetzungswillen. Damit muss man leben. Es hilft auch nichts, Asien zu meiden, im Gegenteil. Die Chinesen besuchen Messen und kopieren die Produkte ohnehin, egal, ob man in China präsent ist oder nicht. Deswegen ist es besser, vor Ort Flagge zu zeigen und juristisch gegen Plagiate vorzugehen, selbst wenn es auf den ersten Blick nichts bringt. Wichtig ist die Geste, um zu zeigen, dass man seine Position behaupten will. Den Kopf in den Sand zu stecken, ist keine gute Strategie.
Unternehmeredition: Wie werden die Deutschen in Asien gesehen?
Pilny: Wenn man sich wirklich Mühe gibt, sich in die Kultur und in die lokalen Gegebenheiten Asiens einzufühlen, dann haben deutsche Unternehmer dort ein enormes Absatzpotenzial. Schließlich genießen Deutschland und deutsche Firmen einen großen Bonus in Asien – der Ruf von „Made in Germany“ ist exzellent, die deutsche Ingenieurskunst wird geschätzt, und die Asiaten haben Respekt vor der Leistung der Deutschen, die sich nach 1945 von Null zur heute drittgrößten Volkswirtschaft der Welt und zum Exportweltmeister hochgearbeitet haben. Auch die Abwesenheit einer tragischen Kolonialgeschichte der Deutschen im asiatischen Raum spielt eine Rolle. Und natürlich die Leistungen deutscher Kultur und Wissenschaft.
Unternehmeredition: Welche Konsequenzen ergeben sich aus dem Zusammenspiel von China und Indien?
Pilny: Ich glaube, beide Länder ergänzen sich sehr gut in ihren wirtschaftlichen Strukturen: China steht für Hardware und Werkbank, Indien für Software, Call Center und Backoffice. Da beide Länder ähnlich groß und dynamisch sind, werden sie zwangsläufig zu einer Art „ChinIndia“-Großraum zusammenwachsen, hinter dem eine enorme Power steht. Jedes Land für sich stellt wieder einen großen Absatzmarkt für andere asiatischen Länder dar. „ChinIndia“ wird sich zu einem neuen Gravitationszentrum in Asien und damit auch der Welt entwickeln.
Unternehmeredition: Wenn sich die Zentren der Weltwirtschaft künftig von Europa und den USA nach Asien verlagern, welche Chance hat Deutschland noch als Wirtschaftsmacht?
Pilny: Ich würde das nicht zu negativ sehen. Deutschland hat weiterhin gute Chancen, eine wichtige Rolle zu spielen, wenn es sich auf seine Kernkompetenzen fokussiert, als Land der Erfinder, des Wissens, der Wissenschaft und der Kultur. Ich sehe nach wie vor das Potenzial des deutschen Mittelstandes, in neuen Branchen und Nischen Marktführer zu werden. Deswegen sollte es der Staat den Unternehmern so leicht wie möglich machen. Ich gebe ein ganz klares Votum ab für Deregulierung, Entschlackung, Runterfahren der Staatsquote, gezielte Bildungspolitik, gezielte Elitenförderung, starke Aufstockung der Grundlagenforschung, möglichst große Unterstützung der Wirtschaft im Ausland etc. Wenn man dies alles umsetzt, würde man sicher die Auswirkungen der Globalisierung gut abfedern können. Jetzt haben wir noch die Chance dazu. Wenn sich aber in 5-10 Jahren nichts ändert, dann ist der Zug unwiederbringlich abgefahren.
Unternehmeredition: Was ist Ihr wichtigster Rat an deutsche Unternehmer?
Pilny:
Ich würde ihnen empfehlen, jede Informationsquelle zu nutzen, die sie kriegen können – Bücher, Zeitschriften und das Internet, wichtige Ansprechpartner sind die Handelskammern. Zusätzlich sollte man möglichst viele Erfahrungen aus erster Hand einsammeln, von Menschen, die dort waren. Und dann möglichst früh gut vorbereitet nach Asien fahren. Das Sprichwort „lieber einmal gesehen als 1.000 mal gehört“ gilt gerade für Indien noch stärker als für China, weil man sich die Intensität des Landes, die Hitze, den Lärm, die Leute einfach nur vorstellen kann, wenn man einmal dort war. Unerlässlich ist es, sich intensiv mit den soziokulturellen Besonderheiten auseinanderzusetzen, das kommt meines Erachtens nach wie vor zu kurz. Es reicht nicht, die Basics des Business Knigge zu beherrschen. Man muss sich in die Gedankenwelt der Menschen hineinversetzen, sich mit der Geschichte und der Kultur des jeweiligen Landes intensiv auseinandersetzen – denn das alles hat massivste Auswirkungen auf das Geschäftsgebaren.
Unternehmeredition: Herr Dr. Pilny, vielen Dank für das Gespräch!
Das Interview führte Markus Hofelich.

Zum Gesprächspartner:
Dr. Karl Pilny (karl.pilny@gmx.de) ist Wirtschaftsjurist und ein profunder Kenner Asiens, der sich privat und beruflich seit über 20 Jahren mit der Geschichte, Kultur und Wirtschaft der Region auseinandersetzt. Er ist Autor u. a. der Bücher „Das asiatische Jahrhundert“ (Campus 2005), „Tanz der Riesen“ (Campus 2006). www.karlpilny.com