Die Wittenstein SE hat 2016 den familieninternen Nachfolgeprozess abgeschlossen. Im Interview schildern Vater und Tochter die einzelnen Etappen auf diesem langen Weg und erklären, wie sie Rivalitäten innerhalb der Familie und im Unternehmen vorgebeugt haben.

Wann haben Sie zum ersten Mal ernsthaft darüber nachgedacht, das Familienunternehmen weiterzuführen?

Dr. Anna-Katharina Wittenstein: Nach dem Studium war ich schon infiziert vom Gedanken an das eigene Unternehmen, und ich habe mich entschieden, an das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung IPA in Stuttgart zu gehen. Ich wusste, dass ich Kauffrau bin, brauchte allerdings noch etwas Stallgeruch. Diesen konnte ich mir über die Promotion im technischen Bereich aneignen.

Dr. Manfred Wittenstein: Über diese Promotion – übrigens zu dem Thema „Bedarfssynchrone Leistungsverfügbarkeit in der kundenspezifischen Produktentwicklung“ – sind wir dann stärker an Themen herangerückt, die die Firma interessieren.

Nach der Promotion war für Sie beide klar, dass die Tochter ins Unternehmen einsteigt und an die Nachfolge herangeführt wird?

Dr. Anna-Katharina Wittenstein: "Für mich war es der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Aber den braucht man."
Dr. Anna-Katharina Wittenstein: „Für mich war es der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Aber den braucht man.“

Dr. Anna-Katharina Wittenstein: Zunächst war ich da noch relativ offen. Ich habe mich erstmal extern beworben und gute Bewerbungsgespräche geführt. In dieser Phase kamen aber dann schon die Emotionen zum Tragen. Ich war ja kein Berufsanfänger mehr nach fünf Jahren bei Fraunhofer. Also habe ich mich dann für den Schritt ins eigene Unternehmen entschlossen. Ich hätte mich schon sehr schwer getan, zu irgendeinem anderen Unternehmen zu gehen.

Wie sah dieser Einstieg ins Familienunternehmen aus?

Dr. Anna-Katharina Wittenstein: Ich habe erstmal – über ein Jahr verteilt – Praktika in verschiedenen Bereichen des Unternehmens gemacht. Das war eine relativ freie Stellenbeschreibung für mich. Anschließend ergab sich die Möglichkeit, an unserem Schweizer Standort fest einzusteigen. Mein Vater und ich waren uns einig, nicht in der Unternehmenszentrale anzufangen, sondern an einem anderen Standort selbständig unternehmerisch gestalten zu können.

Dr. Manfred Wittenstein: Da ging es um eine neue Produktion, die organisiert werden musste.

Wie resümieren Sie heute diese erste Aufgabe, Frau Wittenstein?

Dr. Anna-Katharina Wittenstein: Im Nachhinein war das sicherlich eine gute Wahl, weil es ein in sich geschlossenes Projekt war, also eine unternehmerische Gesamtaufgabe. Ich bekam auf diese Weise einen guten Überblick über alle Prozesse innerhalb eines Unternehmens. Für mich war es der berühmte Sprung ins kalte Wasser. Aber den braucht man, wenn es um einen Nachfolgeprozess geht, man braucht eine Herausforderung, an der man wachsen kann. Ich konnte mich austesten, lernte meine Stärken und Schwächen kennen, und konnte mir dadurch die Frage beantworten, ob ich das, etwas salopp formuliert, auf Dauer machen will. Für mich war danach klar, dass ich nicht nur Eigentümerin sein, sondern auch eine operative Führungsaufgabe übernehmen möchte.