Michaela Gerg: „Skifahren bedeutet für mich Freiheit“

Michaela Gerg zählt zu den ehemals erfolgreichsten deutschen Skirennläuferinnen. Wir haben mit ihr über ihr bewegtes Leben gesprochen.
Foto: Rauchensteiner

Michaela Gerg zählt zu den ehemals erfolgreichsten deutschen Skirennläuferinnen. Im Lauf ihrer Karriere fuhr sie circa 200 Mal unter den besten zehn und 41 Mal unter den besten drei. Heute leitet die 56-Jährige nach einer überstandenen Krebserkrankung eine Skischule und eine Stiftung für sozial benachteiligte und behinderte Kinder. Wir haben mit Michaela Gerg über ihr bewegtes Leben gesprochen.

Unternehmeredition: Frau Gerg, Sie blicken auf eine sehr erfolgreiche Sportlerkarriere zurück. Wie steinig ist der Weg und wie schafft man es zum Ziel?

Michaela Gerg: Das ist im Sport nicht anders als im normalen Leben. Es ist mit viel Aufwand, viel harter Arbeit und zahlreichen Schmerzen verbunden. Und wie anderswo kann man es dort nur nach oben schaffen, wenn man Leidenschaft besitzt. Damals hatte ich Leidenschaft, und für mich bedeutete das Skifahren Freiheit. Am Nachmittag, wenn ich auf die Piste durfte, fühlte ich mich wohl, denn dann war ich auch weg von den Fittichen meiner Eltern. Ich war mit meinen Freunden unterwegs und durfte so sein, wie ich bin. Ich hatte wirklich diese Leidenschaft und Liebe für den Sport. Peu á peu bin ich dann immer weiter in den Leistungssport hineingeraten. Irgendwann war es nur noch harte Arbeit. Wenn man zum zehnten Mal nach Val d’Isère fährt, dann ist das alles auch gar nicht mehr so lustig.

Unternehmeredition: Wie konnten Sie sich denn da immer wieder motivieren?

Gerg: Als Sportler verletzt du dich, bist eine Saison weg und belegst 40. Plätze. Dann muss man sich Schritt für Schritt wieder nach oben kämpfen. Ich habe mir dabei immer vor Augen geführt, wie mein Leben sonst ausgesehen hätte. Meine Eltern waren ja sehr bodenständig und meinten, dass man nicht nur Skifahren könne, sondern irgendetwas Richtiges lernen müsse und so lernte ich Verwaltungsangestellte in Lenggries. Dort saß ich im Büro und habe Hunde- und Gewerbesteuern abgebucht oder Überweisungsträger abgetippt. Und da habe ich mir geschworen: das mache ich nicht. Und wenn es minus 20 Grad hatte und ich die Nase voll hatte vom Training, habe ich mir das vor Augen gehalten und dann war alles gar nicht mehr so schlimm.

Foto: Rauchensteiner
Unternehmeredition: Wie kommt man denn überhaupt zum Leistungssport? Sie hätten ja auch Freizeitsport betreiben können?     

Gerg: Meine Mutter war schon sehr ehrgeizig. Sie wollte eigentlich immer selbst Skirennen fahren, hatte aber nicht die Möglichkeit dazu. Sie hat immer gesagt: Wenn du im Skiclub bist, dann bitte richtig. Wenn ich zweite geworden bin, hat sie gefragt, warum bist du nicht erste geworden?

Unternehmeredition: Fühlten Sie sich da nicht in ein Schema gepresst?   

Gerg: Am Ende ist es mir schon schwer gefallen. Als ich im Skiweltcup gefahren bin, besaß ich ja schon viel Erfahrung und man geht dann nicht immer konform mit den Trainern. Das wird aber nicht akzeptiert. Man wird so gut wie gar nicht in die Entscheidungen eingebunden. Deshalb habe ich mich am Ende meiner Karriere selbstständig gemacht. So war ich finanziell unabhängig und konnte die Trainingszeiten selbst bestimmen. Mein Mann, der ja Skitrainer in Österreich war, hat mich dabei sehr unterstützt.

Unternehmeredition: Wie fühlt sich der Moment des Sieges an?     

Gerg: Mein schönster Sieg war der letzte. Damals hatte ich mich bereits selbstständig gemacht. Jeder hatte mich schon abgeschrieben. Und ich habe dann in dem Jahr nochmal gewonnen, sogar vor unserer Größe Katja Seizinger. Das war für mich ein persönlicher Sieg. Und es war kein Zufallssieg! Mir gefiel es, meinem Umfeld zu zeigen, dass auch andere Wege zum Ziel führen. Das ist vielleicht das Learning meines Lebens: Ein Weg muss nicht immer für alle passend sein.

Unternehmeredition: Sie mussten eine Reihe privater Rückschläge überwinden, unter anderem erholten Sie sich von einer Krebserkrankung. Woher schöpfen Sie die Kraft?       

Gerg: Ich halte es für wichtig, sich einen positiven Anker zu setzen. Mein positiver Anker war, dass ich einen kleinen Sohn hatte, der damals ein halbes Jahr alt war. Für mich war das ein No Go, für ihn nicht mehr da sein zu können. Ich wollte unbedingt leben, um ihm eine Mutter sein zu können. Man muss diese positiven Dinge sehen und sich vor Augen halten, was im Leben alles positiv ist. Und wenn etwas nicht positiv ist, sollte man loslassen und sich verändern. Ich habe damals zum Beispiel erkannt, dass mein Mann nicht der richtige für mich ist, weil ich mich in dieser Beziehung verbiegen musste. Danach habe ich mich verändert.

Unternehmeredition: Welchen Ratschlag geben Sie Menschen in Lebenskrisen?

Gerg: Sich hinzusetzen und sich die Ruhe zu nehmen. Ich gehe dann zum Beispiel in die Berge. Das ist mein Ruheanker. Sich hineinzufühlen, welche Personen einem guttun und welche Energie abziehen oder herauszufinden, welche Aufgaben zu einem passen und welche nicht. Ich mache das jetzt einmal im Jahr. Dann ziehe ich Bilanz, schreibe mir alles auf und versuche dann peu à peu etwas zu verändern.

Unternehmeredition: Wünschelruten und Feng Shui − woher kommt Ihr Hang zur Esoterik?   

Gerg: Der Ursprung liegt bei meiner Mutter. Als ich Kind war, sind wir nie zum praktischen Arzt gegangen, sondern zum Heilpraktiker. Heilpraktiker haben eine andere Denkweise und arbeiten bekanntlich viel mit Wünschelruten und Energie. Hier bekam ich den Rat, eine Wünschelrute zum nächsten Rennen mitzunehmen und meinen Schlafplatz vor dem Rennen nach diesen Prinzipien auszurichten.

Unternehmeredition: Seit 2012 stehen Sie der Stiftung Schneekristalle voran, mit der Sie finanziell benachteiligte und behinderte Kinder fördern. Was bietet die Stiftung und worum geht es Ihnen dabei?     

Gerg: Entstanden ist alles in meiner Skischule. Da gab es immer wieder Kinder in Schulgruppen, die sich das nicht leisten konnten. Anfangs habe ich versucht, das über eigene Sponsoren der Skischule abzudecken. Auf jeden Fall habe ich da begonnen hinzusehen, wie es in der Gesellschaft aussieht und wie viele Kinder sozial benachteiligt sind. Damals hatte mein Steuerberater die Idee, eine Stiftung zu gründen, um noch viel mehr Kinder zum Sport bringen. Da geht es nicht um Leistungssport, sondern um Bewegung, Selbstvertrauen und den Umgang mit Erfolg und Niederlagen. Vielen Benachteiligten fehlt dieser Spirit und über den Sport kann man den Kindern diese Werte relativ leicht vermitteln. Aktuell haben wir um die 5.000 Kinder im Programm.

Unternehmeredition: Von 1996 bis 2002 waren Sie als Co-Kommentatorin für Eurosport und für das ZDF tätig. Welche Erfahrungen haben Sie hier gesammelt?

Gerg: Früher habe ich mich immer geärgert, dass Journalisten oft so penetrant waren und so komische Fragen gestellt haben. Ich war auch nicht gerne in den Medien, weil es mir unangenehm war, so viel von mir Preis zu geben. Im Laufe meiner Tätigkeit habe ich mehr Verständnis für Journalisten entwickelt. Außerdem konnte ich den Weltcup-Zirkus mal locker erleben ohne Druck. Ich konnte auf Partys gehen und das Drumherum erleben, das man als Sportler sonst nicht so genießen kann.

Unternehmeredition: Heute leiten Sie eine Skischule. Was fasziniert Sie nach wie vor am Skifahren und was ist Ihnen als Managerin wichtig?           
Foto: Michaela Gerg

Gerg: Ich bin da mehr oder weniger hineingewachsen. Es gab damals eine Skischule, die keinen Nachfolger hatte. Ich habe klein angefangen mit Learning by doing. Ich habe versucht, alle so zu behandeln, wie ich selbst gerne behandelt werden möchte. Es macht mir Spaß, die jungen Leute zu führen und es macht mir Spaß, ein Team zu leiten. Eigentlich wollte ich nie Skilehrerin werden, weil ich mir immer dachte, dass das Skifahren so kompliziert doch gar nicht sein kann (lacht).

Unternehmeredition: Was treibt Ihr Sohn denn so?       

Gerg: Er studiert BWL, weiß aber noch nicht, was er damit werden soll. Er ist auch Skifahrer und ist auch schon Rennen gefahren, hat aber nicht den Kämpfergeist und Willen zum Leistungssport wie ich ihn damals hatte.

Unternehmeredition: Wie oft geben Sie Motivationskurse und worum geht es Ihnen dabei?   

Gerg: Ungefähr zehnmal im Jahr. Hauptsächlich handelt es sich um meine eigene Erfahrung, die ich da weitergebe. Ich erzähle den Menschen aus meinem Leben und von meinen Erfahrungen. Ich hatte ja beispielsweise auch mal eine Gesichtslähmung. Der Körper zeigt dir, wenn es zu viel ist. Mir ist wichtig, ihnen zu vermitteln, dass es sich lohnt, Leistung zu bringen und Gas für die Ziele zu geben, die aus einem selbst herauskommen. Dann kann man auch sehr viel mehr arbeiten und leisten ohne auszubrennen.

Unternehmeredition: Frau Gerg, wir danken Ihnen für das interessante Gespräch.


ZUR PERSON

Foto: Michaela Gerg

Michaela Gerg ist eine ehemalige deutsche Skirennläuferin. Neben vier Weltcuprennen gewann sie bei der Weltmeisterschaft 1989 die Bronzemedaille im Super-G, außerdem wurde sie fünfmal Deutsche Meisterin. 1996 bis 1998 war sie als Co-Kommentatorin für Eurosport und 1998 bis 2002 für das ZDF tätig. Seit 2008 betreibt sie eine Skischule in Lenggries. Nach ihrer aktiven Karriere ließ sie sich zur Feng-Shui-Beraterin ausbilden und war auch in diesem Beruf tätig. 2012 gründete sie die „Stiftung Schneekristalle“, die sozial benachteiligte oder körperlich beeinträchtigte Kinder fördert.

Autorenprofil

Als Redaktionsleitung der Unternehmeredition berichtet Eva Rathgeber regelmäßig über Unternehmen und das Wirtschaftsgeschehen. Sie verfügt über langjährige Erfahrung in den Bereichen Wirtschaftsjournalismus und PR.

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