Das Wachstum stockt – die Preise steigen kräftig

Wirtschaftsprognosen
(c) Philip

Das Wachstum in der deutschen Industrie verlor im Mai erneut etwas an Dynamik, was in wesentlichem Maße an den immer akuteren Lieferengpässen lag. Demnach erreichten die Verzögerungen in der Zulieferung ein neues Rekordniveau. Das ist die Kernaussage des neuen IHS Markit Einkaufsmanagerindex Deutschland. Mit dieser zwiespältigen Nachricht beginnen wir unseren Überblick über die aktuellen Wirtschaftsprognosen.

„Die Daten vom Mai zeigen, dass das Wachstum in der Industrie, obwohl es immer noch kräftig ist, durch die zunehmenden Lieferengpässe gebremst wird. Die Situation in den Lieferketten hat sich weiter verschärft. Mittlerweile melden fast vier von fünf Herstellern längere Vorlaufzeiten für ihre Rohmaterialien. Die Zahl der Unternehmen, die aufgrund von Ausfallzeiten eine geringere Produktionsleistung und weniger Neuaufträge registrierten, wächst stetig“, erklärt Phil Smith, Associate Director bei IHS Markit. Die Verzögerungen in der Zulieferung erreichten ein neues Rekordniveau. Zudem trieben die geringe Verfügbarkeit und andauernde Materialknappheit die Einkaufspreise nach Analyse der IS-Markit-Experten auf bisher nie gesehene Höhen. Dennoch blieben die meisten Umfrageteilnehmer zuversichtlich und wollen weiter kräftig Personal einstellen, um für die erwarteten Geschäftszuwächse ausreichende Kapazitäten zu haben. Der saisonbereinigte IHS Markit Einkaufsmanagerindex gab den zweiten Monat in Folge leicht nach und entfernte sich weiter vom Rekordwert Ende des ersten Quartals. Mit 64,4 Punkten (April 66,2) notierte der Index aber auch im Mai weiter in der Wachstumszone.

Lage der Autoindustrie auf Dreijahreshoch

Die Geschäfte der deutschen Autohersteller und ihrer Zulieferer sind nach einer aktuellen Untersuchung des Münchener ifo-Instituts im Mai deutlich besser gelaufen als im Vormonat. Der Indikator zur Geschäftslage stieg auf plus 36,6 Punkte, nach plus 23,7 im April. Das sei der beste Wert seit September 2018. „Die Geschäfte laufen im Moment noch sehr gut“, sagt Dr. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo-Umfragen. Aber wegen des anhaltenden Mangels an Elektronikbauteilen ist der Optimismus der Automanager erstmal verflogen. Der entsprechende Indikator sackte auf minus 1,4 Punkte, nach plus 23,2 im April. Das ist der schlechteste Wert seit Mai 2020. „Die Nachfrage konnte nicht mehr so stark zulegen wie zuletzt“, fügt Wohlrabe hinzu.  Entsprechend verlangsamte sich auch das Wachstum des Auftragsbestandes. Für die Beschäftigten der Branche sieht es weiter ungut aus: Die Beschäftigungspläne sehen einen Arbeitsplatzabbau vor. Der Indikator ließ leicht nach auf minus 30,2, nach minus 29,4 im April.

Großinsolvenzen weiterhin im Tiefflug

Die Großinsolvenzen bleiben in den ersten drei Monaten des Jahres 2021 weiter auf Tiefflug. Lediglich 15 Firmen mit einem Umsatz größer 20 Mio. EUR stellten nach einer aktuellen Studie von FalkenSteg im ersten Quartal 2021 einen Insolvenzantrag. „Die Insolvenzwelle wird wohl nicht kommen, auch nicht durch das Wiederscharfschalten der Insolvenzantragspflicht seit Anfang Mai. Ich erwarte eher einen leichten und gedehnten Anstieg zum Ende des Jahres. Dabei werden die Anträge je nach Branche schneller oder langsamer zunehmen“, prognostiziert Studienautor und Falkensteg-Partner Johannes von Neumann-Cosel. Letztlich habe die Politik ihr primäres Ziel erreicht, die Insolvenzen bis zur Bundestageswahl Ende September nicht in die Höhe schießen zu lassen. Bisher verzeichnete die KfW nach eigenen Angaben 300 Mio. EUR an „faulen“ Corona-Krediten. Die Ausfallrate könnte jedoch weiter steigen, wenn die Tilgungsaussetzung bei den meisten KfW-Krediten nach ein bis zwei Jahren beendet ist. „Die Frist wird bei den meisten Krediten bald erreicht sein. Dabei bleibt es fraglich, ob Unternehmen mit einem margenschwachen Geschäftsmodell die Kreditkosten überhaupt tragen können. Wenn nicht, könnte eine Insolvenz folgen“, so von Neumann-Cosel.

Coronapandemie verhindert Investitionen

Rund 60 Prozent der Handelsunternehmen in Deutschland können derzeit aufgrund der wirtschaftlichen Auswirkungen der Pandemie und der Coronamaßnahmen nicht in ihre Zukunft investieren. Das zeigt eine aktuelle Umfrage des Handelsverbandes Deutschland (HDE) unter mehr als 1.100 Händlern. „Die Lage bei vielen Nicht-Lebensmittelhändlern ist nach wie vor dramatisch. Angesichts von Umsatzausfällen von bis zu 80 Prozent und den Ausgaben für notwendige Hygienemaßnahmen in den vergangenen Monaten ist die Zukunftsfähigkeit vieler Unternehmen in Gefahr. Oft sind keine Mittel mehr da, um in die Digitalisierung zu investieren“, so HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth. Die HDE-Umfrage zeige, dass gerade mittelständische Handelsunternehmen mit einem Jahresumsatz von weniger als 500.000 Euro auch für den Rest des Jahres pessimistisch sind. Demnach haben 40 Prozent dieser Betriebe für 2021 keine Investitionen geplant. Gleichzeitig halten aber mehr als 70 Prozent der Händler weitere Investitionen in die Zukunftsfähigkeit für wichtig.

Unternehmen planen Preiserhöhungen

ifo steigende preise Immer mehr Unternehmen in Deutschland wollen ihre Preise erhöhen. Das geht aus der Konjunkturumfrage des ifo Instituts vom Mai hervor. Insbesondere im Großhandel stieg die Zahl auf 65 Punkte, von 54 im April. „Viele Unternehmen geben Preiserhöhungen auf der Beschaffungsseite weiter“, sagt Dr. Klaus Wohlrabe, Leiter der ifo Umfragen. „Zudem gibt es teilweise Nachholeffekte aufgrund früherer Preissenkungen während der Coronakrise“, ergänzt er. Es gebe nur wenige Branchen, in denen keine Preiserhöhungen vorgesehen sind. „Die starken Preissteigerungen bei vielen Rohstoffen ziehen sich letztendlich quer durch die gesamte Wirtschaft“, sagt Wohlrabe.

Fachkräftemangel nimmt trotz Lockdown zu

Im zweiten Quartal hat in Deutschland der Fachkräftemangel weiter deutlich zugenommen. Das zeigen die Erhebungen zum aktuellen KfW-ifo-Fachkräftebarometer. Ein Viertel aller Unternehmen sieht seine Geschäftstätigkeit dadurch behindert, mehr als doppelt so viele wie vor einem Jahr. Der Fachkräftemangel wird nach Einschätzung der KfW-Experten in den nächsten Jahren ohne weiteres Gegensteuern zu einem gravierenden Wachstumshemmnis werden. Der Anstieg des Fachkräftemangels sei zum einen auf die wieder zunehmende Arbeitskräftenachfrage zurückzuführen: Das Bruttoinlandsprodukt ist vom 2. Quartal 2020 bis zum 1. Quartal 2021 saison- und kalenderbereinigt nach KfW-Berechnungen um 7,4% gestiegen. Die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten habe sich durch die steigende Nachfrage von Juni 2020 bis Februar 2021 um 330.000 erhöht und stieg auch zu Beginn dieses Jahres trotz des Lockdowns saisonbereinigt weiter an. Zusätzlich sei das Arbeitskräfteangebot erheblich knapper geworden, weil die Nettozuwanderung aus dem Ausland weitgehend versiegt ist.

ifo Beschäftigungsbarometer gestiegen

Die deutschen Unternehmen planen mehr Mitarbeiter einzustellen. Das ifo Beschäftigungsbarometer ist im Mai auf 100,2 Punkte gestiegen. Das ist der höchste Wert seit Juni 2019. Der Impffortschritt und die Öffnungsperspektiven wirken sich nach Ansicht der ifo-Studie positiv auf den Arbeitsmarkt aus. Im Verarbeitenden Gewerbe steigerte sich die Einstellungsbereitschaft seit dem Tiefpunkt vom Mai 2020 kontinuierlich. Besonders hoch ist der Bedarf an neuen Mitarbeitern in der Elektroindustrie. Im Dienstleistungssektor hat der Indikator einen deutlichen Sprung nach oben gemacht. Die Logistik und die IT-Dienstleister suchen neues Personal.