Harald Preißler

Die Weltwirtschaft hat monatelang nur einen Weg gekannt: nach oben. Viele Stimmungsindikatoren erreichten mehrjährige Höchststände. Mit der guten Konjunktur kletterten die Aktienindizes mit den üblichen Schwankungen neuen historischen Rekordmarken entgegen. Die teilweise extrem hohen Bewertungen lassen jedoch immer mehr prominente Marktteilnehmer vor einem Crash warnen. Ist diese Sorge berechtigt?

Tatsächlich ist mit schon bald mit tauchenden Aktienmärkten zu rechnen. Allerdings hat das mit den hohen Bewertungen nur wenig zu tun. Der wichtigsten Kapitalmarktregel entsprechend haben sich die Aktienkurse in den vergangenen Jahrzehnten stets im Einklang mit der konjunkturellen Entwicklung bewegt: Bei solidem Wirtschaftswachstum werden bereits teure Aktienmärkte oft noch teurer, während in konjunkturellen Abschwungphasen billige Aktienmärkte noch billiger werden. Sorgen muss auch die weniger expansive Geldpolitik der Notenbanken nicht machen. Schließlich bleibt die Geldpolitik dennoch expansiv. Viel wichtiger ist aus unserer Sicht auch in den nächsten Monaten die Entwicklung der Konjunktur.

Die Konjunktur kühlt ab – die Aktienmärkte folgen ihr 

Bereits seit geraumer Zeit lassen unsere weit in die Zukunft blickenden Frühindikatoren eine Abschwächung der wirtschaftlichen Dynamik im 2. Halbjahr erkennen. Diese Abkühlung ist sowohl in der Eurozone als auch in China zu erwarten, weil in beiden Regionen jene Faktoren nachlassen, die der Konjunktur neuen Schub verleihen könnten. Die Finanzierungskonditionen als ausgezeichneter Frühindikator für die künftige Investitionstätigkeit der Unternehmen macht dies deutlich. Dort zeigen sich vermehrt Bremsspuren. In China wirken sich dabei die kräftig gestiegenen Zinsen sowie das schwächere Wachstum der Geldmenge negativ aus. In der Eurozone ist es neben dem Geldumlauf die Aufwertungstendenz des Euros, die den Ausblick zunehmend trübt. Wir rechnen im 2. Halbjahr zwar nicht mit einer Rezession, aber mit einer deutlichen Abkühlung. Dank der nach wie vor solide wachsenden US-Wirtschaft bleibt es bei einer moderaten Wachstumsabschwächung. Trotz Donald Trumps unberechenbarer Politik dürfte die Wirtschaft der USA in den nächsten Monaten sogar noch etwas stärker wachsen als seit Jahresbeginn. Eine gute Nachricht für Unternehmen mit starkem Absatz in dieser Region.

Kursrückgang, aber kein Crash

Anleger müssen in den nächsten Monaten dennoch aufmerksam sein – zumindest mit Blick auf die Eurozone und China. Spätestens nach der Sommerpause ist wegen der sich abschwächenden  Wachstumsdynamik an den Aktienmärkten mit einem Kursrückgang von 10 bis 15 Prozent zu rechnen. Für einen Crash dürfte der konjunkturelle Durchhänger aber nicht reichen. In diesem Umfeld würden hochqualitative Staatsanleihen wieder als sichere Häfen dienen. Deutsche Bundesanleihen dürften deshalb mit kräftigen Kursgewinnen zu den Gewinnern des 2. Halbjahres zählen. Wenn neben der EZB zusätzlich normale Investoren verstärkt Bundesanleihen nachfragen, sollten die Renditen deutlich sinken. Selbst eine Rückkehr unter die Nulllinie – und sogar das Erreichen neuer historischer Tiefststände unterhalb von -0,20 Prozent – ist dann möglich.

Dr. Harald Preißler ist Chefsvolkswirt bei der Bantleon Bank AG,  einem Spezialisten für institutionelle Investments mit dem Fokus auf Kapitalerhalt. Er leitet außerdem das Anlagenmanagement.