Studie: Nachhaltigkeit muss immer noch vom Chef verordnet werden

Odgers Berndtson veröffentlicht Studie über die Einstellung von Deutschlands Führungselite zu Nachhaltigkeit und Führung

© gustavofrazao - stock.adobe.com

Ohne eine konsequente Vorreiterrolle des Top-Managements geht eine nachhaltige Unternehmenskultur in deutschen Unternehmen selten über eine Absichtserklärung und Zieldefinition hinaus. Immer noch bleibt Nachhaltigkeit zu oft ein Thema auf Vorstandsebene, ohne das Gesamtunternehmen in seiner Breite zu durchdringen. So lautet eine der Kernthesen der Sustainability und Leadership-Studie, welche die Unternehmensberatung Odgers Berndtson jetzt veröffentlicht hat. Hierzu haben die Personalberater die 90 führenden Unternehmen in Deutschland hinsichtlich ihrer Nachhaltigkeitsbestrebungen untersucht. Darunter die 30 DAX- und 30 MDAX-Unternehmen sowie die 30 größten, nicht börsennotierten Unternehmen. Ergänzend haben die Partner mit rund 60 Top-Führungskräften aus der Industrie, dem Handel und der Konsumgüterbranche exklusive Interviews zu ihrer Meinung über ESG-Kriterien und konkreten Maßnahmen für mehr Nachhaltigkeit in ihren Unternehmen geführt.

Für drei Viertel der Führungskräfte ist Nachhaltigkeit ein Muss

„Heute zählt immer mehr auch der kulturelle und soziale Kontext“, erklärt Gabriele Stahl, Autorin der Studie und langjährige Partnerin bei Odgers Berndtson; Foto: Odgers Berndtson

Die gute Nachricht: Nachhaltig zu wirtschaften ist in den größten Wirtschaftsunternehmen Deutschlands kein bloßes Lippenbekenntnis. Drei Viertel der befragten Vorstände und Geschäftsführer haben Nachhaltigkeitskriterien im Purpose ihres Unternehmens verankert. Klare ESG- und Nachhaltigkeitsthemen zu etablieren, wird als Chefsache gesehen. Die schlechte Nachricht: Der von der Führungsspitze entgegengebrachte Elan ebbt bereits in den darunterliegenden Managementebenen stark ab. Nur zwei von fünf Managern auf den Führungsebenen unter dem Vorstand messen Nachhaltigkeit eine hohe Bedeutung für den Unternehmenserfolg bei. „Die Nachhaltigkeitsdebatte in Deutschlands Top-Unternehmen hat ein neues Verständnis von langfristigem, wirtschaftlichem Erfolg und sinnhaftem unternehmerischem Agieren in den Führungsetagen angestoßen. Heute zählt immer mehr auch der kulturelle und soziale Kontext“, erklärt Gabriele Stahl, Autorin der Studie und langjährige Partnerin bei Odgers Berndtson. „Die Herausforderung der Führungsspitze liegt darin, die Notwendigkeit eines nachhaltigen Handelns in die Organisation stärker einzubringen, intensiv zu kommunizieren und vor allem Vorbildfunktion einzunehmen“, meint die Personalberaterin.

Hohe Abhängigkeit von Kundenpräferenzen

Die Treiber der nachhaltigen Investitionen sind vor allem die Kunden und weniger die Investoren. Mehr als 75 Prozent der Befragten gaben an, dass sie ihre Nachhaltigkeitsaktivitäten von der Erwartungshaltung und den Präferenzen von Kunden und Konsumenten abhängig machen. Während in der produzierenden Industrie zunehmende Regulierungen sowie der Druck einer nachhaltigen Lieferkette die Investitionen zu mehr Nachhaltigkeit anregen, ist es im Konsumgütersektor der Verbraucherwunsch nach nachhaltig produzierten Waren. Mehr bezahlen für diese will der Verbraucher jedoch noch nicht. Die Forderung von Investoren zur Einhaltung von ESG-Kriterien ist dagegen nur für knapp 30 Prozent relevant, auch wenn sie sich positiv auf die Entwicklung der Anlagerendite auswirkt.

Forderung nach Einfließen in die variable Vergütung

Nachhaltigkeit muss im Unternehmen messbar gemacht werden. Dem stimmen 72 Prozent der Befragten Top-Manager zu. Vor allem die jüngeren Generationen, wie die „Gen Z“ und die „Millennials“, fordern erkennbare und messbare Maßnahmen von Unternehmen. „In künftige Entwicklungs- und Rekrutierungsprozesse muss deshalb die Frage nach dem nachhaltigen Mindset berücksichtigt werden. Nachhaltiges Handeln im Management sollte zukünftig als stärkeres Kriterium für die variable Vergütung von Bedeutung sein“, betont Gabriele Stahl.

Komplexe Aufgabe für Chief Sustainable Officers

In ihrer neuen Sustainability und Leadership Studie hat Odgers Berndtson auch die Rolle des Chief Sustainable Officers (CSO) analysiert. Die Erwartungen an das CSO-Profil sind enorm. Er oder sie muss ein Diplomat, Netzwerker, Change Manager und Visionär in einem sein; muss über mehrjährige Berufserfahrung und eine hohe Reputation im Unternehmen verfügen. Zugleich soll er frische Ideen einbringen. Eine heere Aufgabe, die aufgrund der geforderten Kenntnis der Geschäftsstrukturen in den meisten Unternehmen intern besetzt wird. In DAX-Konzernen sogar zu 92 Prozent. Zu jeweils einem Fünftel werden sie in den M-DAX und den nicht börsennotierten Unternehmen von externen Managern besetzt. Doch wer sich auf dem Posten des CSOs bewährt, dem bescheinigen die Befragten mehrheitlich ein Sprungbrett nach ganz oben.

Die neue „Sustainability & Leadership Studie“ finden Sie hier zum Download: Sustainability & Leadership Studie

Autorenprofil

Als Redaktionsleitung der Unternehmeredition berichtet Eva Rathgeber regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen Wirtschaftsjournalismus und PR.

Vorheriger ArtikelMutares schließt Verkauf der Anteile an STS Group ab
Nächster Artikel(Kleinere) Brötchen backen nach der Insolvenz