Feinmechanik: Der Investor muss die Gepflogenheiten und teils liebenswerten Marotten eines Familienunternehmens verstehen.

Prof. Ulrich Hemel war zwischen 2001 und 2004 Vorstandsvorsitzender der Paul Hartmann AG. Heute ist er unter anderem Leiter des Weltethos-Instituts der Universität Tübingen. Nun hat er zusammen mit dem M&A-Berater Harald Link ein Buch über Beteiligungen an Familienunternehmen geschrieben. Im Interview erklärt er, wie Familienunternehmen bestehen können, auch wenn sie sich gegenüber Investoren öffnen.

Unternehmeredition: Sehr geehrter Herr Prof. Hemel, haben Familienunternehmen heute mehr Möglichkeiten, ihre Eigenständigkeit zu erhalten – oder sind sie auf dem Rückzug?


Prof. Ulrich Hemel: Dass sie auf dem Rückzug sind, glaube ich überhaupt nicht. Aber auch für die gegenteilige Meinung gibt es Gründe. Ob ein Familienunternehmen unabhängig bleiben kann, hängt ja nicht nur von der Familie ab, sondern auch von den Märkten. Da spielen Faktoren wie Größenvorteile, Regulierung oder Compliance eine Rolle.

Heute gibt es eine Vielzahl an Beteiligungsoptionen. Warum glauben Sie trotzdem, dass das Modell Familienunternehmen in der Breite bestehen bleibt?

Familienunternehmen sind agiler, entscheidungsstärker und damit auch resilienter als andere Unternehmen. Durch den Familienbezug geht es um beides: das persönliche Schicksal und das des Unternehmens. Den Unternehmer treffen Erfolg und Scheitern meist unmittelbarer als den Manager.

Wo liegt denn das richtige Maß einerseits zwischen Idealismus, unabhängig zu bleiben, und andererseits dem Pragmatismus, sich über Beteiligungen Eigenkapital und Expertise ins Unternehmen zu holen?

Unternehmen sind so unterschiedlich wie das Leben, und Familien auch. Es gibt eine Reihe von Märkten, die einen bestimmten Kapitaleinsatz oder Managementinput erfordern, die eine Familie auf Dauer nicht leisten kann. Das sind gute Gründe, damit sich ein Unternehmen öffnet. Und oft gilt der Spruch: Viel von wenig ist immer wenig. Wenig von viel ist manchmal ganz schön viel.

Entsteht durch die schiere Menge an Beteiligungskapital die Gefahr, verführt zu werden?

Nein, dafür ist das Zielsystem zu komplex. Da geht es nicht nur um eine Entscheidungsachse. Neben der rationalen, ökonomischen Entscheidung ist da noch die die Achse der Lebensplanung und der Familie. Selbst wenn es die Begehrlichkeit eines hohen Verkaufspreises gibt, spielen bei der Entscheidung vielschichtige Faktoren eine Rolle.

Bei Familienunternehmen wird auch die Belegschaft in diese Familie eingeschlossen. Spüren die Mitarbeiter den Unterschied zwischen dem Familiengesellschafter und dem Investor?

Natürlich. Es wäre höchst merkwürdig, wenn sie es nicht spüren würden. Der Familienunternehmer denkt in Generationen, der Private Equity-Investor in Exit-Zeiträumen. Das löst Sorgen, auch Ängste aus. Aber wenn  frischer Wind weht, tut das manchen Unternehmen ausgesprochen gut.

Welche Sensibilität braucht ein Investor, um die Mitarbeiter abzuholen?

Er muss die Gepflogenheiten, Gewohnheiten, die teils liebenswerten Marotten erst mal respektieren. Technisch gesehen entstehen sicherlich Trade-offs zwischen einem gemischten Zielsystemen und der reinen Wertsteigerung. Das muss der Investor abfedern mit einer klaren Kommunikation, gerade bei unangenehmen Entscheidungen. Die Kommunikation ist hier der Königsweg.

Vereinen Family Offices als Beteiligungsgesellschaften von Familienunternehmen die Vorteile beider Welten?

Das ist eine trügerische Analogie. Nur weil Family Office draufsteht, muss nicht viel Familie drinstecken. Dafür ist die Bandbreite der Akteure zu groß. Die meisten Family Offices, die ich kenne, agieren ähnlich wie institutionelle Anleger. Das Family Office ist in vielen Fällen ein Hybrid.


Kurzprofil Prof. Ulrich Hemel

Geboren: 9.August 1956

Beruf: Philosoph, Theologe, Wirtschaftswissenschaftler

Hobbys: Reisen, Sprachen, Lesen, Lachen, Lernen

Größte Erfolge: Den Humor zu behalten in den Wechselfällen des Lebens

Websites: www.weltethos-institut.org

„Zukunftssicherung für Familienunternehmen – Beteiligungen, Verkäufe und Übernahmen“, erschienen bei Kohlhammer, 205 Seiten, 30 Euro.