„Nach drei Tagen hatten wir bereits 27 Mio. im Kasten“ (Ausgabe 2/2010)

Interview mit Arthur Zimmermann, Finanzvorstand, Ernst Klett AG

Das traditionsreiche Familienunternehmen Klett hat als einer der ersten Mittelständler erfolgreich bereits zwei Anleihen begeben – und zwar in Eigenregie, ohne Hilfe von Banken. Mit einer Stückelung von je 1.000 EUR spricht Klett in erster Linie Privatanleger an.

Das traditionsreiche Familienunternehmen Klett hat als einer der ersten Mittelständler erfolgreich bereits zwei Anleihen begeben – und zwar in Eigenregie, ohne Hilfe von Banken. Mit einer Stückelung von je 1.000 EUR spricht Klett in erster Linie Privatanleger an. Dem vor allem durch seine Schulbuchsparte bekannten Bildungsunternehmen ist es sogar auf dem Höhepunkt der Finanz- und Wirtschaftskrise im Frühjahr 2009 gelungen, 50 Mio. EUR einzuwerben. Im Interview spricht Finanzvorstand Arthur Zimmermann über die Erfolgsfaktoren der Unternehmensanleihe und erklärt, wie andere Mittelständler davon profitieren können.

Unternehmeredition: Herr Zimmermann, der Grundstein für die Klett Gruppe wurde im Jahr 1897 gelegt – heute ist sie nach Angaben des Buchreport nach Springer Science der „zweitgrößte Buchverlag“ in Deutschland. Welche Erfolgsfaktoren haben maßgeblich dazu beigetragen?
Zimmermann: Für mich ist die Tatsache, dass Klett ein Familienunternehmen ist, der Hauptgrund dafür, warum wir heute noch bestehen und zwei Weltkriege sowie einige gravierende Weltwirtschaftskrisen überleben konnten. An der Spitze standen immer persönlich haftende Gesellschafter, die, wenn das Geschäft mal nicht so gut verlief, das Unternehmen aus der privaten Kasse unterstützt haben. Das war gerade in Krisenzeiten essenziell. Ursprünglich aus einer Druckerei entstanden, sind wir vor dem 2. Weltkrieg ins Verlagswesen eingestiegen und wurden danach mit dem Schulbuchverlag sehr erfolgreich. Unsere Spezialisierung liegt heute im Bereich Bildung und Weiterbildung, mehr denn je ein bedeutender Zukunftsmarkt. Die Halbwertszeit des Wissens wird immer kürzer, deswegen stützen wir unser Unternehmen auf mehrere Säulen. Neben dem klassischen Schulbuchbereich engagieren wir uns unter anderem auch in der Erwachsenenbildung. Auf dieses Konzept geht unser Erfolg der letzten zwei Jahrzehnte zurück.

Unternehmeredition: Welche Auswirkungen hatte die Finanz- und Wirtschaftskrise bisher auf Ihren Geschäftsverlauf? Wie entwickelten sich Umsatz und Gewinn im Jahr 2009?
Zimmermann: Generell hat uns die Krise weniger stark getroffen als andere Branchen. So rechnen wir für 2009 mit einem leichten Umsatzwachstum, ähnlich wie in den Vorjahren. Unser Stammgeschäft in Deutschland verlief sehr stabil, ein paar Dellen gab es dagegen in Griechenland und Osteuropa, aufgrund niedrigerer Staatsausgaben für die Schulbildung. Beim Ergebnis werden wir das Vorjahr nicht ganz erreichen, bleiben aber profitabel. 2010 werden wir das Ergebnis von 2009 halten können und im Umsatz leicht wachsen. Der Staat muss natürlich sparen, aber weniger als er heute bereits für Schulbildung ausgibt, kann er nicht mehr ausgeben. Nach Angaben des Verbandes der Schulbuchverlage werden in Deutschland pro Kind pro Monat nur 4 EUR für Schulbücher ausgegeben. Davon zahlen die Eltern bereits die Hälfte.

Unternehmeredition: Wie kamen Sie im Jahr 2005 auf die Idee, eine Anleihe aufzulegen?
Zimmermann: Im Zuge unserer Übernahme der österreichischen Bundesverlagsgruppe haben wir uns intensiv mit dem Thema Anleihe beschäftigt – ein Konsortialkredit kam für uns nicht in Frage. Damals war ein Schaubild zum Rollenverständnis der Kreditinstitute in Umlauf, das besagte: Banken wollen künftig keine Kreditgeber mehr sein, sondern lediglich Geld von Anlegern einsammeln und es an Unternehmen weitergeben. Dafür wollen sie eine Vermittlungsprovision kassieren und gehen selbst kein Risiko mehr ein. Ich sagte damals: Wenn die Banken tatsächlich ihr Kerngeschäft aufgeben wollen, dann brauchen wir sie auch nicht für Verwaltungstätigkeiten, denn das können wir im Zweifel selbst. Die Antwort des Bankers: „Das geht nicht, die Vermarktung der Anleihe funktioniert nur über die Banken.“ Als wir aber erfahren haben, dass zwischen 6 und 8% der Anleihesumme an die Bank fließen, haben wir den Ehrgeiz entwickelt, das Projekt selbst in die Hand zu nehmen. Und tatsächlich: Unsere erste Anleihe in Eigenregie hat uns lediglich 1,3% des Emissionsvolumens gekostet.

Unternehmeredition: Sie haben die Anleihe weitgehend in Eigenregie begeben, bis hin zu dem Vertrieb über ein eigenes Call-Center. Hat sich der Aufwand für Sie gelohnt?
Zimmermann: Wir haben bei null angefangen und uns zunächst einen BaFin-erfahrenen Anwalt gesucht, der uns bei der Erstellung des Emissionsprospekts unterstützt hat. Dann haben wir bei uns einen Raum mit zehn Telefonen eingerichtet, fachkundige Leute aus unserem Kundenservice, der Buchhaltung etc. für das Projekt rekrutiert, sie geschult und die ersten Anzeigen in überregionalen und regionalen Tageszeitungen, Wochenzeitungen und Fachmedien geschaltet. Darauf standen nur zwei wichtige Informationen: Klett und 7%. Wir hatten am ersten Tag 400 Anrufe – sensationell. Nach nicht mal einer Woche hatten wir mehr, als wir haben wollten. Unser Ziel waren 20 Mio. EUR, nach drei Tagen hatten wir bereits 27 Mio. im Kasten und haben dann den Emissionsprospekt entsprechend auf 30 Mio. angepasst. Das war sensationell, ein Riesenerfolg.

Unternehmeredition: Im Juni 2009 haben Sie bereits ihre zweite Unternehmensanleihe begeben, mit einem Emissionsvolumen in Höhe von 50 Mio. EUR, einem jährlichen Zinssatz von 7% und einer Laufzeit von fünf Jahren. Was waren die größten Unterschiede zum ersten Mal?
Zimmermann: Als die Banken am Tiefpunkt der Finanzkrise im Februar 2009 nicht in der Lage waren, uns eine langfristige Finanzierung zu garantieren, haben wir uns entschlossen, zum zweiten Mal eine Anleihe aufzulegen. Obwohl wir ja bereits Erfahrung damit hatten, war beim zweiten Mal vieles anders. Warum? Wir wussten nicht, wie die Kleinanleger, die wir ja vorrangig adressieren, in der Wirtschaftskrise reagieren. Diesmal wollten wir 50 Mio. einsammeln und haben gleichzeitig beschlossen, unseren Altanlegern ein Umtauschangebot zu machen, das auch gut angenommen wurde. Nach zwei Wochen hatten wir die ersten 30 Mio. im Kasten – danach wurde es aufgrund dieses Umtauschangebotes für uns als Unternehmen organisatorisch sehr aufwändig und kostspielig. Dies hatte mit den Depotbanken zu tun. Dennoch war es uns wichtig, die Umtauschmöglichkeit unseren Altanlegern anzubieten.

Unternehmeredition: Auf welche Erfolgsfaktoren kommt es insbesondere an?
Zimmermann: Ein Erfolgsfaktor war sicherlich unsere bekannte Marke Klett, die uns zu einem Vertrauensbonus verholfen hat. Wir tun sehr viel, um die Marke stark und die Qualität hoch zu halten, und das führt bei den Leuten zu Vertrauen und zu der Überzeugung, dass Klett ein solides Unternehmen ist. Außerdem haben wir ein Rating von Creditreform erstellen lassen, das uns auch ein hochstabiles Geschäft bestätigte. Man braucht gute, solide Zahlen, ein Geschäft, das der Anleger versteht, und einen guten Namen mit einer guten Marke.

Unternehmeredition: Wäre das auch ein Modell für andere Unternehmen, Anleihen ohne Banken aufzulegen?
Zimmermann: Ich denke, ab einem Kapitalbedarf von 10 Mio. EUR lohnt es sich für Unternehmen auf alle Fälle, selbst eine Anleihe aufzulegen. Wir sind sogar von anderen gefragt worden, ob wir ihnen unser Call Center zur Verfügung stellen, aber haben uns bewusst dagegen entschieden, da es schließlich nicht unser Kerngeschäft ist. Bisher haben es bereits einige Unternehmen ebenfalls mit einer Anleihe in Eigenregie versucht, wir sind mit Abstand das erfolgreichste. Ich gehe aber davon aus, dass bald weitere gute Unternehmen folgen werden.

Unternehmeredition: Wie sieht Ihre weitere Finanzierungsstrategie aus?
Zimmermann:
Unsere wichtigsten Finanzierungsinstrumente sind nach wie vor die Finanzierung durch die Gesellschafter und der klassische Saisonkredit. Außerdem haben wir 1993 unseren Mitarbeitern Genussscheinkapital im Volumen von 10 Mio. EUR angeboten. Private Equity, Standard-Mezzanine oder ein Börsengang kommen für uns nicht in Frage. Das Unternehmen befindet sich zu 100% in Familienhand – das ist ein entscheidender Erfolgsfaktor. Unsere Gesellschafter stehen zur absoluten Qualitätsstrategie von Klett und wollen das auch nicht zu Lasten ggf. kurzfristig erzielbarer Gewinne aufgeben.

Unternehmeredition: Herr Zimmermann, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de

Zur Person: Arthur Zimmermann
Arthur Zimmermann ist Finanzvorstand der Ernst Klett AG. Die Klett Gruppe ist mit 60 Unternehmen an 42 Standorten in 18 Ländern vertreten. Das Angebot reicht vom klassischen Schulbuch über Fachliteratur bis zu interaktiven Lernhilfen. Darüber hinaus ist die Klett Gruppe der führende private Anbieter von Bildungs- und Weiterbildungsdienstleistungen. Die rund 2.900 Mitarbeiter erwirtschafteten im Jahr 2008 einen Umsatz von 439 Mio. EUR. www.klett-gruppe.de

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