„Work-Life-Balance ist der einzige Weg, lange durchzuhalten“

Work-Life-Balance:
Work-Life-Balance: "Der einzige Weg, bis zur Rente durchzuhalten."

Tim Mois ist Gründer von Sipgate, einem Anbieter von Cloud-Telefoniesystemen. Als sein Unternehmen schnell wuchs, stellte er fest, dass informelle Strukturen nicht mehr ausreichen. Er krempelte seine Organisation komplett um. Seine Erfahrungen gibt er an andere Unternehmen weiter.

Unternehmeredition: Herr Mois, Sie haben Ihr Unternehmen organisatorisch komplett umgekrempelt: Bei Ihnen entscheiden einzelne Teams über die Kosten und darüber, ob und wer eingestellt wird. Ihre Kantine ist ein Biorestaurant, Sie haben einen Kids Club, und am Open Friday stellen die Mitarbeiter vor, was sie für das Unternehmen für am besten halten. Das ist schon fast zu perfekt. Wo ist der Haken?

Tim Mois: Es ist auf jeden Fall sehr aufwendig, dorthin zu kommen. Erzeugen kann man das nicht aus der Konserve oder nach einem Plan. Unserem Buch 24 WorkHacks, in dem wir erfolgreiche Maßnahmen aufgeschrieben haben, gingen bestimmt 100 Versuche voraus, die nicht geklappt haben. Heute ist es einfacher, weil sich viel mehr Menschen mit Wissensarbeit beschäftigen. Man muss sich nicht immer etwas Neues ausdenken. Ausprobieren, was zum Unternehmen passt, muss man natürlich schon.

Sie schleusen täglich Gruppen durch Ihr Unternehmen, die sich Ihr Modell anschauen. Sind Sie noch ein Cloud-Telefonieanbieter oder schon ein Beratungsunternehmen?

Da wir nicht die agile Transformation in 30 Tagen verkaufen, sehen wir uns als Cloud-Telefonieanbieter und eher in der Tradition von Toyota. Anfang der 90er-Jahre öffneten die Japaner die Werke, um ihre Philosophie zu präsentieren. Es ist zum Vorteil aller, diese Dinge zu verbreiten.

Sind Ihre Veränderungen in der Organisation auch auf einen klassischen Maschinenbauer anwendbar?

Man kann dieses Modell nicht kopieren und muss seinen eigenen Weg finden. Allerdings regt es das Denken an, eine Bandbreite an Veränderungen präsentiert zu bekommen. Läuft es bei einem Maschinenbauer super und geht er davon aus, dass er von der Digitalisierung in den kommenden 30 Jahren nicht betroffen ist, hat er vielleicht ja auch gar kein Problem. Stellt er jedoch fest, dass Software immer wichtiger wird, und findet er keine geeigneten Mitarbeiter, kann es schon Sinn machen, sich über Veränderungen Gedanken zu machen.

Wann kam bei Ihnen der Zeitpunkt, als Sie spürten, dass es in der klassischen Struktur nicht mehr weitergeht?

Alles war in Ordnung, solange wir 20 bis 25 Leute waren. Jeder kannte jeden und wusste, was der andere macht. Dann landeten wir mit einem Produkt einen Volltreffer. Wir hatten plötzlich 100.000 Kunden und bald mehr als 70 Mitarbeiter. Je mehr Leute wir wurden, desto schwieriger wurde es, informelle Strukturen beizubehalten. Irgendwann wurde die Situation unhaltbar. Mithilfe einer Agentur führten wir Scrum ein. Ein Modell des Projekt- und Produktmanagements.

Sie haben kein mittleres Management, die Teams werden für die Projekte immer wieder neu bestückt. Das macht es nicht unbedingt einfacher.

Da wir nicht zu groß sind, haben dynamische Teams viele Vorteile: So ist etwa das Spektrum für Feedback viel größer. Es kann sich auch keiner verstecken. Schnell fällt es auf, wenn jemand inkompetent ist oder zwischenmenschlich nicht zum Unternehmen passt.

Wer entscheidet bei Ihnen, wenn Kündigungen auszusprechen sind?

Auch das Team. Es trägt die Verantwortung sowohl für die Anstellung als auch für die Kündigung.

Sie haben eine Stechuhr, aber auch ein Open House mit Abendveranstaltungen. Ist es gewollt, dass die Mitarbeiter mehr Zeit als die 40 Stunden im Unternehmen verbringen?

Nein, überhaupt nicht. Work-Life-Balance ist der einzige Weg, bis zur Rente durchzuhalten. Die Veranstaltungen richten sich nicht primär an die Mitarbeiter. Wer Lust hat, kann natürlich kommen. Auch ich gehe nicht auf jede Veranstaltung.


o7 Tim MoisKurzprofil Tim Mois

Geboren: 1974

Beruf: Co-Founder und Geschäftsführer von sipgate

Hobbys: Architektur, Reisen

www.sipgate.de

 

 

Autorenprofil

Tobias Schorr war von März 2013 bis Januar 2018 Chefredakteur der "Unternehmeredition". Davor war er für die Gruner + Jahr Wirtschaftsmedien im Ressort Geld als Redakteur tätig. Von 2003 bis 2007 arbeitete er zunächst als Redakteur, dann als Ressortleiter beim Mittelstandsmagazin "Markt und Mittelstand". Sein Handwerk lernte er an der Axel Springer Journalistenschule.

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