Finanzierung durch Mittelständische Beteiligungsgesellschaften (Ausgabe 2/2010)

Vom Schuhhersteller bis zur SoftwareschmiedeDie 15 Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften (MBGen)in Deutschland stellen als öffentlich refinanzierte Institute Kapital für kleine und mittlere Unternehmen bereit. Sie finanzieren in ihrem jeweiligen Bundesland Wachstum und Innovation ebenso wie Nachfolgeregelungen.

Die 15 Mittelständischen Beteiligungsgesellschaften (MBGen)in Deutschland stellen als öffentlich refinanzierte Institute Kapital für kleine und mittlere Unternehmen bereit. Sie finanzieren in ihrem jeweiligen Bundesland Wachstum und Innovation ebenso wie Nachfolgeregelungen. Was dabei alles möglich ist, zeigen die nachfolgend vorgestellten Beteiligungen.

Kristronics: Nachfolgeregelung für Elektronikpionier
Die von der in Harrislee bei Flensburg ansässigen Kristronics GmbH produzierten Lösungen zur direkten Regelung von elektronischen Antrieben ersetzen zunehmend mechanische und hydraulische Systeme. Die Hauptkunden von Kristronics sind Abnehmer aus dem Automobilsektor, aber auch Industrie- und Medizingerätehersteller. Ein wichtiger Meilenstein in der mehr als 30-jährigen Firmengeschichte war vor fünf Jahren die Nachfolgeregelung im Zuge eines Management Buy-ins (MBI). Unterstützt wurde dieser durch eine von der MBG Schleswig-Holstein bereitgestellte stille Beteiligung in Höhe von 500.000 EUR. Seitdem hat sich die Firma unter ständiger Thesaurierung der laufenden Überschüsse marktgerecht aufgestellt. So ist Kristronics heute einer der wenigen deutschen Anbieter für komplexe mobile Leistungselektronik und mit mehreren Produkten in den jetzt auf den Markt kommenden E-Fahrzeugen und Plug-in-Hybrids vertreten. Der Umsatz, der auch im Krisenjahr 2009 fast ein Niveau von 20 Mio. EUR erreicht hat, soll sich in den nächsten Jahren signifikant erhöhen. Die damit verbundenen höheren Entwicklungsvolumina werden eine problemlose Fremdfinanzierung erforderlich machen. Wichtige Voraussetzung dafür ist eine hohe Eigenkapitalquote, die derzeit bei über 60% liegt. Einen wertvollen Anteil daran hat die stille Beteiligung der MBG Schleswig-Holstein, die dem Unternehmen zudem mit ihren Kontakten zur regionalen Wirtschaftswelt zur Seite steht. Die MBG Schleswig Holstein hat das Volumen ihrer stillen Beteiligungen 2009 zu neuen Höchstständen geführt. Es wurden 131 solcher Beteiligungen (+28%) für 113 Unternehmen (+30%) neu bewilligt.

Bär GmbH: Eine Idee setzt sich durch
Der Weg zum erfolgreichen Bequemschuh-Hersteller war steinig. Immer wieder musste sich Firmengründer Christian Bär sagen lassen, seine Idee eines breiten, aber fußgerechten Schuhs sei nicht marktfähig. Doch der Unternehmer ließ sich nicht beirren. Er eignete sich gemeinsam mit seiner Ehefrau Hilke das gesamte Know-how rund um Herstellung, Vertrieb und Verkauf von Schuhen selbst an. Schon bald konnte das 1973 gegründete Unternehmen die ersten Bestellungen bei externen Produzenten in Auftrag geben und dank der Kredite finanzierungsbereiter Banken das Wachstum vorantreiben. Im Jahr 1995 gründete Bär dann in Indien ein Joint Venture für eine eigene Produktionsstätte. Parallel dazu begann die Ausweitung des Vertriebs, und sogar ein Importeur für Japan wurde gefunden. Kein Wunder ist es da, dass das Unternehmen bald auch die Eigenkapitalseite stärken musste, um weiter investieren zu können. Die Lösung fand sich auf Empfehlung der Hausbank: Im Jahr 2001 engagierte sich die MBG Baden-Württemberg mit einer stillen Beteiligung in Höhe von 1 Mio. EUR. Heute verkauft die Bär GmbH jährlich etwa 150.000 Paar Schuhe per Katalog, über das Internet und in den 17 Bär-Filialen in Deutschland. Am Standort Bietigheim-Bissingen beschäftigt das Unternehmen derzeit 80 Mitarbeiter, weitere 380 sind es bei der Produktionsstätte in Indien. Und mit den Söhnen steht die nächste Generation bereits in den Startlöchern. Für sie ist eine der größten Herausforderungen nun, die Schuhe auch einer jüngeren modebewussten Zielgruppe zugänglich zu machen.

Evidanza: Mischfinanzierung für Software-Schmiede
Ob Planungsprozesse, Geschäftsvorgänge oder Reporting: Auch für den Mittelstand ist heute der schnelle und gebündelte Zugriff auf Unternehmensdaten unverzichtbar. Oft genug aber ist das Zusammenführen dieser Daten teuer und zeitaufwändig, weil sie in uneinheitlichen IT-Systemen gespeichert sind. Dass es besser geht, beweist die von der Evidanza GmbH mit Standorten in Regensburg und Nürnberg entwickelte Business Intelligence (BI)-Software. Sie ermöglicht eine integrierte Unternehmenssteuerung, mit deren Hilfe adressatengerechte Auswertungen effizient und transparent zusammengeführt werden. Die 2004 gegründete Evidanza stieß mit ihrem Leistungsspektrum – nicht zuletzt auch dank dessen Einbindung in Microsoft-Systeme – von Beginn an auf reges Interesse, wobei das starke Wachstum seit 2006 durch Venture Capital unterstützt wurde. Im Frühjahr 2007 stieg die BayBG Bayerische Beteiligungsgesellschaft im Rahmen einer zweiten Finanzierungsrunde bei dem Unternehmen ein. Die BayBG engagierte sich dabei nicht nur mit einer stillen Beteiligung, sondern erwarb als Minderheitsgesellschafter auch Anteile. Insgesamt brachte das aus S-Refit, KfW und BayBG bestehende Finanzkonsortium neue Mittel in Höhe von 2,4 Mio. EUR in das Unternehmen ein. Die BayBG hat sich in ihrem Geschäftsjahr 2008/2009 mit insgesamt 44,8 Mio. EUR neu engagiert, wobei die Finanzierung von Investitionen und Innovationen den Schwerpunkt bildete.

R+S Solutions Holding AG: Komplettanbieter für Gebäude- und Kommunikationstechnik
Mit ihren hoch spezialisierten Dienstleistungen versteht sich die R+S Solutions Holding AG als kompletter Systemanbieter für Gebäude- und Kommunikationstechnik sowie Elektrotechnik für den Schiffbau. Bereits wenige Jahre nach der Gründung im Jahr 1988 durch Markus Röhner und Dieter Seban – später kam als Dritter im Bunde Lothar Mihm hinzu – ging der Blick des Managements weit über den regionalen Tellerrand hinaus. Und diese Visionen wurden umgesetzt. Mit insgesamt zwölf Niederlassungen in Deutschland sowie zwei Standorten in den USA und in Tschechien ist R+S heute in seinem Bereich eines der führenden auf dem internationalen Markt agierenden und dabei das größte inhabergeführte Unternehmen. Getreu dem Slogan „Alles aus einer Hand“ kann die Firmengruppe Serviceangebote und Lösungen bieten, bei denen die fachlichen Qualitäten der einzelnen Unternehmensstandbeine vernetzt und Synergieeffekte genutzt werden. Wichtige Bausteine bei der Finanzierung des Wachstums waren die Engagements Mittelständischer Beteiligungsgesellschaften. Im Dezember 2002 stellte die MBG Hessen (MBGH) eine stille Beteiligung in Höhe von 800.000 EUR bereit. Die MBG Thüringen engagierte sich 2004 und 2007 mit insgesamt 1 Mio. EUR, insbesondere um das Wachstum am Standort Thüringen zu finanzieren. Im Mai 2009 schließlich folgte von der MBG Schleswig-Holstein anlässlich einer Firmenübernahme eine stille Beteiligung in Höhe von 400.000 EUR. Wie lohnenswert all dies für den kontinuierlichen Aufbau des Unternehmens war, spiegelt sich in der Gesamtleistung des Konzerns wider, die im Geschäftsjahr 2009 konsolidiert 108,2 Mio. Euro betrug. Das Management sieht sich einem nachhaltigen Erfolg und ausgewogenen Wachstum verpflichtet. Das erhöhe kontinuierlich den Wert des Unternehmens und lasse die Auftragslage stetig steigen.

Fazit:
Der Schwerpunkt der MBGen liegt traditionell auf stillen Beteiligungen, einige von ihnen engagieren sich aber auch als Minderheitsgesellschafter. Insgesamt hielten die MBGen Ende 2009 ein Beteiligungsvolumen von rund 1,2 Mrd. EUR an 3.240 Unternehmen. Das war gut ein Drittel mehr als noch vor zehn Jahren.

Norbert Hofmann
redaktion@unternehmeredition.de

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