„Entscheidend ist, offensiv mit einer Insolvenz umzugehen“ (Ausgabe 5/2009)

Interview mit Matthias Stotz und Werner Wicklein, Geschäftsführer, Uhrenfabrik Junghans GmbH und Co. KG

Der Schwarzwälder Uhrenhersteller Junghans hat eine bewegte Historie hinter sich: 1861 von Erhard Junghans in Schramberg gegründet, entwickelte sich das Unternehmen bereits 1903 zur größten Uhrenfabrik der Welt

Der Schwarzwälder Uhrenhersteller Junghans hat eine bewegte Historie hinter sich: 1861 von Erhard Junghans in Schramberg gegründet, entwickelte sich das Unternehmen bereits 1903 zur größten Uhrenfabrik der Welt. Im Jahr 2000 kam Junghans unter das Konzerndach von EganaGoldpfeil und musste nach dem Konkurs der Mutter Mitte 2008 selbst Insolvenz anmelden. Seit Jahresbeginn geht es unter den neuen Eigentümern aus dem Umfeld des Schramberger Familienunternehmens Kern-Liebers wieder aufwärts. Im Interview sprechen die Geschäftsführer der Uhrenfabrik Junghans GmbH und Co. KG, Werner Wicklein und Matthias Stotz, über die Ursachen der Insolvenz, den Verkauf an die Familienunternehmer Dr. Hans-Jochem und Hannes Steim sowie die Erfolgsfaktoren für den Erhalt des Traditionsunternehmens.

Unternehmeredition: Herr Stotz, was waren die Ursachen der Insolvenz im Sommer letzten Jahres?
Stotz:
Als EganaGoldpfeil im Jahr 2000 die Uhrensparte aus den Händen des Rüstungskonzerns Diehl übernahm – der seit den 1950er Jahren Mehrheitseigner von Junghans war -, litten wir unter einem Preis- und Imageverfall. Vor allem die schwache Nachfrage bei Funkuhren, unsere Stärke in den 90er Jahren, hatte uns schwer getroffen. Um Junghans wieder fit für die Zukunft zu machen, hat EganaGoldpfeil 2006 einen Restrukturierungsprozess eingeleitet. Im Kern stand ein Richtungswechsel weg von der Billiglinie hin zu höherwertigen Qualitätsuhren, „Klasse statt Masse“. Auch das Thema „Made in Germany“ sollte wieder stärker in den Vordergrund rücken. Mitten in der Restrukturierung wurde uns 2008 überraschend durch die Insolvenz der EganaGoldpfeil Europe (Holdings) GmbH die finanzielle Unterstützung der Konzernmutter entzogen. Deswegen mussten wir schließlich auch selbst Insolvenzantrag stellen.

Unternehmeredition: Herr Wicklein, wie gestaltete sich die Suche nach einem Käufer?
Wicklein: Wir sind mit Hilfe eines M&A-Beraters, der Perspektiv GmbH, auf Investorensuche gegangen. Aufgrund der großen Medienpräsenz nach unserer Insolvenz sind zahlreiche Interessenten auf uns zugekommen. Schließlich haben wir mit einer Auswahl von 20 potenziellen Käufern enger verhandelt. Als uns dann mitten im Veräußerungsprozess die Weltwirtschaftskrise getroffen hat, zogen sich die meisten, insbesondere Finanzinvestoren, plötzlich sehr schnell wieder zurück. Am Ende hatten wir die Auswahl zwischen einem Finanzinvestor, einem ausländischen Strategen und einem lokalen Familienunternehmer, der schließlich zum Zug kam.

Unternehmeredition: Anfang Februar wurde Junghans an Dr. Hans-Jochem Steim und seinen Sohn Hannes Steim verkauft – Angehörige des ebenfalls in Schramberg ansässigen Familienunternehmens Kern-Liebers -, das dem Uhrenhersteller bereits als Lieferant verbunden war. Was bedeutet diese Entscheidung für Sie?
Stotz: Die Übernahme durch Dr. Steim und seinen Sohn, selbst Unternehmer und Ehrenbürger der Stadt, bringt ein hohes Maß an nachhaltigem Unternehmertum mit sich. Sie hat in der Branche und in der breiten Öffentlichkeit für großes Aufsehen und Zuspruch gesorgt. Hier stehen Werte wie soziale Verantwortung, Nachhaltigkeit und der Erhalt eines Traditionsunternehmens im Vordergrund. Und das zwei Jahre vor unserem 150jährigen Jubiläum. Früher war Junghans der größte Arbeitgeber in Schramberg, heute ist es Kern-Liebers. Außerdem waren Kern-Liebers und der heute ebenfalls zur Gruppe gehörende Spiralfedernhersteller Carl Haas Zulieferer von Junghans. Die Unternehmen besitzen große Kompetenz in der Produktion von Federn, die auch in Uhrwerken zum Einsatz kommen, und sind somit ein wichtiger perspektivischer Partner für die Zukunft. Damit können wir auch unsere Fertigungstiefe am Standort Schramberg erhöhen. Eine bessere Konstellation für Junghans kann man sich gar nicht wünschen.

Unternehmeredition: Was wäre passiert, wenn die Familienunternehmer Steim Sie nicht gekauft hätten?
Wicklein:
Das Gros der möglichen Käufer war lediglich an der Marke interessiert. Das hätte zwar mehr Geld gebracht, aber dann wäre der Standort Schramberg nicht erhalten geblieben. Bei der Entscheidung kam es besonders auf den Insolvenzverwalter an, für den eine nachhaltige Lösung und der Erhalt der Arbeitsplätze in Schramberg wichtig waren.

Unternehmeredition: Wie wichtig war die Rolle des Insolvenzverwalters für den Fortbestand des Unternehmens?
Wicklein:
Glücklicherweise hatte uns das Amtsgericht mit Dr. Georg Bernsau einen kompetenten und erfahrenen Insolvenzverwalter zugewiesen. Er war selbst stark an der Fortführung des Unternehmens interessiert. Hätten wir einen „Liquidator“ bekommen, wäre das ganz anders verlaufen. Entscheidend ist, offensiv mit einer Insolvenz umzugehen und konstruktiv mit dem Insolvenzverwalter zusammenzuarbeiten. Sobald er merkt, dass die Geschäftsführer ihr Handwerk verstehen, ihren Laden im Griff haben und die geforderten Informationen auf Abruf liefern, steht einer guten Zusammenarbeit nichts mehr im Weg.
Stotz: Anders ist es, wenn ein Unternehmen aufgrund von Strukturschwäche oder mangelndem Know-how insolvent wird. Wir waren bereits mitten in einem Restrukturierungsprozess, als uns das Aus von EganaGoldpfeil traf. Das heißt, wir hatten unsere Organisation neu strukturiert, das Controlling und die IT gut aufgestellt. Der Insolvenzverwalter hat gesehen, dass das Schiff gut in Schuss ist und wir sofort in See stechen können. Deswegen sind wir als Geschäftsführer über die Krise hinaus auch unter dem neuen Eigentümer mit an Bord, was nicht selbstverständlich ist. Die Arbeit lief normal weiter, es gab auch keinen Investitionsstau.

Unternehmeredition:
Was waren die entscheidenden Erfolgsfaktoren für den Erhalt des Traditionsunternehmens?
Stotz:
Natürlich gehört auch eine Portion Glück dazu. Positiv augewirkt haben sich die Bekanntheit der Marke, das Vertrauen in die eigenen Stärken, das schonungslose Offenlegen der Schwächen und die konstruktive Zusammenarbeit mit dem Insolvenzverwalter. Unser gemeinsames Ziel war die Rettung des Unternehmens. Das geht nur mit einer offensiven Strategie. Die große Berichterstattungswelle in den Medien, durch die wir über 10 Mio. Menschen erreicht haben, hat uns sehr geholfen und war unbezahlbar. Dafür mussten wir aber auch viel Zeit in offene, persönliche Gespräche mit Journalisten aus Presse, Funk und Fernsehen investieren.

Unternehmeredition: Wie ist Ihr aktueller Stand? Wo besteht noch Nachholbedarf?
Wicklein: Trotz Wirtschaftskrise haben wir derzeit im deutschen Uhrenfachhandel sehr gute Zuwachsraten und konnten seit Jahresbeginn über 50 neue Handelspartner gewinnen. Bei der Kollektion „Max Bill“, die seit den 1950er Jahren bei Junghans für Bauhaus Design steht, haben wir derzeit erhebliche Steigerungen und stoßen bereits an Kapazitätsgrenzen. Natürlich mussten wir auch zentrale Aufgaben, die unsere frühere Mutter übernommen hatte, nun selbst aufbauen, vom Debitorenmanagement über die Logistik bis hin zu IT-Funktionen. National sind wir derzeit mit der Entwicklung zufrieden, international müssen wir noch etwas tun. Aber das ist kein Nachteil, da wir so nicht wie andere von den gegenwärtig teils enormen Einbrüchen in wichtigen Auslandsmärkten wie etwa den USA und Russland betroffen sind. Außerdem sind wir dabei, neue Produkte zu entwickeln und wollen insbesondere im Damenbereich die Kollektion weiter ausbauen. Im Hochpreissegment wollen wir uns auch zur Uhrmanufaktur weiterentwi
ckeln. Wir haben mit der Schramberger Identität und „Made in Germany“ den Zeitgeist getroffen und merken, dass es vorwärts geht.

Unternehmeredition: Herr Stotz, Herr Wicklein, vielen Dank für das Gespräch!

Das Interview führte Markus Hofelich.
markus.hofelich@unternehmeredition.de

Zu den Personen: Werner Wicklein und Matthias Stotz
Werner Wicklein und Matthias Stotz sind Geschäftsführer der Uhrenfabrik Junghans GmbH & Co. KG. Das 1861 gegründete Unternehmen beschäftigte in Spitzenzeiten 6.000 Mitarbeiter und produzierte jährlich bis zu 9 Mio. Uhren. Dieses Jahr werden 90 Mitarbeiter am Standort Schramberg voraussichtlich 35.000 Uhren im höherwertigen Bereich fertigen.
www.junghans.de

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