„Spare in guten Zeiten, dann hast du in der Not“

 

Ob Filme wie „Baader Meinhof Komplex“ und „Männersache“ oder Fernsehsendungen wie „Hit Giganten“: Viele bekannte Produktionen kommen aus dem Hause Constantin Film AG. Im Gespräch erläutert der Schweizer Vorstandsvorsitzende Bernhard Burgener die Auswirkungen der Finanzkrise auf das Unternehmen und bewährte Finanzierungs- und Akquisitionsstrategien und erklärt, warum er das Monopol von Wirtschaftsprüfern durchbrechen möchte.

Unternehmeredition: Herr Burgener, wie bekommt die Constantin die Finanzkrise zu spüren?
Burgener: Ich bin seit 27 Jahren als Unternehmer in der Unterhaltungsbranche tätig. Es dürfte die vierte Krise sein, die ich erlebe. Unsere Branche wird in Krisenzeiten nicht in dem Maße getroffen wie andere Branchen. Dafür gibt es drei wesentliche Gründe. Erstens: Mit Film und Sport verkaufen wir unseren Kunden Unterhaltung, die wenig kostet. In der Krise bleiben die Leute vermehrt zuhause, kaufen günstige Filme und gehen ins Kino. Zweitens: Im Gegensatz zu anderen in unserer Branche sind unsere Produkte begehrt, und für sie werden immer noch gute Preise bezahlt. Drittens: Die Constantin AG hat in den letzten sechs Jahren gut gewirtschaftet, nie Gewinne ausgeschüttet und steht so heute in der Krise als ein absolut gesundes Unternehmen da.

Also spüren Sie die Krise weder im Filmgeschäft noch bei den Fernsehproduktionen?
Die Krise ist auch bei uns zu spüren. Mein Vorgänger Fred Kogel hat aber mit seinem Team eine Fünf-Säulen-Strategie aufgebaut: mit Produktion, TV-Auftragsproduktion, Lizenzhandel, Home-Entertainment-Auswertung und Verleih. Durch diese Mehrgleisigkeit sind wir für die Krise gut gewappnet. Ich sage außerdem immer: „Spare in guten Zeiten, dann hast du in der Not.“ Dass Teilbereiche wie die Fernsehauftragsproduktion schlecht gehen, bzw. dass Budgets enger geschnallt werden, lesen wir alle. Es ist nicht auszuschließen, dass wir da auch betroffen sind. Dokus oder Soaps sind da sicher kostengünstiger als große Shows. Solange Sender zumindest noch Dokus oder Soaps produzieren, freuen wir uns.

Sie führen Constantin mit den Mutterunternehmen Highlight und EM. Sport Media zusammen. Was sind da die besonderen Herausforderungen?
Erstens: Constantin von der Börse weg zu bringen. Mittlerweile hält Highlight 97,83% an Constantin, so dass das gelungen ist. Zweitens die Begeisterung der Mitarbeiter zu erreichen: Beim Zusammenführen von Unternehmen sagen Berater oft, dass 1+1 am Schluss 3 gibt. Oft ist es aber nur 1,5. Denn wenn die Menschen nicht wollen, dauert der Prozess Jahre. Auch bei Constantin hat man uns als die Käufer von Highlight zunächst nicht mit offenen Armen empfangen. Ich versuche, die Mitarbeiter in den Unternehmen so zu begeistern, dass alle Freude haben mitzumachen. Ich will immer eine freundliche Übernahme und bin auch nie über Entlassungen groß geworden.

Wie erleben Sie Umstrukturierungen bei der Finanzierung im Mittelstand, nachdem der Bankensektor da teilweise ausfällt?
Erstens: Der Aufschwung beginnt bei den Schulden. Ich komme aus der Schweiz, einem geschützten Land. Wenn dort ein Unternehmen einmal in Schieflage bzw. in finanzielle Probleme gerät, können Sie in der Schweiz Ihren Ruf nur einmal verlieren. Seit 27 Jahren arbeite ich mit zwei Großbanken zusammen, da ist alles gesagt. Zweitens: Jedes Unternehmen in unserem Firmenkonglomerat soll sich selber finanzieren. In der Schweiz nennen wir das „föderalistischer Aufbau“, hier in Deutschland heißt das Profitcenter. Constantin zahlt weder Gelder an die Mutterunternehmen noch bekommt sie welche. Sie ist fast schuldenfrei und hervorragend aufgestellt. Unsere Nettoverschuldung liegt bei knapp 30 Mio. Euro.

Aber die Gewinne der Constantin AG sind ja nicht exorbitant?
Da müsste man mir fast vorwerfen: 15 Mio. Euro EBIT bei einem Umsatz von 240 Mio. Euro, das sind nur 6%, das ist ja nicht mal zweistellig. Fernsehsender geben da im hohen zweistelligen Bereich ihre Margen bekannt. Aber es geht um Vertrauen und Langfristigkeit. Wir machen ja auch den Vertrieb für Paramount und Dreamworks in der Schweiz und Österreich. Diese Firmen könnten das längst selbst übernehmen. Aber gerade weil wir mit einer relativ bescheidenen Marge leben und gute Arbeit leisten, beauftragen sie uns seit nunmehr 27 Jahren.

Was könnte ein Private Equity-Haus Ihrem Unternehmen bieten?

Private Equity-Unternehmen kommen immer wieder auf uns zu mit der Frage, ob wir eine Beteiligung verkaufen würden. Aber wir haben unsere Finanzierungsstrategien mit unseren Banken, das funktioniert seit Jahren tadellos. Ich vermute aber auch, dass sich die Geschäfts- und Finanzierungsmodelle ändern werden. Es wäre zum Beispiel denkbar, dass die Versicherungsbranche gesunden mittelständischen Unternehmen Kredite mit einer verträglichen Marge geben könnte.

Könnte Private Equity Ihnen nicht z. B. helfen, Bundesliga-Rechte für DSF zu bekommen?
Natürlich hätten wir auf DSF sehr gerne das Sonntag-Bundesligaspiel behalten. Bei Investitionen muss man den Mut zum Nein-Sagen haben. Kein Geschäft ist auch ein Geschäft. Ich habe noch gelernt: Wenn ich ein Unternehmen kaufe, dann muss ich auch die Refinanzierung einplanen und einkalkulieren, dass meine Bilanz oder meine Erfolgsrechnung jedes Jahr mit z. B. einem Zehntel belastet ist.

Aber das hat sich ja geändert?
Seit 1. Januar 2005 dürfen Sie gemäß einer Überarbeitung der Bilanzierungsrichtlinien von IAS/IFRS nicht mehr abschreiben, dafür müssen Sie ein Impairment, also eine Wertberichtigung, durchführen, wenn Sie Kenntnisse über Gefahren oder Veränderungen haben. Gleichzeitig sind die verrücktesten Akquisitionen aber gerade zwischen Anfang 2005 und Anfang 2008 getätigt worden. Sobald noch das Wort Internet dabei war, sind die Multiples schnell mal bis auf 40 hochgeschnellt. Das ist Lotto spielen. Wir haben in zehn Jahren rund 140 Firmen angesehen, ca. 15 vertieft geprüft, und drei haben wir erworben. Ich habe immer mein eigenes Geld im Unternehmen. Ich kann mein Geld nur einmal verlieren, und das will ich nicht. Es hängen Mitarbeiter, Bankbeziehungen und weitere Unternehmen dran. Tragisch ist es bei den Unternehmen, die verrückte Übernahmephantasien hatten oder bei denen Equity-Gesellschaften eingestiegen sind. Wenn ein Unternehmen, das über Jahrzehnte performt, plötzlich mit Finanzierungsmodellen ausgehöhlt wird, Mitarbeiter entlässt und die Gewinne maximiert. Mit den tollen Gewinnen wird den Banken der Mund wässrig gemacht, dann geben die Banken hohe Kredite. Die Kredite werden dazu benutzt, die Aktionäre zu bezahlen. Am Schluss wird das Unternehmen erdrückt von der Finanzlast. Bei derartigen Konstellationen führt der Weg zum Unternehmen über die Schulden, jetzt wird man sich günstig die Schulden kaufen können.

Sie haben die aus Ihrer Sicht nur teilweise zielführenden Änderungen von IAS/IFRS angesprochen. Was sind da Ihre Forderungen an den Gesetzgeber?
Die meisten Firmen an der Börse werden von PwC, Deloitte, KPMG und Ernst & Young geprüft. Das ist fast schon ein Monopol. Diese Firmen bestimmen mit den entsprechenden Boards und der Politik die Regelwerke. Deutschland kupfert da alles aus diesen stark aus den USA bestimmten Regelwerken wie z. B. IFRS ab, hätte aber mit dem HGB ein wunderbares, transparentes Werk. Es wäre schön, wenn man sich in Deutschland bei Bilanzierungs- oder Abschreibungsregelungen wieder auf das HGB besinnen würde. Dann wären solche übertriebenen Akquisitionen, wie sie in den letzten Jahren vollzogen wurden, künftig nicht mehr möglich.

Herr Burgener, vielen Dank für das Gespräch!

 

Zur Person 
Bernhard Burgener ist Vorstandsvorsitzender der EM.Sport Media, des Medienkonzerns Highlight Communications AG und seit 1.01.2009 auch der Constantin Film AG. Alle drei Unternehmen sind seit 6.04.2009 in der Constantin Medien AG aufgegangen. www.constantin-medien.de