Interview mit Rechtsanwalt Horst Piepenburg, Insolvenzverwalter

Horst Piepenburg ist bereits seit 28 Jahren Insolvenzverwalter und zählt zu den renommierten Experten seines Metiers. Die Kanzlei Piepenburg & Gerling hat bis heute etwa 2.000 Insolvenzfälle bearbeitet. Im Interview spricht er über die Arbeit als Insolvenzverwalter und aktuelle Trends.

Horst Piepenburg ist bereits seit 28 Jahren Insolvenzverwalter und zählt zu den renommierten Experten seines Metiers. Die Kanzlei Piepenburg & Gerling hat bis heute etwa 2.000 Insolvenzfälle bearbeitet. Im Interview spricht er über die Arbeit als Insolvenzverwalter und aktuelle Trends.

Unternehmeredition: Herr Piepenburg, welches sind die häufigsten Gründe dafür, dass Unternehmen in die Krise geraten?
Piepenburg: 2009 war ein massiver Auftragseinbruch die häufigste Ursache, zum Beispiel bei den Automobilzulieferern. Firmen konnten ihre Kosten nicht schnell genug senken. In einem Insolvenzverfahren geht es schneller, Verträge zu beenden und das Personal der Auslastung anzupassen – durch Kurzarbeit oder Entlassungen. 2010 nun ist mangelnde Liquidität das häufigste und drängendste Problem. Viele Mittelständler haben 2009 ihre Kapitalreserven aufgebraucht, aber mit dem steigenden Auftragseingang wächst auch der Kapitalbedarf. Und die Banken sind nicht gerade freizügig bei Neukrediten – viele Firmen wurden in der Bonität herabgestuft, und die Banken haben selbst kein gutes Jahr hinter sich.

Unternehmeredition: Wie geht man das Finanzierungsproblem an?
Piepenburg: Die Unternehmen sollten mehr Transparenz zeigen und aktuelle Zahlen vorlegen – viele tun das auch schon. Und die Banken sollten diese Zahlen und die Zukunftsperspektiven berücksichtigen, und nicht nur auf die schwachen 2009er Zahlen schauen – auch dies geschieht zum Teil. Wieder Vertrauen zu schaffen, ist das große Thema zurzeit. Von beiden Seiten hängt also ab, wie stark die Insolvenzzahlen in der zweiten Jahreshälfte noch steigen werden.

Unternehmeredition: Wie gestaltet sich die Arbeit als Insolvenzverwalter?
Piepenburg: Ich nehme einmal als Beispiel eine Druckerei, zu der ich kürzlich als Insolvenzverwalter gerufen wurde. Die Firma macht Werbeflyer und kümmert sich auch um den gesamten Werbeauftritt von Unternehmen. Zunächst kennt man noch nichts und niemanden und wird mit vielen Problemen konfrontiert. Lieferanten wollen ihre Ware zurück, zum Beispiel Papier; Kunden wollen die Zusage, dass alle Aufträge termingerecht erfüllt werden. Ich muss dann in beide Richtungen überzeugen und auch die Mitarbeiter im Unternehmen motivieren. 90% der Überzeugungsarbeit sind Psychologie, nur 10% die reinen Fakten.

Unternehmeredition: Was hat sich in Ihrer Arbeit als Insolvenzverwalter in den letzten Jahren am meisten geändert?
Piepenburg: Erstens die Ansprechpartner bei den Banken: Sie wurden häufiger ausgewechselt, außerdem sind viele internationale Banken hinzugekommen; zusätzlich noch die Investmenthäuser und Finanzinvestoren. Das Besondere an 2009 war, dass es fast kein Investoreninteresse an Firmenübernahmen und in vielen Unternehmen keine Planungssicherheit gab, da die starken Schwankungen der Auftragseingänge kaum zu kalkulieren waren.

Unternehmeredition: Was macht einen guten Insolvenzverwalter aus?
Piepenburg: Er muss unternehmerisch denken können, den Markt und das Produkt bzw. die Dienstleistung des Unternehmens verstehen. Er muss außerdem motivieren können und die Kommunikation – zuhören und erklären – nach innen und außen beherrschen. Und schließlich sollte er auch soziales Verantwortungsbewusstsein haben. Wie im Beispiel Sinn Leffers geht es u.a. darum, die Mitarbeiter frühzeitig zu informieren und dadurch die Möglichkeit zu schaffen, in Kooperation mit dem Arbeitsamt eine Perspektive für von Entlassung betroffene Mitarbeiter zu eröffnen und sie bei der Jobsuche zu unterstützen.

Unternehmeredition: Wenn Sie gerufen werden: Worauf kommt es in den ersten Tagen oder Wochen am meisten an?
Piepenburg: Wir treffen auf Menschen in Extremsituationen – so zum Beispiel Mitarbeiter, die um ihren Arbeitsplatz bangen, oder Gläubigerfirmen, die von einem Zahlungsausfall bedroht sind, der ihre Existenz gefährdet. Als krisenerfahrener Insolvenzverwalter muss man dann Ruhe ausstrahlen und Vertrauen aufbauen. Da hilft es, dass man als neutrale Person bestellt wurde und entsprechend auftritt, denn in der Krise ist meist schon viel Vertrauen insbesondere in das alte Management in Misstrauen umgeschlagen. Operativ heißt das: Den Betrieb in Gang halten, die (Material-)Lieferungen aufrechterhalten, Kundenaufträge erfüllen und parallel dazu mit dem Expertenteam Fakten und Zahlenmaterial aus den verschiedenen Abteilungen wie Personal, Buchhaltung etc. aufbereiten.

Unternehmeredition: An welchen Maßnahmen oder Entwicklungen kann man den Wendepunkt zum Positiven festmachen?
Piepenburg: Die ersten kleinen Schritte haben eine große Wirkung – beispielsweise wenn der erste Lkw wieder vom Hof fährt und ausliefert, das heißt für die Belegschaft, „unsere Produkte werden noch gebraucht“. Aber viele strukturelle Dinge werden erst verändert, wenn wir Insolvenzverwalter wieder weg sind. Es ist sehr selten, dass wir ein Unternehmen zu Ende sanieren. Wir gehen nur etwa zwei Drittel des Weges, den Rest macht dann der Unternehmer oder der neue Käufer selbst.

Unternehmeredition: Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Bernd Frank.
redaktion@unternehmeredition.de

Zum Interviewpartner: Horst Piepenburg
Horst Piepenburg ist Gründer und Mitinhaber der seit 1982 bestehenden Rechtsanwaltskanzlei Piepenburg und Gerling in Düsseldorf. Zu seinen bekanntesten Fällen als Insolvenzverwalter zählen das Bekleidungsunternehmen Sinn Leffers, der Hausgerätehersteller Küppersbusch, der Briefzusteller PIN sowie DAF Deutschland (Automobile). Im Juni/Juli 2009 war er für fünf Wochen Generalbevollmächtigter der Arcandor AG, die zuvor Insolvenz angemeldet hatte. Er legte sein Mandat aber nieder, weil er sich vom Arcandor-Großaktionär Sal. Oppenheim im Stich gelassen fühlte. www.piepenburg-gerling.de