Lieferengpässe sind Konjunkturbremse

Wirtschaftsprognosen trüben sich ein.
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Der ifo-Index hat sich zum zweiten Mal abgesenkt. Lieferengpässe bei Vorprodukten in der Industrie und Sorgen wegen steigender Infektionszahlen belasten die Konjunktur. Mit diesen eher nachdenklichen Nachrichten beginnen wir unseren Überblick über die aktuellen Wirtschaftsprognosen.

Die Stimmung in der deutschen Wirtschaft hat sich nach aktuellen Zahlen des Münchener ifo-Instituts weiter eingetrübt. Der ifo Geschäftsklimaindex ist im August auf 99,4 Punkte gefallen. Dies ist bereits der zweite Rückgang. Das Absinken der Zahlen sei vor allem auf deutlich weniger optimistische Erwartungen der Unternehmen zurückzuführen. Insbesondere im Gastgewerbe und im Tourismus würden die Sorgen wachsen.

ifo-indexDie aktuelle Lage bewerteten die Unternehmen hingegen etwas besser als im Vormonat. Gerade im verarbeitenden Gewerbe und auch im Dienstleistungssektor werde die aktuelle Lage sehr gut bewertet – auch aufgrund der guten Auftragslage. Aber Lieferengpässe und steigende Preise drücken gewaltig auf die Stimmung.

Produktion muss vielerorts gedrosselt werden

Die deutschen Hersteller hatten im August aufgrund der anhaltenden Lieferengpässe Schwierigkeiten, mit der hohen Nachfrage Schritt zu halten. Dies zeigen die aktuellen Daten des IHS Markit Einkaufsmanager Index. Erneut leicht zurückgegangen sei die Zuversicht für das zukünftigen Wachstums. Die Experten begründen dies mit einem zunehmenden Preisdruck. Gleichzeitig würden die Firmen versuchen, ihre Kapazitäten zu erweitern. Dies zeige sich darin, dass bereits zum sechsten Mal in Folge die Beschäftigung ansteigt. Dies deckt sich auch mit den aktuellen Zahlen der Bundesanstalt für Arbeit.

Zahlreiche Umfrageteilnehmer hätten aber auch berichtetet, dass sie ihre Produktion oft aufgrund von Rohstoff- und Materialknappheit nicht weiter hochfahren können – und das, obwohl es eine hohe Nachfrage gibt. „“Während die Nachfrage nach deutschen Produkten weiter beständig steigt und die Anzahl der Neuaufträge nach wie vor zu den höchsten in der Umfragegeschichte gehört, musste die Produktion aufgrund der anhaltenden Lieferengpässe vielerorts gedrosselt werden. Unterdessen treibt das andauernde Ungleichgewicht zwischen Angebot und Nachfrage die Kosten in beispiellosem Ausmaße weiter in die Höhe. Die Befürchtung vieler Manager, dass höhere Preise Kunden abschrecken könnten, war deshalb einer der Gründe, weshalb der Geschäftsausblick auf den niedrigsten Stand seit letztem Oktober gesunken ist“, erklärt dazu Trevor Balchin, Economics Director bei IHS Markit.

Gründer lassen sich nicht entmutigen

Die Pandemie hat das Gründungsgeschehen in Deutschland 2020 nur geringfügig gebremst. Nach einer gemeinsamen Untersuchung von Creditreform und dem ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung sind im vergangenen Jahr knapp 165.000 Unternehmen neu an den Start gegangen. Ungeachtet der Coronakrise sei die Zahl der Unternehmen im vergangenen Jahr leicht auf knapp 3,3 Millionen gestiegen. Erneut würden mehr Unternehmen gegründet als geschlossen.

„Die ausgezahlten Wirtschaftshilfen, die erweiterte Kurzarbeiterregelung sowie die zeitweise Aussetzung der Insolvenzantragspflicht haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Zahl der Gründungen 2020 nicht eingebrochen ist“, erläutert Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter Wirtschaftsforschung bei Creditreform.

Die Entwicklung der Gründungen hätten im Jahresverlauf allerdings deutliche Schwankungen gezeigt. „In der Zeit der stärksten Einschränkungen wurden offenbar viele Gründungsprojekte unterbrochen, aber nicht aufgegeben und im weiteren Jahresverlauf wieder aufgenommen“, sagt Dr. Sandra Gottschalk, Wissenschaftlerin am ZEW. Rege sei das Gründungsgeschehen insbesondere im Versand- und Internet-Handel (plus 24 Prozent auf 3.100 Gründungen) gewesen – ebenso wie bei Herstellern und Dienstleistern von Informations- und Kommunikationsgeräten (plus 5,2 Prozent auf 7.500 Gründungen). „Spannung verspricht der Verlauf des Gründungsgeschehens in der Nach-Coronazeit. Sollte die neue Bundesregierung ein Infrastruktur- und Konjunkturpaket auf den Weg bringen, dürfte das vor allem zu zahlreichen Gründungen im Hightech- und Technologiebereich führen“, erwartet Hantzsch.

KfW: Wachstum ist zurück

„Das Wachstum ist zurück“ heißt es im aktuellen Bericht der Research-Abteilung der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Dank der deutlich gesunkenen Infektionszahlen habe sich die Wirtschaft im zweiten Quartal deutlich erholt und das deutsche Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei um 1,6% gewachsen. Durch die Angst vor der Delta-Variante und die Materialengpässe sei das Wachstum allerdings begrenzt worden. Die Experten der KfW rechnen damit, dass das Vorkrisenniveau des BIP zum Jahresende überschritten wird. Für 2021 rechnet KfW Research jetzt mit einem preisbereinigten Wachstum von 3,0% in Deutschland.

KfW Research August Das Angebot an Materialien und Vorprodukten werde auch für den Rest des Jahres noch der restringierende Faktor für die Bau- und insbesondere Industrieproduktion bleiben. Die aktuellen Engpässe erstrecken sich auf eine Vielzahl von Produkten. Besonders gravierend ist aber der Mangel an Chips beziehungsweise Halbleitern, weshalb die Hersteller von elektrischen Ausrüstungen derzeit am stärksten von den Knappheiten betroffen sind (84,4%). Aber auch rund 83% der Hersteller von Kraftwagen und Kraftwagenteilen klagen primär wegen des ChipMangels über Produktionsbehinderungen. Für das kommende Jahr 2022 rechnen die KfW-Experten sogar mit einem Wachstum von 4,2%.

Exporterwartungen gefallen

Unter den deutschen Exporteuren hat sich die Stimmung merklich verschlechtert. Die ifo Exporterwartungen der Industrie sind im August auf 16,6 Punkte gefallen, von 23,1 Punkten im Juli. Insgesamt laufe die deutsche Exportwirtschaft jedoch nach Aussage der Ifo-Experten weiterhin sehr gut. Einen deutlichen Dämpfer müsse die Elektroindustrie verkraften. Die Automobilindustrie hingegen erwarte eine größere Dynamik beim Auslandsgeschäft. Auch in der Papierindustrie zeigten sich die Unternehmen wieder optimistisch.

Autorenprofil

Als Redakteur der Unternehmeredition berichtet Alexander Görbing regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Zu seinen Schwerpunkten gehören dabei Restrukturierungen, M&A-Prozesse, Finanzierungen sowie Tech-Startups.

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