Die Unternehmensgeschichte der heutigen Solvadis-Gruppe reicht über 100 Jahre zurück. Früher segelte die Gesellschaft, deren Geschäft der Handel und die Distribution von Basischemikalien ist, unter der Flagge der Metallgesellschaft AG. Mit der Ausgliederung im Jahr 1994 begann eine langanhaltende Phase zahlreicher Zu- und Verkäufe. Wendepunkt des unklaren Kurses war die Übernahme durch einen Finanzinvestor im Jahr 2004.

Erst abgelehnt, dann eingebunden
In der traditionsreichen Metallgesellschaft AG, die zwischenzeitlich als MG Technologies AG firmierte und schließlich in der GEA Group aufging, war Solvadis am Ende Vertreter einer vernachlässigten Sparte: Der Bochumer Konzern hatte einfach kein Interesse mehr an Chemie. Ein aussichtsreicher Kandidat für die Übernahme war lange Zeit der Privatinvestor Udo Böttcher, der auf rund 40 Jahre Branchenerfahrung zurückblickt – darunter 26 Jahre im Vorstand des Hamburger Chemikalienhändlers Helm AG. Statt Böttcher kam 2004 aber der von Orlando Management beratene Eigenkapitalfonds „Special Situations Venture Partners“ zum Zug. „Damals war ich zunächst enttäuscht, dass MG einen anderen Käufer bevorzugt hat“, berichtet Böttcher. Dennoch ging die Geschichte für ihn weiter: Das Team von Orlando wollte seine Beweggründe für den beabsichtigten Einstieg wissen und freute sich über die Antwort. „Ich würde prima zu ihnen passen, hieß es darauf hin“, erklärt Böttcher. Gut 90% der Anteile hält der Fonds, den Rest erhielt der erfahrene Chemiemanager. Das habe sich als perfekte Lösung entpuppt, bekennt er: „Wenn ich die Übernahme alleine gestemmt hätte, wäre ich nie so gut gefahren wie mit Orlando.“

Rettung vor Restrukturierung
Er sei weder ein großer Betriebswirt noch ein Finanzstratege, sondern „nur“ ein operativer Kaufmann, bekennt Böttcher. Die Kombination habe sich damit als vorteilhaft für die Neuausrichtung der Solvadis-Gruppe herausgestellt. „Um das Geschäft fortzusetzen, musste Orlando zuerst seine Expertise unter Beweis stellen. Denn ohne MG im Hintergrund waren die Banken deutlich weniger progressiv“, erläutert er. Nachdem diese Hürde genommen war, fing auch schon die Restrukturierung an. Sie war dringend nötig, denn Solvadis hat sich unter der MG durch regelmäßige kleinere und größere Zukäufe über die Jahre zu einem Gemischtwarenladen entwickelt. Vor dem ersten Verkauf stand die Rettung der Solvadis France. „Das war ein renommierter Marktteilnehmer in einer sehr schwierigen Situation“, begründet er die Aktion, die allein mit 14 Reisen nach Frankreich verbunden war. Schnell fand Böttcher einen Interessenten, der das Unternehmen besser weiterentwickeln konnte, so dass konsequenterweise der Verkauf folgte. Auch die Tochtergesellschaften in den Niederlanden und in Spanien wurden abgegeben.

Auch intern eine neue Linie
Die Verschlankung des Ländergeschäfts zeigte damit doppelte Wirkung: Das Verlustpotenzial reduzierte sich, gleichzeitig kam frisches Geld ins Haus. Kostenersparnisse führten zu weiteren schnellen Sanierungserfolgen, so wurde z.B. innerhalb Frankfurts der Standort gewechselt, was die Miete um über die Hälfte reduzierte. Ebenso fand eine interne Neuausrichtung statt: „Die alten Managementstrukturen wurden durch flexiblere Managementprozesse ersetzt. Eine Generation junger Manager kam nach“, fasst Böttcher die Personalwechsel zusammen. Darüber hinaus führte er eine nachvollziehbare Gewinnbeteiligung ein, um die Motivation zu erhöhen.

Passende Zukäufe
Allerdings trennte sich Böttcher auch von gesunden Firmen in Österreich und Südafrika. „Sie waren zu klein und haben nicht zu den sonstigen Warenströmen gepasst“, meint er. Gleiches gilt für deutsche Tochtergesellschaften wie Solvadis CPC. Da Böttcher im Handel mit Industriegasen keine Synergien sah, veräußerte er den Krefelder Zweig an das Stuttgarter Familienunternehmen Scharr. Mit der gleichen Begründung stieß er Aktivitäten in Bottrop (Anorganika) und Solingen (Polymere) ab. Stattdessen kaufte er Gesellschaften dazu, die zur Ausrichtung auf den Handel mit und die Logistik der Basischemikalien Methanol, Bioethanol sowie Schwefel passen: Chemfidence in Frankfurt (Rohstofflogistik), Duval in Antwerpen (Tanklager) und Chemie Kelheim GmbH in Kelheim (Schwefelsäureproduktion). Umsetzung und finanzielle Strukturierung der Transaktionen überließ Böttcher seinem CFO und Orlando, denn „das ist genau das Feld, das sie besser beherrschen“.

Fazit:
Die Umstrukturierungsmaßnahmen können sich sehen lassen: Gemeinsam haben Geschäftsführer Udo Böttcher und Finanzinvestor Orlando den Konzern Solvadis neu aufgestellt. Bei der Fokussierung auf Basischemikalien als Kerngeschäft reduzierte sich der Mitarbeiterstamm von rund 600 auf 200, während sich der Umsatz – auch dank gestiegener Weltmarktpreise – von 400 Mio. EUR auf jüngst 1,1 Mrd. EUR erhöhte. Mittelfristig plant Böttcher weitere Zukäufe, denn im Handel von Chemikalien sieht er die Zukunft.

Torsten Paßmann
torsten.passmann@unternehmeredition.de

Kurzprofil: Solvadis-Gruppe
Gründungsjahr: 1881 (Metallgesellschaft)
Branche: Chemie
Unternehmenssitz: Frankfurt am Main
Mitarbeiter: 199
Umsatz 2008: 1,1 Mrd. EUR
Internet: www.solvadis.com

„Rohdiamanten, die von sehr viel Staub umgeben waren“
Interview mit Florian Pape, Geschäftsführer der Orlando Management GmbH

Unternehmeredition: Welche Gründe sprachen 2004 für die Übernahme des damaligen Gemischtwarenladens Solvadis?
Pape: Bei unserer Analyse haben wir im Produktportfolio Rohdiamanten gesehen, die von sehr viel Staub umgeben waren. Die Gespräche mit dem Management haben uns dann überzeugt, daraus Diamanten schleifen zu können. Außerdem haben wir in einzelnen Geschäftsbereichen, wo das eigentliche Geschäft betrieben wird, sehr gute und fähige Leute getroffen. Auch der CFO hat ein hervorragendes Bild abgegeben – und das Management spielt bei der Gesamtbeurteilung eines Unternehmens natürlich eine große Rolle.

Unternehmeredition
: Mit Udo Böttcher haben Sie einen Geschäftsführer an Bord geholt, der mit 58 Jahren in anderen Unternehmen schon kurz vor der Rente gestanden hätte. Was sprach für ihn?
Pape: Uns hat seine große Erfahrung in der Distribution und dem Handel von Chemie überzeugt. Mit seiner Einbindung wollten wir an Mitarbeiter, Partner und Lieferanten des Unternehmens ein Signal senden: Es geht wieder vorwärts. In den Vorjahren wurde die Chemiesparte von der Metallgesellschaft eher stiefmütterlich behandelt. Da Herr Böttcher neben der Branchenkompetenz auch über hervorragende General-Management-Fähigkeiten verfügt, um die einzelnen Bausteine der Holding zu einem großen Ganzen zusammenzufügen, war er genau der Richtige.

Unternehmeredition: Sie wurden vom Geschäftsführer ausdrücklich für Ihre Finanzexpertise gelobt. An welchen Stellschrauben haben Sie gedreht?
Pape: In den ersten Jahren haben wir eine Portfolio-Bereinigung vorgenommen und Zusatzakquisitionen getätigt. Das hat den Gesamtumsatz deutlich gesteigert und gleichzeitig die Wettbewerbsposition der Kerngeschäfte deutlich gestärkt. Diese Schritte, ebenso wie die ursprüngliche Übernahme, haben die Investoren ohne Banken finanziert. Das Unternehmen ist und war schuldenfrei.

Unternehmeredition: Welches Zwischenfazit ziehen Sie nach fünf Jahren?
Pape: In der Wirtschafts- und Finanzkrise verzeichnet die Chemieindustrie – und damit auch Solvadis – gewisse Mengenrückgänge. Trotzdem ist Solvadis heute ein kerngesundes Unternehmen. Einen Teilverkauf von weiteren Randbereichen wie auch Zusatzakquisitionen im Kernbereich können weiterhin sinnvoll sein, ein Ende unseres Engagements sehe ich nicht. Solvadis hat weiterhin Potenzial!

Das Interview führte Torsten Paßmann.
torsten.passmann@unternehmeredition.de