„Auf die schnelle Umsetzung kommt es an!“ (Ausgabe 3/2010)

Interview mit Derek Whitworth, President und CEO der TMD Friction Group

TMD Friction gehört zu den weltweit größten Herstellern von Bremsbelägen für die Automobil- und Bremsenindustrie und beliefert fast alle großen Autohersteller. Neben dem Erstausrüstungsgeschäft ist auch das Ersatzteilgeschäft ein wichtiges Standbein.

TMD Friction gehört zu den weltweit größten Herstellern von Bremsbelägen für die Automobil- und Bremsenindustrie und beliefert fast alle großen Autohersteller. Neben dem Erstausrüstungsgeschäft ist auch das Ersatzteilgeschäft ein wichtiges Standbein. Ende 2008 geriet das Unternehmen mit Hauptsitz in Leverkusen in die Insolvenz und wurde dann im Frühjahr 2009 von der Beteiligungsgesellschaft Pamplona Capital Management übernommen. Im Interview spricht Vorstand Derek Whitworth über die Krise und die Maßnahmen zu ihrer Überwindung.

Unternehmeredition: Herr Whitworth, was waren die Hauptgründe für die Krise des Unternehmens?
Whitworth: Der weltweite Umsatzeinbruch in der Automobilindustrie Ende 2008, aber ebenso auch die Finanzierung von TMD Friction. Mit der Zeit hatte sich eine ungünstige Gesellschafterstruktur mit mehr als 20 größeren Anteilseignern entwickelt, dazu eine hohe Verschuldung, die ungefähr das zehnfache EBITDA ausmachte. Zum Vergleich: Heute beträgt die Nettoverschuldung nur noch das Zweifache des EBITDA. Der Kapitaldienst wurde im Zuge der globalen Finanzkrise in der zweiten Jahreshälfte 2008 immer schwieriger. Mit dem Umsatzeinbruch im 4. Quartal kamen dann Liquiditätsprobleme.

Unternehmeredition: Wie reagierten die Banken und andere Geldgeber in dieser Zeit?
Whitworth: Die Verhandlungen mit Kreditgebern und -versicherungen wurden zur echten Herausforderung für viele Firmen in der Automobilbranche. Wir konnten nicht mit allzu viel Unterstützung rechnen, insbesondere die Kreditversicherungen zogen sich zurück. Kreditlinien der Banken wurden nicht erhöht, Investoren verweigerten ebenfalls frisches Kapital.

Unternehmeredition: Wann kamen Sie zu TMD Friction?
Whitworth: Ich trat im August 2005 als President und CEO in die Gruppe ein. Von Beginn an war es eine Restrukturierungsaufgabe. Die schon aus dem Jahr 2003 herrührenden operativen und finanziellen Probleme gingen wir mit der Restrukturierungs-Initiative „Speed“ an. 2008 vor Ausbruch der Krise dachten wir, den operativen Turnaround geschafft zu haben. Das Kerngeschäft war gesund, und so traf uns die Krise mit der dann folgenden Insolvenz aus heiterem Himmel.

Unternehmeredition: Welches waren die wichtigsten Schritte zur Überwindung der Krise?
Whitworth: Bis 2008 hatten wir erfolgreich das Speed-Programm umgesetzt. Dies war entscheidend dafür, dass wir 2009 relativ schnell die Kurve nach oben kriegten. Zu den wichtigsten Maßnahmen gehörten Kostensenkungen, eine Verringerung der Lagerbestände, eine Änderung des Schichtmodells sowie Kurzarbeit und der Verzicht auf Leiharbeiter. Wir sahen das Insolvenzverfahren als Chance. Das Management und der Insolvenzverwalter mit seinem Team arbeiteten Seite an Seite. Rein „technisch“ gesehen waren es „nur“ die deutschen Holdingfirmen, die am 8. Dezember 2008 Insolvenz anmelden mussten. Für den Fortführungsplan war es wichtig, die Gruppe als Einheit zu betrachten. Es war erklärtes Ziel, einen finanziellen oder strategischen Langzeitpartner zu finden, der die Gruppe als Ganzes kaufen wollte. Denn nur dann konnten wir wettbewerbsfähig sein. Es war ein großer Erfolg, dass wir Werksschließungen in Deutschland vermeiden und 85% der weltweiten Belegschaft halten konnten.

Unternehmeredition: Und die finanziellen Maßnahmen?
Whitworth: Im Insolvenzverfahren konnten wir die Verbindlichkeiten in den Verhandlungen mit den Gläubigern um gut 400 Mio. EUR reduzieren. Danach war das Unternehmen frei von externen Schulden.

Unternehmeredition: Haben Sie sich externe Berater geholt?
Whitworth: Close Brothers fungierte als Berater in finanzieller Hinsicht. Zudem waren wir froh, in Dr. Frank Kebekus einen erfahrenen Insolvenzverwalter zu haben, der uns mit seinem Team bei der Weiterführung des Betriebs sehr gut unterstützte. Kern war allerdings unsere interne Restrukturierungsexpertise.

Unternehmeredition: Wann dachten Sie: Jetzt haben wir das Schlimmste hinter uns?
Whitworth: Die Erleichterung kam am 23. April 2009, dem Tag der Vertragsunterzeichnung mit dem Investor Pamplona Capital Management. Mehrere Interessenten hatten eine Due Diligence durchgeführt – potenzielle Käufer mit unterschiedlichen Plänen, für uns eine schwierige Zeit. Nach der Eröffnung des offiziellen Insolvenzverfahrens am 2. März war es dann mit der Entscheidung für den neuen Eigentümer allerdings recht schnell gegangen.

Unternehmeredition: Was war letztlich entscheidend für den positiven Ausgang?
Whitworth: Unsere gute Technologie und Marktposition als einer der führenden Hersteller, insbesondere in Europa, war sicher mitentscheidend. Wir hielten unsere Liefertreue sowie Qualitäts- und Servicestandards auch während der Krise ein. Durch das vorherige Restrukturierungsprogramm waren wir operativ weniger anfällig als in rein finanzieller Hinsicht. Zudem haben wir eine gute Stellung im Ersatzteilgeschäft, so dass wir nicht so abhängig vom Erstgeschäft mit Neuwagen waren.

Unternehmeredition: Was sind allgemein – aus Ihrer Sicht – entscheidende Erfolgsfaktoren in einer Insolvenz?
Whitworth: Sie müssen als Manager ein Konzept haben und nach vorne schauen. Und Sie brauchen Vertrauen, dass Sie die Krise meistern können. Alleine allerdings schafft man es nicht, deshalb brauchen Sie das Vertrauen des gesamten Managementteams und natürlich die Unterstützung der Belegschaft für alle Maßnahmen. Und auf die schnelle Umsetzung kommt es an!

Unternehmeredition: Wie steht TMD Friction heute da?
Whitworth: Finanziell sind wir gesund und robust. Der Markt für Bremsbeläge und verwandte Produkte wächst weltweit, und aufgrund unserer bilanziellen Stärke können wir investieren, um die sich bietenden Wachstumschancen wahrzunehmen. Wenn wir nicht investieren, verlieren wir Marktanteile. Starkes Wachstum erwarten wir besonders in China, Nordamerika und Brasilien. Umsatzmäßig rechnen wir im laufenden Geschäftsjahr mit einer Rückkehr zu dem Niveau von 2008. Damals erreichten wir 639 Mio. EUR, bevor sich die Erlöse dann im Krisenjahr 2009 auf 530 Mio. Euro verringerten.

Unternehmeredition: Herr Whitworth, vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Bernd Frank.
redaktion@unternehmeredition.de

Zur Person: Derek Whitworth
Derek Whitworth (info@tmdfriction.com) ist seit 2005 President und CEO bei TMD Friction. Die Gruppe mit ihren rund 4.000 Mitarbeitern hat Produktions-, Vertriebs- und/oder Entwicklungsstätten in zwölf Ländern. Der gebürtige Engländer Whitworth startete seine Laufbahn in der Autoindustrie bei Rolls Royce und war danach von 1996 bis 2003 für den globalen Autozulieferer TRW tätig. Danach bis 2005 folgte eine Station bei Pall, einem Industriemischkonzern, wo Whitworth für ein Restrukturierungsprogramm in der Prozesstechnologie verantwortlich war. www.tmdfriction.com

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