Einen Gang zurückgeschaltet (Ausgabe 6/2009)

Viele Unternehmen haben ihre Internationalisierungsstrategien auf Eis gelegtDie Finanz- und Wirtschaftskrise hat bei vielen Unternehmen die internationale Expansion gebremst. Der deutsche Mittelstand hat sich zunächst einmal auf den Kern seines Geschäfts besonnen, um mit den bisherigen Standorten einigermaßen gut durch die Krise zu kommen.

Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat bei vielen Unternehmen die internationale Expansion gebremst. Der deutsche Mittelstand hat sich zunächst einmal auf den Kern seines Geschäfts besonnen, um mit den bisherigen Standorten einigermaßen gut durch die Krise zu kommen. Erweiterungspläne in Richtung Ausland sind teilweise vorübergehend „auf Eis gelegt“. Allerdings machen die Erholung insbesondere in einigen großen Schwellenländern und der Aufschwung im Export Hoffnung, dass der langfristige Trend in Richtung Internationalisierung 2010 wieder aufgenommen wird.

Stimmung im Mittelstand bessert sich
Der deutsche Außenhandel beginnt sich langsam zu erholen. „Schritt für Schritt“ gehe es aufwärts, erklärte kürzlich der Deutsche Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Überhaupt hat sich die Stimmung im deutschen Mittelstand zuletzt etwas verbessert, wie das Mittelstandsbarometer der KfW-Bankengruppe und des Münchner Ifo-Instituts signalisiert. Dies reicht aber nicht aus, um die Strategien der Unternehmen wieder generell auf Expansion auszurichten. Die schwierigen Finanzierungsbedingungen sowie die noch deutlich unter Vorkrisen-Niveau befindliche Nachfrage auf wichtigen Absatzmärkten mahnen Unternehmer zur Vorsicht. Neue Märkte zu erschließen, neue Produktionsstätten aufzubauen oder Kooperationen in fremden Ländern einzugehen – dazu sehen sich viele Unternehmen derzeit noch nicht wieder in der Lage.

Besinnung auf das Kerngeschäft
„Es ist ganz offensichtlich, dass bei dem schwierigen Marktumfeld die internationalen Bestrebungen derzeit hintenan stehen“, sagt Peter Englisch, Mittelstandsexperte bei der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young. „Die Umsatzrückgänge haben viele Unternehmen auf die Bremse treten lassen, für Investitionen wird insgesamt weniger Geld ausgegeben.“ Besinnung auf das Kerngeschäft laute das Motto dieser Tage, auch wenn es hier und da schon wieder erste Signale zu mehr Investitionsbereitschaft gebe. Etwas stärker als anderswo leidet unter der Krise nach Einschätzung Englischs derzeit das Engagement in den USA. Insbesondere die stark gestiegene Arbeitslosigkeit in Verbindung mit der hohen privaten Verschuldung könnten dort mittel- und langfristig die Absatzperspektiven in konsumnahen Bereichen verdüstern. Auch Osteuropa – mit Ausnahme Polens – sei in der Hierarchie für künftige Internationalisierungsbemühungen deutscher Unternehmen zurückgestuft worden. Die Staaten sind teilweise hoch verschuldet. Länder, die bis 2008 überdurchschnittlich vom Aufschwung profitiert haben, sind nun auch überdurchschnittlich von der Krise betroffen – wie beispielsweise die baltischen Staaten und natürlich Russland. Und für eine bessere Perspektive in den nächsten zwei, drei Jahren aus Sicht expansionswilliger deutscher Firmen fehlen in Osteuropa vielfach noch gewachsene und krisenerprobte Wirtschaftsstrukturen.

Viele Expansionspläne „on hold“
Eine allgemeine „Reduzierung auf das Notwendige“ im deutschen Mittelstand sieht zurzeit auch Alexander Lau, Außenwirtschaftsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). In den besonders von Umsatzeinbrüchen gebeutelten Branchen Automobil und Autozulieferer, Chemie, Maschinen- und Anlagenbau sei die Zurückhaltung am stärksten zu spüren. Lau sieht aber ebenso wie andere Beobachter keinen generellen Rückzug aus dem Ausland. Es seien lediglich viele Pläne „on hold“ gestellt worden. „Viele Firmen stellen sich nun flexibler auf, das heißt sie legen sich nicht so klar fest mit kostspieligen Investitionen in eigene Produktions- oder Vertriebskapazitäten. Sie warten ab oder schauen sich sorgfältig nach einem geeigneten Kooperationspartner im jeweiligen Land bzw. in der Region um“, erläutert Lau. Bei kontrollierbarem Risiko bleiben sie so auf den Märkten präsent und halten sich alle Handlungsoptionen offen.

Mittelstand gut gerüstet
„Verlässliche Partner jetzt in der Krise zu finden, ist eine Herausforderung, bei der auch wir – die IHKs und die Auslandshandelskammern (AHKs) – helfen und beraten“, erklärt Lau. Viel hängt natürlich in den kommenden acht bis zehn Monaten davon ab, ob die derzeitige Konjunkturerholung in vielen Ländern nachhaltig ist oder nur ein Strohfeuer. Jedenfalls sind nach Einschätzung des DIHK deutsche Mittelständler gut dafür gerüstet, auch eine längere Durststrecke in ihren Auslandsengagements zu überbrücken. Dabei kommen ihnen die Erfahrungen einer langen Exporttradition und der internationalen Aktivitäten zugute. Auf der breiten Präsenz in internationalen Märkten lässt sich aufbauen.

Indien und Brasilien mittelfristig top
Eine im Sommer 2009 durchgeführte und im Oktober veröffentlichte IHK-Unternehmensumfrage mit dem Titel „Going International – Erfahrungen und Perspektiven der deutschen Wirtschaft im Auslandsgeschäft“ brachte interessante Ergebnisse. So wird die gegenwärtige Geschäftssituation in Ländern wie der Schweiz, Österreich, Belgien, Holland und Luxemburg als eher befriedigend beurteilt, mit Einschränkung auch in Frankreich, Dänemark und China. Bei der Frage nach der erwarteten Geschäftsentwicklung in den nächsten fünf Jahren stehen aber ganz andere Länder auf den Spitzenplätzen. Hier führen Indien und Brasilien das Feld an, vor China und Saudi-Arabien. Unter den Schlusslichtern bei der Einschätzung der mittelfristigen Perspektiven finden sich dagegen etliche osteuropäische Staaten wie Ungarn, Estland, Lettland, Rumänien und die Ukraine, daneben noch Irland und Portugal.

Gefahr des Protektionismus
Es bleibt abzuwarten, wie die einzelnen Länder und Regionen nach dem Auslaufen der vielen Konjunkturprogramme dastehen werden. Daneben treibt eine andere Sorge Unternehmen und DIHK um: Es ist derzeit noch völlig ungewiss, wie sehr sich als Folge der Krise protektionistische Tendenzen durchsetzen werden – zum Beispiel über die Bevorzugung nationaler Unternehmen und Branchen bei Ausschreibungen im Infrastruktur- und Beschaffungssektor. Klare Bremswirkung bei den Internationalisierungsstrategien deutscher Unternehmen hat auf jeden Fall die aktuelle Finanzierungssituation. Der DIHK-Umfrage zufolge klagen zwei Drittel der Firmen über Finanzierungsprobleme der Geschäftspartner. Über eigene Schwierigkeiten bei der Finanzierung im In- und Ausland klagen zwei von fünf Unternehmen. „Insbesondere im Neugeschäft und in schwierigen Märkten wie Osteuropa macht die Absicherung der Finanzierung durch Kreditversicherer Probleme“, sagt Lau. „Kleine Unternehmen kommen besonders schwer an Exportgarantien heran.“

Kampf gegen Produktpiraten
Am ehesten werden Expansionsstrategien in den Ländern wieder aufgenommen, die nun am schnellsten auf den Wachstumspfad zurückgefunden haben und mittelfristig aussichtsreiche Perspektiven bieten, wie Indien und China sowie Brasilien. Roland Schwientek, Partner bei der Strategieberatung Roland Berger, sieht in Asien eine leichte Verschiebung der Prioritäten in Richtung Indien – ähnlich wie der Trend vor fünf, sechs Jahren in Richtung China ging. Autozulieferer werden vom Autohersteller Tata angezogen, außerdem bieten die Pharma-/Generika-Branche sowie die Textilindustrie Anreize für Investitionen. In China gebe es aber immerhin im Problemfeld Produktpiraterie eine Besserungstendenz. „Die Gesetzeslage hat sich für Produktpiraten dramatisch verschärft, es gibt eine klare politische Tendenz zu mehr Wettbewerbsschutz.“

Hoffnung für 2010
Allgemein seien die Vertriebsaktivitäten von der Krise weniger betroffen als die Produktion, sagt Schwientek. „Beispielsweise in Asien haben Mittelständler oft Überkapazitäten in ihrer Produktion – Expansion ist da momentan nicht angesagt.“ Ähnlich wie DIHK-Experte Lau sieht er derzeit eine stärkere Tendenz zum „Partnering“ anstelle einer teuren Eigeninvestition. Sollte sich die derzeitige weltwirtschaftliche Erholung nicht als Strohfeuer entpuppen, so ist für 2010 mit einer Auflösung des internationalen Expansionsstaus zu rechnen. „Insbesondere die Unternehmen, die gestärkt aus der Krise hervorgehen, werden sich wieder auf ihre Investitionsvorhaben besinnen“, sagt Mittelstandsexperte Englisch. „Wer schnell agiert, wird deutlich profitieren – schließlich werden die Marktanteile neu sortiert.“

Nicht nur Kostenvorteile suchen
Es geht also um offensives Agieren, nicht nur um reine Kostenvorteile. „Unternehmen, die nur den Kostenaspekt im Auge haben, fallen am ehesten auf die Nase“, sagt Prof. Henning Klodt vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel. Das IfW Kiel hat in langjährigen Beobachtungen festgestellt, dass erfolgreiche Unternehmen nicht einfach nur die Produktion verlagern. Klodt: „Unternehmen, die im Ausland investieren und Erfolg haben, sind auch im Inland erfolgreich – und umgekehrt. Es geht darum, etwas besser zu können als andere. Nur als Flucht vor den hohen Lohnkosten ins Ausland zu gehen, geht meistens schief.“ Ganz teuer werde es, wenn die Produktion zuerst verlagert wird und – mangels Erfolg – später wieder ins Inland zurückverlagert werden muss.

Zukunftstechnologien gefragt
Hauptmotive moderner Expansion sind die Verbesserung der Lieferkette – der Supply Chain – und insbesondere die Erschließung neuer Märkte. Aussichtsreiche Branchen für eine Expansion deutscher Unternehmen in andere Märkte sind erneuerbare Energien und Umwelttechnologien. Vor dem Hintergrund der Themen Klimawandel, Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung setzen sich entsprechende Zukunftstechnologien immer stärker durch – das sind Schlüsselbereiche innovativer deutscher Firmen auch im Ausland. Große Märkte wie China und die Vereinigten Staaten bieten hier gute Chancen. Hoffnungsträger in den USA für eine umweltfreundlicher orientierte Politik ist nicht zuletzt Präsident Barack Obama.

Ausblick:
2010 wird ein entscheidendes Jahr. Erstens wird sich erweisen müssen, ob der beginnende Aufschwung nachhaltig sein wird. Zweitens müssen Unternehmen auf den für sie wichtigen Märkten schauen, dass sie ihre Marktanteile halten oder sogar neue hinzugewinnen. Wer dann finanziell gut gerüstet ist und schnell agiert, ist klar im Vorteil.

Bernd Frank
redaktion@unternehmeredition.de