Der Reifenspezialist 4Wheels hat mit seinem neuen Mehrheitseigentümer Capcellence große Pläne.

Höhere Qualität kann auch ihre Schattenseiten haben. Wegen längerer Wartungsintervalle aufgrund besserer Fertigung werden Autos seltener in Werkstätten gebracht – für diese nicht unbedingt ein Vorteil. Aber zumindest zwei Mal im Jahr lassen sich viele Autobesitzer in den Betrieben blicken: beim Reifenwechsel. Eine Chance, die sich die Werkstätten nicht entgehen lassen sollten, meint Heinz Vogl, Gründer des Unternehmens 4Wheels Service + Logistik GmbH in Düsseldorf: „Wer seinen Kunden zwei Mal jährlich sieht, hat mindestens zwei Mal die Chance auf Zusatzumsätze.“ 4Wheels sieht sich als Spezialist rund ums Rad prädestiniert, neue Geschäftsfelder zu entwickeln. Eine zentrale Rolle spielt dabei der seit anderthalb Jahren an dem Düsseldorfer Unternehmen beteiligte Investor Capcellence Mittelstandspartner GmbH in Hamburg. Seitdem stehen die Zeichen klar auf Expansion. Mit Details halten sich die Verantwortlichen noch zurück – sie sprechen sibyllinisch von „neuen Mehrwertdienstleistungen“. Aber Helmut Wuttke, der kürzlich im Alter von 62 Jahren zum weiteren Geschäftsführer berufen wurde und von Capcellence eine Beteiligungsmöglichkeit erhielt, sieht 4Wheels in glänzender Position: „Das Rad ist der Fingerprint eines Autos.“

Ein Unternehmenskonzept für „alles unterm Auto“

Am Anfang stand die Reifen-Einlagerung – quasi in „Räderhotels“. Das wird als Aufgabe betrachtet, die Autohäuser belastet und für die sie keinen Platz haben. „Zu 80 Prozent fahren die Leute in der kalten Saison mit Winterreifen“, sagt Wuttke. Bei mehr als 40 Millionen Autos in Deutschland kommt da eine Menge zusammen. Drumherum ist inzwischen ein umfangreicher Service rund ums Rad und darüber hinaus entstanden – mit Reifen- und Felgenprüfung, Reparatur und Erneuerung, Achsvermessung, Klassifizierung, Verschrottungsvorbereitung, Verwertung von Gebrauchtteilen, Hol- und Bringdienst, bis zu Versicherungen, Begutachtungen und einer Internetplattform für die Datenerfassung und die Steuerung der Abläufe mit den Autohäusern. Für „alles unterm Auto“ fühlt man sich bei 4Wheels mittlerweile zuständig. Für bestimmte Abteilungen der Autoindustrie, etwa von BMW und Daimler, wie für große Fuhrparks übernimmt das Unternehmen das komplette Felgen- und Reifenhandling samt Integration in die internen Workflows. Für einige Hersteller werden sogar eigene Montagestationen betrieben. Solche Partnerschaften erfordern Fingerspitzengefühl, auch wegen vieler Informationen, nicht zuletzt über künftige Modelle. Da muss die Vertrauensbasis stimmen. Das ist offenbar schon deshalb der Fall, weil der Gründer ein „alter Hase“ in diesem Geschäft ist.

Gründer konnte persönliche Bürgschaften ablösen

Heinz Vogl war bereits 60 Jahre alt, als er sich 1998 in ein neues unternehmerisches Abenteuer stürzte – nach einer erfolgreichen Laufbahn als einer der großen deutschen Reifenhändler. Als sich ein Freund beim Reifenhieven in sein Cabrio einen Hexenschuss zuzog, wurden ihm die Potenziale so richtig bewusst. Eine Anfrage des Reifenherstellers Continental bestärkte ihn. Sein Sohn Robin Vogl, heute Geschäftsführer, war von Anfang an dabei. Mit Hilfe des Family-Offices „Obrosi“ der Familie Otten und der IKB haben die Familienunternehmer praktisch einen neuen Markt geschaffen. Um das Unternehmen auf der Finanzseite zukunftssicher aufzustellen, wurde schließlich eine neue Lösung gesucht. So kam Capcellence ins Spiel. Der Investor übernahm bei 4Wheels die Kapitalmehrheit von etwa 70 Prozent, Obrosi behielt 20 Prozent. „Ein Glücksgriff“, sagt Vogl über Capcellence: „Da sitzen die Entscheider am Tisch, die mein Unternehmen weiter florieren sehen wollen – und alle Zusagen wurden eingehalten.“ Mit Hilfe des Finanziers konnte er, wie er sagt, seine persönlichen Bürgschaften in signifikanter Höhe wie versprochen ablösen.

Evergreen: Langfristige Finanzierung statt Exit-Orientierung

Capcellence setzt bei 4Wheels komplett auf Eigenkapital, mit einer „Evergreen-Struktur“ – einer ausdrücklich auf längere Sicht angelegten Finanzierung im Gegensatz zur „Exit-Orientierung“ vieler anderer Private-Equity-Investoren, die oft schon zu Beginn einer Partnerschaft eine vertraglich fixierte Laufzeit anpeilen. Genannt wird eine Mindestlaufzeit der Evergreen-Struktur bis zum Jahr 2030. „Wir müssen keinen Investor wegen weiterem Kapital fragen“, sagt Sven Goik, Investment Partner bei Capcellence: „So können wir unternehmerisch agieren und eigene Entscheidungen treffen, beispielsweise 4Wheels mit erheblichem Wachstumskapital ausstatten.“ Trotz der langfristigen Ausrichtung werden zweistellige Renditen angestrebt. Von insgesamt bereit stehenden 150 Mio. EUR hat Capcellence nach eigenen Angaben etwa 100 Mio. EUR noch nicht vergeben. 4Wheels ist für die Hamburger zurzeit eines von nur zwei Engagements, neben einer Beteiligung am Hosenhersteller Gardeur. „Wir sind stark auf der Suche“, sagt Goik. Gefragt sind Unternehmen im deutschsprachigen Raum mit Umsätzen zwischen 20 Mio. und 100 Mio. EUR und positivem EBIT. Der mögliche Eigenkapitaleinsatz wird mit bis 30 Mio. EUR angegeben, aber auch höhere Volumina gelten als möglich.

Beiräte werden zu Mitgesellschaftern

Als „stark mittelstandsorientiert“ bezeichnet der 4Wheels-Beiratsvorsitzende Dr. Gerd Slotta Capcellence. Zurzeit wird an einer Fünf-Jahres-Strategie gearbeitet. Die Beiratsmitglieder bringen in wichtigen Zweigen – von Logistik bis Vertrieb – überwiegend Erfahrungen aus Großunternehmen mit, denken aber, wie Vogl bestätigt, mittelstandsorientiert – eine offenbar fruchtbare Kombination: Es wird über den Tellerrand geblickt, zudem öffnet jeder der Akteure sein eigenes Netzwerk fürs Unternehmen – und, als Mitgesellschafter, auch seine Kasse. „Jeder muss privates Geld auf den Tisch legen“, sagt Goik. „Ich will keine Abrechnung von Beraterzeit.“

Mehr als 30 weitere Niederlassungen geplant

Das Konzept trägt sichtlich Früchte. Seit der Beteiligung von Capcellence sind bereits 20 weitere Niederlassungen von 4Wheels eröffnet worden. An mehr als 70 Standorten betreut das Unternehmen inzwischen mit etwa 420 Mitarbeitern rund 1500 Autohäuser und Kfz-Werkstätten. Mehr als 100 bis 110 Niederlassungen mit dann wohl rund 600 Mitarbeitern sollen es in absehbarer Zeit werden – nur in Deutschland. Mehr als eine Million Radsätze werden im Jahr eingelagert, aber Wuttke sieht „deutliche Wachstumspotenziale“. Der Umsatz ist in den beiden vergangenen Jahren schon von rund 30 Mio. EUR auf mittlerweile offenbar deutlich mehr als 40 Mio. EUR gestiegen – alles profitabel, wie versichert wird. Ertragszahlen werden nicht genannt, doch am Erfolg auf Dauer zweifelt Goik nicht – gerade wegen der langfristigen Ausrichtung: „Das ist das goldene Nugget von Capcellence.“

Lorenz Goslich
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