Ausgabe „Internationalisierung – Chancen in Asien & Osteuropa“ der Unternehmeredition (Ausgabe 4/2007)

Herausforderung Globalisierung
Chancen in Asien, Mittel- und Osteuropa
Die Globalisierung drängt deutsche Unternehmen in immer mehr Länder: sei es um günstige Produktionsstätten aufzubauen oder um lukrative Absatzmärkte zu erschließen. Zu den derzeit vielversprechendsten Auslandsmärkten zählen Osteuropa und Asien.
Die Globalisierung drängt deutsche Unternehmen in immer mehr Länder: sei es um günstige Produktionsstätten aufzubauen oder um lukrative Absatzmärkte zu erschließen. Zu den derzeit vielversprechendsten Auslandsmärkten zählen Osteuropa und Asien. Die Vorteile Ost- und Mitteleuropas liegen in der geographischen Nähe zu Deutschland, einer größeren kulturellen Verwandtschaft und relativ gut qualifizierten Arbeitskräften. Demgegenüber stehen die asiatischen Giganten China und Indien, die bereits heute ein Drittel der Weltbevölkerung umfassen. Auch rohstoffreiche Schwellenländer in Zentralasien locken zunehmend internationale Firmen an.
Mittel- und Osteuropa: Absatzmärkte im Vordergrund
Bereits relativ gut erschlossen sind die ehemaligen Ostblockstaaten, die seit 2004 Mitglieder der Europäischen Union sind: Estland, Lettland, Litauen, Polen, die Slowakei, Slowenien, Tschechien und Ungarn. Dieses Jahr folgten Bulgarien und Rumänien. Längst vergessen sind die alten kommunistischen Strukturen, die im Zuge der Transformationsprozesse durch modernere Systeme abgelöst wurden. Ein riesiger Nachholbedarf an Gütern und Dienstleistungen, günstige Arbeitskräfte und hohe Wachstumsraten hatten zahlreiche deutsche Firmen bereits vor dem EU-Beitritt angelockt. „Heute überwiegt das Motiv der Markterschließung, wenn deutsche Firmen nach Mittel- und Osteuropa gehen. Die meisten Unternehmen, für die eigene Produktionsstätten vor Ort Sinn machen, sind bereits dort vertreten“, sagt Reiner Perau, Referatsleiter GUS und Südosteuropa des DIHK. Schließlich werden diese Länder mit steigendem Wirtschaftswachstum als Absatzmärkte immer attraktiver. Die Staaten mit dem höchsten Bruttosozialprodukt pro Kopf sind: Slowenien, gefolgt von Tschechien und Estland, die Schlusslichter bilden Rumänien und Bulgarien.
Kulturell äußerst inhomogene Region
Die EU-Länder aus dem Kreis ehemaliger Ostblock-Staaten sind allerdings untereinander kulturell äußerst inhomogen. Da gibt es einerseits die Gruppe der Slawen (Polen, Tschechen, Slowaken, Bulgaren), andererseits Ungarn, das wie Finnland Teil der finno-ugrischen Sprachfamilie ist, und Rumänien, das als einziges dieser Länder eine romanische Sprache besitzt. Schon immer sehr westlich orientiert war das Baltikum mit Lettland, Litauen und Estland, das mit jährlichen Wachstumsraten von 10-12 % heute zu den dynamischsten Märkten der Region zählt. „Tallin und Riga haben mehr mit Lübeck gemeinsam als mit Warschau“, macht DIHK-Experte Reiner Perau die Unterschiede deutlich.
Tschechien und die Slowakei
Am stärksten ausgeprägt sind die deutschen Auslandsaktivitäten in der Tschechischen Republik, die als das am weitesten entwickelte Land der EU-Beitrittsländer aus dem ehemaligen Ostblock gilt. In dem direkt an Westdeutschland angrenzenden Staat waren deutsche Firmen schon relativ früh nach der Wende Anfang der 1990er Jahre aktiv. Tschechien verfügt über gut ausgebildete Arbeitskräfte, eine große Ingenieurs- und Industrie-Tradition, die wichtigste Branche ist die Automobilindustrie. Einen Wachstumskern bildet die VW-Tochter Skoda, die für den Zuzug zahlreicher Automobilzulieferer nach Tschechien sorgte. Ähnliches gilt für die Slowakei, die 1992/1993 aus der Teilung der Tschechoslowakei hervorgegangen war und sich etwas später wirtschaftlich entfaltet hat.
Rumänien – das China Europas
Rumänien, das seit 2007 zur EU gehört, galt einige Zeit als China Europas. Zum einen ist es mit rund 22 Mio. Einwohnern das größte Land in der Region nach der Türkei und Polen, zum anderen weist es im Vergleich zu anderen mitteleuropäischen Staaten äußerst niedrige Stundenlöhne auf. Die industriellen Investitionen konzentrierten sich besonders westlich von Bukarest hinter dem Karpatenbogen. Hergestellt werden in Rumänien vor allem Computer, Unterhaltungselektronik, ferner auch Fahrzeuge, Schiffe, chemische Produkte und Textilien, Schuhe oder Lebensmittel.
Lohnzuwächse und Arbeitskräftemangel
Mit wachsendem Erfolg Mittel- und Osteuropas beginnt sich eines der großen Standortvorteile, die günstigen Lohnkosten, langsam abzuschwächen. „Die Arbeitskosten steigen seit einigen Jahren kräftig an und zwar schneller als erwartet“, erklärt Reiner Perau vom DIHK. So konnten die Gewerkschaften etwa bei Volkswagen in der Slowakei dieses Jahr eine Lohnsteigerung von 25% durchsetzen. Außerdem führt die fortschreitende Ansiedlung neuer Firmen aus dem Ausland zu einem Engpass an qualifizierten Arbeitskräften. Die Unternehmer werben sich gegenseitig die Mitarbeiter ab. Mögliche Lösungen: in Ausbildung investieren, Mitarbeiterbindungsprogramme einführen oder in die nächsten aufstrebenden Staaten weiterziehen. Oliver Wieck, Geschäftsführer des Ost-Ausschusses der Deutschen Wirtschaft, kann dem auch Positives abgewinnen: „Steigende Löhne führen nicht zwangsläufig zu einem Rückzug der Investoren. Wir wollen ja, dass der Wohlstand auf breiter Basis steigt. So kann man dort auch höhere Preise verlangen“, so Wieck.
Potenziale außerhalb der EU: Osteuropa und Zentralasien
Nun richtet sich der Blick deutscher Unternehmer immer mehr jenseits der EU weiter gen Osten: in Richtung ehemaliger Mitgliedstaaten der Sowjetunion in Osteuropa und Zentralasien, die Anfang der 1990er Jahre unabhängig wurden, vielfach aufgrund ihrer Erdöl oder Gasreserven stark gewachsen sind und nun großes Potenzial versprechen. Dazu zählen Russland, Kasachstan und Aserbaidschan. Die Ukraine verfügt zwar nicht über Erdöl, ist aber nach Russland das flächenmäßig größte Land Europas und besitzt mit 47 Mio. Einwohnern direkt an den EU-Grenzen einen attraktiven Markt. In diesen Staaten begibt man sich jedoch auf ein rechtlich sehr heikles Terrain: undurchsichtige Gesetzgebung und Rechtssprechung, widersprüchliche Vorschriften, Bürokratie und langwierige Genehmigungsverfahren. Deswegen setzen deutsche Unternehmen heute noch in erster Linie auf Export in diese Länder. Die drei größten Branchen, die dennoch vor Ort investieren, sind Handel, Hersteller von Baumaterialien und Nahrungsmittelproduzenten. „Ich habe den Eindruck, dass die Politik in diesen Staaten ein zunehmendes Interesse daran hat, die Hürden für ausländische Investoren abzubauen“, sagt Oliver Wieck.
Wirtschafts- und Weltmacht Russland
Ganz vorne steht Russland, das als größter Staat der Erde und mit 142 Mio. Einwohnern über einen potenziell riesigen Markt verfügt. Vor allem die gigantischen Erdöl und -gasvorkommen haben in Verbindung mit den seit 2003 rasant steigenden Energiepreisen zu einem starken Wirtschaftswachstum geführt, das immer mehr ausländische Firmen anlockt. Schon heute ist Russland weltweit zweitgrößter Exporteur von Rohöl und weltweit größter Exporteur von Erdgas. Wichtigster Handelspartner ist Deutschland. Russlands Staatspräsident Putin ist es in den vergangenen Jahren gelungen, für Stabilität zu sorgen, allerdings auf Kosten der Meinungsfreiheit und mittels einer sehr weitreichenden Konzentration der Macht in seinem Amt („gelenkte Demokratie“).
Stars in Zentralasien: Kasachstan und Aserbaidschan
Allen voran in Zentralasien steht Kasachstan, dessen Wirtschaft in den vergangenen Jahren durchschnittlich um 9,3% wuchs und das als Vorbild einer gelungenen Transformationswirtschaft in der ganzen Region gilt. In den 1990er Jahren wurden im Norden des Kaspischen Meeres und in der kasachischen Steppe die größten Erdölreserven der letzten 30 Jahre gefunden. Das vergleichsweise kleine Aserbaidschan erzielte in den letzten Jahren sogar Wachstumsraten von über 30% pro Jahr. Den Durchbruch brachte die Inbetriebnahme einer neuen Pipeline, die aserbaidschansches Öl ans türkische Mittelmeer liefert. „Einkommens- und wachstumsstarke Schwellenländer wie diese sind ideal für die deutsche Wirtschaft, die Maschinen und Anlagen zum industriellen Ausbau liefern kann und auch in dieser Region einen äußerst guten Ruf hat“, sagt Oliver Wieck, Geschäftsführer, Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft.
Historische Zentren, Shanghai und das Perlflussdelta
Wesentlich gigantischere Ausmaße haben dagegen die asiatischen Riesen China und Indien, die als Produktionsstätten und Absatzmärkte noch über enormes Potenzial verfügen, so Wirtschaftsjurist und Buchautor Dr. Karl Pilny. China ist mit 1,3 Mrd. Einwohnern das bevölkerungsreichste Land der Erde, die Wirtschaft weist in den Jahren von 2003 bis 2007 jährliche Wachstumsraten zwischen 10 und 11,5% auf. Die historischen Zentren bilden die Hauptstadt Peking mit ihrer Verwaltungsfunktion, Shanghai, die drittgrößte Hafenstadt weltweit und führender Finanzplatz Chinas, und Guangzhou als pulsierende Millionenstadt im Perlflussdelta, der Region rund um Hongkong. Die wirtschaftlich dynamischsten Zentren liegen heute allerdings auf dem Gebiet der Sonderwirtschaftszonen, kapitalistische Enklaven innerhalb des sozialistischen Staates, die von Deng Xiaoping generalstabsmäßig im Zuge der Wirtschaftsreformen auf dem Reißbrett konstruiert worden sind und innerhalb von 20-30 Jahren zu unglaublicher Macht erblüht sind. Die wichtigste Zone ist Shenzen im Hinterland Hongkongs, eine Stadt mit 7 Mio. Einwohnern und dem drittgrößten Steueraufkommen in ganz China. Dort sind alle Branchen vertreten, von der Leichtindustrie über die IT-Branche und den Finanzsektor bis hin zu Consumer Electronics. Es waren vor allem Unternehmen aus den westlich orientierten, kapitalistischen Zentren Hongkong und Taiwan, die am Perlflussdelta investiert und damit diesen dynamischen Entwicklungsprozess eingeleitet hatten. Über kurz oder lang wird das Perlflussdelta mit seinen Riesenstädten Hongkong, Shenzen und Kanton zusammenwachsen. Auch in der Nähe von Shanghai wurden Sonderwirtschaftszonen eingerichtet, die Mega-Städte und riesige Elektronikzentren hervorgebracht haben.
„Go west“: Neue Sonderwirtschaftszone im Landesinneren
Bisher liegen die bedeutendsten Wirtschaftszentren entlang der Küste. Deswegen gibt es seit einigen Jahren unter dem Slogan „Go West“ den Plan, das Wachstum ins Landesinnere zu verlagern. Hier gibt es riesige Städte, in die derzeit gezielt und massiv investiert wird, darunter auch Chongqing, die größte Stadt der Welt mit 35 Mio. Einwohnern. Im Landesinneren wird auch erstmals seit langem wieder eine neue Sonderwirtschaftszone errichtet: Hebei, anderthalb Autostunden südlich von Peking. Hier soll sich die Erfolgsgeschichte von Shenzen noch einmal wiederholen. Schwerpunkte sollen hier im Finanzsektor, bei Dienstleistungen und Versicherungen liegen. Hebei setzt aber auch auf den Boom der Olympiade.
Innovationspower
Bisher gilt China noch ähnlich wie Japan in den 70er Jahren vorwiegend als Billigproduktionsstandort und eine Wirtschaft, die kopiert, statt eigene Innovationen hervorzubringen. Doch dieses Klischee wird in den nächsten Jahren überholt sein. „Ich glaube, dass China eine riesige Innovationspower hervorbringen wird. Wenn man die hohe Zahl an Eliteuniversitäten, die Masse an Hochschulabsolventen sowie die enorme Lernfähigkeit und die Kapitalströme berücksichtigt, dann dürfte klar sein, dass es weniger als zehn Jahre dauert, bis China in verschiedenen Hightech-Sektoren Weltmarktniveau erreichen wird“, sagt Asien-Experte Dr. Karl Pilny. Natürlich hat das rasante Wachstum auch seine Kehrseite. Die größten Herausforderungen Chinas sind eine wirtschaftliche Überhitzung, soziale Spannungen, Umweltzerstörung, Energie- und Rohstoffknappheit.
Indien: mit Business Process Outsourcing erfolgreich
Mit 1,1 Mrd. Menschen ist Indien das zweitbevölkerungsreichste Land der Welt. Indiens Wirtschaftswachstum hat sich insbesondere nach Reformen im Jahr 1991 deutlich beschleunigt. Die Leistungsfähigkeit der indischen Wirtschaft hat in manchen Sektoren wie der Informationstechnologie oder Pharmazie bereits internationales Spitzenniveau erreicht. Das Land profitiert zunehmend von den Vorteilen der internationalen Arbeitsteilung. Rund 52% des Bruttoinlandsprodukts wurden 2004 bereits durch Dienstleistungen erbracht, vor allem bei IT, F&E sowie Verwaltungsaufgaben. Diese Services erfolgen häufig im Auftrag ausländischer Kunden und werden oft unter dem Schlagwort Business Process Outsourcing (BPO) zusammengefasst. Beispiele sind Call-Center und Dienstleistungen im Gesundheitswesen.
Wirtschaftszentren: von Bangalore bis Bollywood
Anders als China ist Indien sehr dezentralisiert und von einer großen regionalen Vielfalt gekennzeichnet, mit riesigen Bundesstaaten, die unterschiedlichste Rahmenbedingungen besitzen. Die wichtigsten Wirtschaftsmetropolen: Die Hauptstadt Neu Delhi ist Regierungszentrum und bietet zahlreiche Dienstleistungen. Mumbai (früher Bombay) ist eine bedeutende Hafenstadt, aber auch ein wichtiger Finanzplatz mit einer der ältesten Börsen Asiens. In der Nähe liegt Bollywood, die weltgrößte Filmproduktionsstätte, die in Output und Performance durchaus mit Hollywood zu vergleichen ist. Anderthalb Autostunden südlich befindet sich Pune, Sitz der Automobil- und -zuliefererindustrie. In der Hightech-Metropole Bangalore gibt es sehr viel IT-Industrie, Software, Outsourcing-Center und Call-Center. Kalkutta wird sehr oft mit extremster Armut assoziiert, hat in den vergangenen Jahren jedoch auch eine gute wirtschaftliche Entwicklung durchlaufen.
Herausforderungen: marode Infrastruktur, Armut, Kastenwesen
Zu den größten Herausforderungen Indiens zählen eine marode Infrastruktur, weit verbreitete Armut und das Kastenwesen. Nach Angaben der Weltbank haben heute 44% der Einwohner Indiens weniger als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung, mehr als ein Viertel der Bevölkerung kann sich nicht ausreichend ernähren. Je mehr westliches Gedankengut und allgemeiner Wohlstand Einzug halten, umso größer wird das Bedürfnis, den Lebensstandard der Gesamtbevölkerung zu verbessern. Das Kastenwesen ist auf dem Land immer noch vorhanden, beginnt aber in den New Metropolitan Areas, wo die junge Mittelklasse ist, langsam immer mehr aufzuweichen. Die Regierung unter Singh hat sich die Armutsbekämpfung zum erklärten Ziel gemacht – daran wird auch kein Weg vorbeiführen. Einen starken Kontrast zu den wirtschaftlichen Hightech-Zentren bildet auch die marode Infrastruktur Indiens: Autobahnen, Flughäfen, elektrische Versorgung sind in einem schlechten Zustand. „Der wirtschaftliche Aufschwung wird nur aufrechterhalten werden können, wenn die Infrastruktur mitwächst – darunter leiden Inder und die ausländische Investoren gleichermaßen“, sagt Dr. Karl Pilny.
Fazit:
Die Chancen in Mittel- und Osteuropa, Indien und China sind vielfältig. Grundsätzlich stellt jedes Auslandsengagement natürlich eine Herausforderung dar, die Risiken birgt, da man sich auf unterschiedliche Mentalitäten, Rechtssysteme und wirtschaftspolitische Rahmenbedingungen einstellen muss. Doch an der Globalisierung an sich führt kein Weg mehr vorbei. Bisher noch nicht auslandsaktive Firmen müssen sich daher entscheiden, ob sie treibende Kräfte oder Getriebene sein wollen.
Markus Hofelich

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